Viele Projekte sind des Projektes Tod

9. Oktober 2013, 15:44
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Was die Finanzkommission an Projekt Mistra des Bundesamts für Strassen kritisiert: Ein Blick in den Bericht der Projektprüfung.

Was die Finanzkommission an Projekt Mistra des Bundesamts für Strassen kritisiert: Ein Blick in den Bericht der Projektprüfung.
"Schon wieder Informatik-Flop beim Bund" titelte heute der 'Blick'. In der Tat: Das Bundesamt für Strassen (Astra) hat nicht, wie ursprünglich geplant, 43 Millionen sondern 95 Millionen Franken für das Software-Projekt Mistra ausgegeben
Doch so heiss, wie viele Medien heute die Story aufkochen, ist die Informatik-Suppe beim Astra nicht: Die Finanzkommisson (EFK) kritisiert zwar einige (Fehl-)Entwicklungen rund um das Projekt Mistra (Managementinformationssystem Strasse und Strassenverkehr) deutlich, ist aber weit davon entfernt, den Abbruch des Gesamtprojekts oder personelle Konsequenzen zu fordern. Zu berücksichtigen ist zudem, dass sich die Rolle des Astra während des Projekts, das bereits 2003 (!) gestartet worden ist, völlig verändert hat. Entsprechend sind laufend neue Anforderungen an Mistra aufgetaucht, was erfahrungsgemäss jedes grosse Software-Projekt ins Wanken bringt.
Hier eine Zusammenfassung der wichtigsten Kritiken der Finanzkommission am Projekt Mistra:
Zu hohe Ziele und dann noch Pferde wechseln im Galopp
Wie die Kommission im 32-seitigen Bericht festhält, setzte man beim Projektstart im Dezember 2003 sehr hohe Ziele. Man wollte bis 2007 zwei alte System (Strada und Kuba) ablösen, sieben verschiedene Fachapplikationen bauen und die Daten daraus mittels eines Datawarehouses ins Web stellen. Dies damit andere Beteiligte aus Kantonen und Gemeinden mit den Daten arbeiten können. Zwischen den Zeilen kann man aus dem Bericht zur Projektprüfung herauslesen, dass man beim EFK die Ziele als zu ambitiös einschätzt.
Zudem musste ab 2007 zusätzliches Know-how ins Astra geholt werden. Man müsse berücksichtigen, dass "ab 2007 nicht nur zusätzliche Fachpersonen gesucht und eingestellt, sondern auch das dazugehörige Fachwissen aufgebaut und dokumentiert werden musste", schreibt die EFK. Das Astra selbst bläst in einer heute veröffentlichten Pressemitteilung ins gleiche Horn. Das Astra habe 2004, als das Projekt angestossen worden war, eine andere Rolle als nach 2008 gehabt. Denn 2008 wurde das Astra zum Betreiber von 1800 Kilometer Nationalstrassen, die zuvor den Kantonen gehört haben und von diesen gemanaged wurden.
Neue Teilprojekte ohne Projektauftrag, unklare Priorisierung
Bereits 2006, so die EFK, war klar, dass bei sechs der sieben Teilprojekte "massive Verzögerungen" eingetreten waren. Trotzdem gleiste man drei neue Teilprojekte auf. Für diese gab es keinen Projektauftrag und es ist gemäss EFK nicht verständlich, warum sie prioritär behandelt wurden.
Gewisse Teilprojekte, darunter das Projekt EMNS (Erhaltungsmanagement Nationalstrassen), waren dagegen aus der Roadmap zwischenzeitlich gestrichen worden. EMNS wäre eigentlich ein Kernprojekt für die "neue" Astra gewesen - das Projekt wurde in der neuesten Roadmap wieder aufgeführt. Es kamen weiterhin neue Projekte dazu, so beispielsweise eines für den Einbezug von Videomaterial.
Die EFK kritisiert, dass zwar "laufend" neue Teilprojekte ohne Aufträge generiert wurden, das wichtige Projekt EMNS hingegen gestoppt. Zudem hält der Bericht fest, dass man gewisse Teilprojekte mit dem Kauf von Standardprodukten, die man anpasste, "erschlug". So sind denn auch heute (Stand April 2013) "einige Kernapplikationen von Mistra noch nicht fertig", so der Bericht.
Überhaupt: "Über alle Teilprojekte hinweg muss die Planung und Priorisierung als mangelhaft und nicht nachvollziehbar beurteilt werden", schreibt die EFK. Man solle nun alle Teilprojekte neu überdenken.
Projektorganisation genügt nicht
Dass man sich im Projekt Mistra verzettelt hat, hat natürlich mit der Projektorganisation zu tun. Es gebe zwar umfangreiche Dokumentation und viele Regelungen, so die EFK, doch fehlten zentrale Funktionen, welche die wirtschaftliche Entwicklung des Projekts sicherstellen. So gibt es beim Astra kein IT-Finanzcontrolling, keine IT-Qualitätscontrolling und kein Change-Board. Schlimmer noch: Die EFK fand heraus, dass nicht alle Verträge im Projekt den Weg zur Astra-Mitarbeiterin fanden, die für das Vertragscontrolling verantwortlich ist. Und manche Budgets wurden innert Monatsfrist um Millionen aufgestockt, weil offenbar die Verantwortlichen nicht richtig über den Projektverlauf informiert waren.
Grundsätzlich sei das Projektmangement zu verstärken und ergänzen, fordert die EFK. Man müsse Teilprojekte sauber genehmigen lassen und Entwicklungsprozesse validieren. Ausserdem müsse man Entwicklung und Betrieb des Datawarehouses vom Projekt trennen. Auch sollten alle Projekte in Phasen gegliedert und diese klar abgeschlossen werden. Ist ein Projekt beendet, so müsse die Weiterentwicklung über das Budget für Betrieb und Wartung finanziert werden.
Kritik an Ausschreibungen
Die Art und Weise wie der Bund Informatik-Produkte und -Dienstleistungen beschafft, ist seit Jahren in der Kritik. So ist es denn kein Wunder, dass die Finanzaufsicht auch im Projekt Mistra Probleme bei der Beschaffung gefunden hat. In Teilprojekt Kuba (Kunstbauten und Tunnel) habe ein Familienunternehmen de fakto ein Monopol. Die Astra solle eine europaweite Marktanalyse machen, um herauszufinden, ob es wirklich keinen Wettbwewerb gebe.
Für andere Teilprojekte, so für das zentrale Basissystem und das Projekt TRA (Trassee) gab es zwar zahlreiche Ausschreibungen nach WTO auf simap.ch. Da aber Spezifikationen im laufenden Projekt ergänzt und verändert wurden, explodierten die Kosten trotzdem. Ein Beispiel: Das Projekt Basissystem wurde für drei Millionen Franken an Ernst Basler & Partner vergeben. Unterdessen aber sind Kosten von 14,1 Millionen aufgelaufen - ohne neue Ausschreibungen. Die Ausschreibungen seien zu eng formuliert aber gleichzeitig zu wenig präzise, kritisiert die EFK.
Und dann noch die Datenfrage...
Man kennt das Phänomen: Man arbeitet jahrelang an hervorragenden Plattformen, mit denen Daten über Web-Interfaces zur Verfügung gestellt werden. Erst später findet man dann heraus, dass man leider vergessen hat, genügend Ressourcen für die Beschaffung der nötigen Grunddaten bereitzustellen oder diese gar nicht hat.
Die EFK befürchtet ein solches Problem beim Projekt Mistra. Das Astra müsse dafür sorgen, dass Daten nicht zu granular erfasst werden und dass sie aktuell genug sind. Man dürfe zum Beispiel nicht jahrelang auf eine Bauabrechnung warten, bis man Strassendaten dem aktuellen Stand anpasse.
Ein Wunder...
Berücksichtigt man allerdings, dass das Projekt viel zu lange dauert und sich die Welt des Astra seit der Übernahme der Verantwortung für die Nationalstrassen völlig verändert hat, so scheint uns fast schon ein Wunder, dass überhaupt brauchbare Lösungen im Projekt Mistra entstanden sind.
Mistra wird zwar viel mehr kosten, als man ursprünglich gedacht hat, doch ist auch die EFK der Meinung, dass das Projekt sinnvoll sei. Und bis Ende nächstes Jahr sollen fast alle der nun total 19 Teilprojekte doch noch abgeschlossen sein. (Christoph Hugenschmidt)

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