Von Hensch zu Mensch: Ohne Sternchen Lasten heben

11. Februar 2020, 10:02
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Unser Kolumnist weiss: "Sex sells". Aber ob es Gender auch tut, muss sich noch weisen.

Frauen in der ICT sind in der Schweiz und in Westeuropa generell ein Dauerbrenner. Gut gemeinte (und gute!) Initiativen wie der geschlechterparitätische Swico IT Campus, der erstmals vor ein paar Tagen durchgeführt wurde, bilden da allenfalls einen Tropfen auf den heissen Stein.
Ich möchte aber das Thema weiter fassen und mich in die aktuelle Gender- und Sternchendiskussion einbringen, weil sie viele IT-Firmen umtreibt, zum Beispiel im Employer Branding oder im Reputationsmarketing – um nur mal die Marketingseite zu erwähnen.
Oft entzünden sich heisse Diskussionen an der Sprache. Man erinnere sich an die tapfere Zürcher SVP-Gemeinderätin, die sich kürzlich gegen die rot-grüne "Genderpolizei" auflehnte und – Stand heute – auch durchgesetzt hat. Allerdings sind die entsprechenden Zürcher Bestimmungen nicht mehr ganz à jour. Denn Sprache wird ja nicht nur geschrieben, sondern auch gesprochen. Deshalb bestimmt nun die Uni Wien: "Der sogenannte Genderstern* wird in der mündlichen Kommunikation als kurze Pause gesprochen." Bedauerlicherweise wird die Länge der Pause nicht genauer spezifiziert – liesse sich sicher auch noch regulieren.
Aber diese Ebene der Behandlung bringt uns natürlich nichts. Als alter weisser Mann wäre ich zwar prädestiniert, ein paar hässliche, lustige oder schlüpfige Sachen zum Thema beizusteuern, aber es ist nicht wirklich von Relevanz.
Mir geht es heute jedoch um etwas anderes: Nehmen wir die Forderung aus der Gender-Studies-Forschung zum Nennwert: Geschlecht ist ein soziales Konstrukt, das mit der Biologie eigentlich nichts zu tun hat, sondern kulturell geprägt wird. Es muss dem einzelnen Menschen jederzeit erlaubt sein, sein Geschlecht zu wählen, wobei es da nicht nur Männlein und Weiblein gibt, sondern sehr viele Schattierungen und Kombinationen dazwischen.
Wenn aber dem so ist, dann kann das Geschlecht kein Anknüpfungspunkt mehr für staatliche Regeln sein, da jeder frei wählen kann, als was er sich sieht und als was er sich behandelt sehen möchte. Dem Staat (und jemand anderem wohl auch) ist es nicht erlaubt, nach dem Geschlecht zu fragen und es irgendwo zu verzeichnen (Datenschutz, Privatsphäre, Datensparsamkeit als Stichworte). Dies alles hat weitreichende Folgen, von denen ich mir nicht sicher bin, ob sie alle Anhänger dieses Ansatzes wirklich voll überblicken. Und ich gleite jetzt nicht ab in eine klamaukhafte Diskussion über die Beschriftung von Toiletten im öffentlichen Raum.
Beginnen wir – für die Wirtschaft ist das relevant – mit den Vorschriften für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz. Zum Beispiel, wonach Männer regelmässig bis zu 12 kg schwer tragen und heben dürfen, Frauen nur 7 kg (auf Basis von ArGV 3). Die Aufhebung dieser Unterschiede wäre zu verschmerzen, da eine durchtrainierte Body-Builderin vielleicht effektiv mehr tragen kann als ein anämischer Sprenzel. Und es ist auch klar, dass Schwangerschaft weiterhin besonders geschützt werden könnte, da dies ein nachweisbarer medizinischer Zustand ist.
Hingegen sind sämtliche Diskussionen um Frauenquoten obsolet, da sich ja jeder selbst definieren kann. Der Bundesrat könnte damit schon morgen zu 100% weiblich sein, durch simple Erklärung der involvierten Personen. Oder die sieben Bundesräte weigern sich je einzeln, ihre Genderpräferenz bekannt zu geben, und niemand könnte sie zwingen, sich zu erklären. Frauenförderung wäre dann in den Unternehmen auch kein Thema mehr, da diese Kategorie nicht mehr relevant bzw. gar nicht mehr fassbar wäre. Die aktuellen Sorgen der Schweiz wegen der Zusammensetzung unserer Europaratsdelegation zum Beispiel würden gegenstandslos.
Bedeutsam wären die Auswirkungen im Sozialversicherungsrecht. Das Privileg von Frauen bezüglich AHV-Alter oder bei der Witwenrente hätte ein Ende. Überhaupt könnten Frauen (oder Männer oder was auch immer dazwischen) nicht mehr diskriminiert werden, Art. 8 Abs. 2 der Bundesverfassung wäre bezüglich dieser Kategorie aufzuheben. Das Thema Lohngleichheit wäre vom Tisch.
Ich persönlich könnte mit einer solchen "Aufhebung" der Geschlechter problemlos leben und fände auch die Konsequenzen tragbar. Und ich freue mich diebisch darüber, dass viele militanten Gender-Aktivistinnen letztlich ihre eigenen politischen Ideale hintertreiben und sich in die Bedeutungslosigkeit manöverieren, ohne sich dessen bewusst zu sein. Aber zu ihrem Glück sind bei uns Politik und Gesellschaft so träge, dass wir alle noch lange darauf warten können. In der Zwischenzeit bin ich dankbar dafür, dass immerhin inside-it.ch und inside-channels.ch mich nicht dazu nötigen, Gendersternchen zu verwenden.

Über den Autor:

Jean-Marc Hensch ist seit 2012 Kolumnist von inside-it.ch und inside-channels.ch. Als Verwaltungsrat, Startup-Investor und Coach ist er in der ICT- sowie in weiteren Branchen engagiert. Er äussert hier seine persönliche Meinung und twittert als @sosicles.

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