Verletzliche IT-Welt: Das China-Syndrom und andere Abhängigkeiten

5. April 2011, 08:45
  • international
image

Was wäre, wenn es in den IT-Produktions-Hochburgen China, Taiwan oder Südkorea zu einer Katastrophe kommt...

Was wäre, wenn es in den IT-Produktions-Hochburgen China, Taiwan oder Südkorea zu einer Katastrophe kommt...
Das schwere Erdbeben im Nordosten Japans vom 11. März 2011 hat vor allem riesiges menschliches Leid verursacht. Das Unglück hat aber auch offenbart, wie sehr die weltweite Elektroniklieferkette an teils kleinen, unbekannten Gliedern hängt. Katastrophen in Taiwan, Südkorea und China hätten ähnlich schwere Auswirkungen, sagt IHS iSuppli.
So wie Foxconn, der weltweit grösste Elektronikauftragsfertiger, verlagern derzeit viele Hersteller grosse Teile ihrer Produktion in die chinesische Provinz Sichuan am Fusse des tibetischen Hochplateaus, weil dort noch günstige Löhne locken. Aber wer erinnert sich nicht an das Erdbeben von 2008 in der Region, das damals über 80'000 Menschenleben gekostet haben soll? Eine andere Gefahr, die von dort droht, ist ein Brechen des Dreischluchtenstaudamms, des grössten Wasserkraftwerks der Welt. Die Gefahr ist durchaus real, denn wie chinesische Dammkritiker vor laufender Kamera belegen konnten, weist das gigantische Betonbauwerk an manchen Stellen schon Risse auf.
Katastrophen- und Kriegsszenarien
Taiwan, Hort vieler wichtiger IT-Unternehmen und in einigen Bereichen noch immer ein wichtiges Hardware-Mekka, ist selbst hochgradig erdbebengefährdet. Die ältesten Atomkraftwerke stehen seit 1977 in Jinshan ("Goldberg") im Norden der Insel, nur ist der Berg vulkanischen Ursprungs und teilweise noch aktiv, denn dort sind auch die beliebten heissen Schwefelquellen. Gerade ist die Atomdebatte neu entbrannt, wie die 'Süddeutsche' schreibt. Diese ist aber keineswegs neu, denn die Meiler basieren auf Westinghouse-Technologie, was angesichts des Reaktorunfalls in Harrisburg von März 1979 für Beunruhigung in der Bevölkerung gesorgt hat. Nach Tschernobyl war die Atomdebatte erstmals so richtig entflammt und wurden daher Pläne für weitere AKWs vorerst verschoben. Abgesehen von Erdbeben und der Gefahr eines GAUs in den eher schlecht gewarteten und verwalteten AKWs wird die Insel Jahr für Jahr von mehr oder weniger schweren Taifunen heimgesucht. Manche dieser tropischen Wirbelstürme sind wie "Toraji" und "Nari" aus dem Jahr 2001 so verheerend, dass in Taipei U-Bahnschächte oder in Mucha nahe der Hauptstadt Häuser bis zum Stock unter Wasser standen. Von unzähligen Todesfällen ganz zu schweigen.
Südkorea hat laut Wikipedia zwar nur mit relativ wenigen Naturkatastrophen zu kämpfen – zum Beispiel im Schnitt mit 20 Erdbeben gegenüber 1200 in Japan - aber auch das Land ist nicht frei von Gefahren. Gerade vor ein paar Monaten drohte ein neuer koreanisch-koreanischer Krieg. Südkoreas Hauptstadt Seoul, Zentrum eines Grossteils der Industrie des Landes, ist nur rund 50 km von der Grenze Nordkoreas entfernt und zeigt zum Teil immer noch Wunden des Krieges Anfang der 1950er Jahre. Nicht minder schlimm wäre ein Mega-Tsunami für Südkorea, wie er nach dem Erdbeben in Japan fast gedroht hätte. Anders als Nordkorea ist der Süden der Halbinsel weitgehend flach, weshalb die Produktionsstätten so grosser Jaeobeols wie Samsung und LG von einer durch einen Tsunami ausgelösten Sintflut leicht getroffen werden könnten und somit auch die Lieferketten für eine Reihe von Elektronikprodukten mit Samsung als führender Hersteller von DRAM- und NAND-Flash-Speicherchips.
IHS iSuppli hat sich die Mühe gemacht, mögliche Auswirkungen von Katastrophen und Produktionsausfällen in Taiwan, Südkorea und China aufzuzeichnen:
Globale Abhängigkeit von Taiwan
So wie Japan ist auch Taiwan ein wichtiger Lieferant von Elektronikprodukten. Die Insel beherbergt mit TSMC (Taiwan Semiconductor) und UMC (United Microelectronics) die grössten Chip-Auftragsfertiger (Foundries, wörtlich übersetzt "Giessereien"), die zusammen auf 67 Prozent der globalen Produktion kommen. Viele der sogenannten Chip-Hersteller sind so wie VIA Technology in Wirklichkeit fabless, das heisst fabriklos. Insgesamt zählt IHS iSuppli 150 solche Fabless-Halbleiterhersteller, die Foundry-Dienste von Unternehmen wie TSMC und UMC im Wert von 30 Milliarden Dollar in Anspruch nehmen.
Taiwan stellt laut IHS iSuppli unter anderem:
• 24 Prozent aller Halbleiter
• 37 Prozent aller Display-Treiber
• 58 Prozent aller kleinen und mittelgrossen LCD-Panels (für Smartphones und Tablets zum Beispiel)
• 34 Prozent aller grossen LCD-Panels (ab 9,1 Zoll Bilddiagonale)
Mögliche Gefahren durch Ausfälle in Südkorea
Südkorea ist mit grossen Konzernen wie Samsung, LG und Hynix ein wichtiger Lieferant von Komponenten für IT-, Telekom-, und CE-Produkte. Vieles davon konzentriert sich auf den Grossraum Seoul, wie gesagt 50 km vor der Grenze Nordkoreas, womit potentielle Gefahren für die globale Elektronikindustrie vorprogrammiert sind. Denn fast 50 Prozent aller DRAMs werden allen voran von Samsung und Hynix im Grossraum Seoul produziert, Produktionsausfälle hätten daher laut IHS-Chefanalyst Mike Howard immense Folgen für die Elektroniklieferkette.
Südkorea stellt laut IHS iSuppli:
• 59 Prozent aller DRAM-Speicherchips
• 49 Prozent aller NAND-Flash-Chips
• 27 Prozent aller Display-Treiberhalbleiterprodukte
• 51 Prozent aller grossen LCD-Panels (ab 9,1 Zoll)
• 18 Prozent aller kleinen bis mittelgrossen LCD-Panels
"Das China-Syndrom"
Als "China Syndrome" bezeichnet IHS iSuppli die Tatsache, dass ein Grossteil der OEM-/ODM-Auftragsfertigungsindustrie für Hardware-Produkte dort sitzt oder nach dort verlagert wurde. Vieles davon konzentriert sich rund um die Ballungszentren Shanghai und Shenzhen vor den Toren Hongkongs. Vier von fünf mobilen Rechnern werden heute im Grossraum Shanghai produziert, ein Viertel aller Mobiltelefone in Shenzhen.
1979 noch ein grösseres Fischerdorf mit gerade mal 30'000 Einwohnern, hat sich Shenzhen in nur gerade 30 Jahren zu einer Megametropole mit geschätzten mehr als 12 Millionen Einwohnern (offiziell 8,9 Mio.) entwickelt. (Klaus Hauptfleisch)

Loading

Mehr zum Thema

image

Der CTO von Microsoft Azure will künftig auf Rust setzen

Weil die Programmiersprache sicherer und zuverlässiger als C und C++ ist, soll sie in Zukunft vermehrt zum Einsatz kommen. Der C++-Erfinder hingegen sieht die Ablösung als "gewaltige Aufgabe".

publiziert am 28.9.2022
image

USA lockert Sanktionen für IT-Firmen im Iran

Weil die iranische Regierung den Zugang zum Internet eingeschränkt hat, versuchen sowohl Behörden als auch Private den Informationsfluss aufrecht zu halten.

publiziert am 26.9.2022
image

Deutsche Telekom wird T-Systems nicht los

Die Verhandlungen zum Verkauf der IT-Dienstleistungssparte sind laut einem Medienbericht gescheitert.

publiziert am 22.9.2022
image

RZ-Ausfälle kosten schnell mal mehr als 1 Million Dollar

Eine internationale Studie zeigt, dass die Betreiber auch im nachhaltigen Umgang mit Strom und Wasser noch Verbesserungs­potenzial aufweisen.

publiziert am 22.9.2022