Von Gigabit-Sphären und Glasfaser-Erfindern

5. Dezember 2012, 15:22
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Wer ist der wahre Glasfaser-Pionier? Darüber und über weitere Fragen rund um den Schweizer Glasfasernetz-Ausbau haben heute Vertreter der Telekom-Szene debattiert.

Wer ist der wahre Glasfaser-Pionier? Darüber und über weitere Fragen rund um den Schweizer Glasfasernetz-Ausbau haben heute Vertreter der Telekom-Szene debattiert.
Bereits zum sechzehnten Mal fand gestern und heute die Jahrestagung Telekommarkt Schweiz statt. Die Teilnehmer im Glattbrugger Renaissance-Hotel beschäftigten sich am Dienstag vorwiegend mit der Frage, ob eine Regulierung noch nötig sei. Spannung kam heute Mittwoch anlässlich der Podiumsdiskussion auf, denn Bernd Kleinsteuber, Senior Vice President Corporate Services bei UPC Cablecom, musste sich quasi gegen vier Konkurrenten wehren. Der Ton blieb aber immer gemässigt.
"Tut so, als hätte er die Glasfaser erfunden"
Der St. Galler Stadtrat Fredy Brunner, Swisscoms Netz&IT-Chef Heinz Herren, Bernd Kleinsteuber von Cablecom, Sunrise-CEO Oliver Steil und Peter Messmann als Leiter Telecom des EWZ waren sich zu Beginn der von 'Bilanz'-Journalist Marc Kowalsky moderierten Diskussion über einen Punkt einig: Glasfasern braucht es. Sie sind eine Notwendigkeit. In Detailfragen gingen die Meinungen freilich auseinander. So erinnerte Messmann daran, dass die Widerstände gegen die Glasfasernetz-Pläne des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich vor fünf Jahren riesig waren. Das EWZ sei damals noch ziemlich allein gewesen auf diesem Gebiet.
Kabelnetz-Mann Kleinsteuber meinte darauf: "Herr Messmann tut so, als hätte er die Glasfaser erfunden." Später warf er auch dem Swisscom-Vertreter vor, mit Fiber to the Street (FTTS) keine Innovation entwickelt zu haben, denn: "Wir tun seit Jahren nichts anderes als das." Tatsächlich basiert das Hybrid-Fibre-Coax-Netz von Cablecom zum grössten Teil auf Glasfasern. Nur wenige hundert Meter von den Netzknoten bis ins Haus bestehen aus koaxialen Kupferkabeln.
480'000 Haushalte angeschlossen
Doch wie weit ist der Glasfasernetz-Ausbau in der Schweiz? Heinz Herren sagte, mittlerweile seien schweizweit von allen FTTH-Akteuren 480'000 Haushalte angeschlossen worden. Drei Viertel davon basieren auf Kooperationen zwischen Swisscom und regionalen Energieversorgern. Herrens Aussage war als Antwort auf Kleinsteubers Frage zu verstehen, ob es denn überhaupt Kooperationen brauche. Aktuell kooperiert Swisscom an zwölf Standorten. Insgesamt laufen bei Swisscom 50 Glasfaser-Projekte, wobei sich in einigen Fällen weitere Kooperationen abzeichnen. Herren sagte, dass bis 2015 eine Million Haushalte einen Glasfaseranschluss haben werden.
Kleinsteuber gab sich derweil gelassen und argumentierte, UPC Cablecom könne jederzeit Glas bis in die Haushalte bringen. Aktuell beschäftigt sich Cablecom mit dem neuen Übertragungsstandard DOCSIS 3.0, der gemäss Kleinsteuber in einigen Jahren Bandbreiten "in der Gigabit-Sphäre" ermögliche. Auch Swisscom glaubt, das in die Jahre gekommene Kupfernetz mittels neuer Technik bis in fünf bis sechs Jahren in diese "Sphäre" bringen zu können. Von Glasfaser ganz zu schweigen.
In St. Gallen ist gut ein Drittel des Ausbaus beendet, wie Stadtrat Brunner sagte. In vier Jahren sollte das Projekt beendet sein. In Zürich wird es hingegen gemäss Messmann noch sieben oder acht Jahre dauern. In beiden Fällen wird es aber noch viel länger gehen, bis sich das Netz für die Energieversorger lohnt. Brunner sprach von einer Amortisation nach 20 Jahren, Messmann erwartet eine "positive Null" in 15 Jahren. Allerdings betonte er, wie auch andere Telco-Vertreter, dass Prognosen schwierig sind, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.
Optische Telegrafie und IPTV
Sunrise-CEO Steil erinnerte schliesslich alle daran, warum man überhaupt höhere Bandbreiten braucht. In Zukunft werde der Bedarf noch weiter steigen, insbesondere was den Upload betreffe. Wenn immer mehr aus der Cloud bezogen wird, braucht jedermann eine hohe Bandbreite. Viel Potenzial gibt es darüber hinaus im Bereich IPTV, so Steil.
Übrigens: Die Glasfaser wurde Mitte des vergangenen Jahrhunderts erfunden, wie Urs Ryffel, Geschäftsbereichsleiter Fiberoptik bei Huber+Suhner, in seinem Vortrag nach der Podiumsdiskussion aufzeigte. Die Ursprünge der optischen Übertragung sind aber noch älter: Ignace Chappe erfand 1792 mit seinem Bruder Claude die optische Telegrafie. Das war während der Französischen Revolution. Telcos gab es damals unseres Wissens noch nicht. (Maurizio Minetti)
Foto: Markus Senn, 'Bilanz'

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