Von Bauern, Büffeln und verlochten Millionen (dreistellig)

30. Januar 2015, 16:37
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Und hier noch unser Freitagabend-Kommentar.

Gestern habe ich es endlich gesehen: Eine tatsächlich "lebende" Business-Software von Bison im Einsatz beim zufriedenen Kunden. Momoll: "Bison Process" bei Landi funktioniert. Und die rund 200 Landi-Genossenschaften und ihre Zentrale haben tatsächlich ganz viele und ganz komplizierte Prozesse. Dass man sich vor über 10 Jahren dazu entschieden hat, selbst eine eigene Lösung zu entwickeln, ist also nachvollziehbar.
Doch wieviel hat die ganze Übung gekostet? Was ist mit dem vielen schönen Millionen, die Fenaco nach Sursee geschickt hat? Die Frage scheint niemanden mehr zu interessieren, müsste aber ein Politikum sein. Denn Fenaco gehört den Bauern und diese wiederum werden von der Allgemeinheit unterstützt wie keine andere Branche.
Wieviel sich der Bauernkonzern das Bison-Abenteuer kosten liess, wissen wir nicht. Im Geschäftsbericht 2012 wies der Konzern "Darlehen an Equity-Beteiligungen" in der Höhe von 327 Millionen Franken aus. 2013 waren es nur noch 285 Millionen Franken, von denen Fenaco 248 Millionen bereits abgeschrieben hat. Doch ist das alles? Nein!
Denn die 327 Millionen sind nur das Geld, das Fenaco bis 2012 zur Deckung der Verluste als Darlehen an Bison überwiesen hat. Dazu kommen die ganz normalen Kosten für Software-Lizenzen und Services. Doch auch das ist nicht alles, denn der Fenaco-Konzern litt unter den jahrelangen Verzögerungen bei Bison-Projekten und musste zudem auch noch teure Software von anderen Anbietern, zum Beispiel SAP kaufen. Zu guter Letzt hat man nun ja auch noch die Bison Holding ganz gekauft. Ich glaube, es geht um eine halbe Milliarde oder mehr.
Potemkinsches Software-Dörfer
Fenaco argumentiert seit vielen Jahren damit, dass es keine passende Standard-Software gäbe und eine Alternative zu Bison somit auf jeden Fall teurer gekommen wäre. Das war sehr wahrscheinlich richtig: Damals im Jahr 2002. Doch seither sind über 12 Jahre ins Land gegangen und man hat Jahr für Jahr die Verluste von Bison gedeckt.
Wenn Bison wenigstens mit dem Geld versucht hätte, die beste Bauern-Software der Welt zu machen. Stattdessen baute der ehemalige Bison-Chef Rudolf Fehlmann potemkinsche Software-Dörfer und spielte den Innerschweizer Software-Tycoon. Ich weiss nicht, wieviele Millionen Bison für die völlig überrissenen Auftritte auf der CeBIT ausgegeben hat, für die gescheiterte Kooperation mit der deutschen Software-Firma SoftM und das "Re-Branding" in Greenax um PC-Ware, respektive Comparex Schweiz, gekostet hat. 10 Millionen?
Ganz nach bewährter Schweizer Art, versucht man nun den veritablen Schweizer Software-Skandal unter den Teppich zu kehren. Bison wurde zu einer direkten Tochter von Fenaco, die Darlehen werden aus dem Geschäftsbericht verschwinden. Der langjährige Geschäftsführer und Teilhaber Rudolf Fehlmann ist weg, es wird gespart und mit dem Marketing-Gedöns ist es vorbei. Ansonsten herrscht Schweigen, nichts ist passiert und niemand ist schuld.
Damit wir uns richtig verstehen. Ich finde es gut, wenn in Sursee tolle Software gemacht wird und es ist eindrücklich, wenn ein Bauernkonzern wie Fenaco mit Einsatz modernster Technologie rationell arbeitet. Mit einer offenen und ehrlichen Haltung zur Vergangenheit ginge es vielleicht sogar besser. (Christoph Hugenschmidt)

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