Warum der Digitec-Migros-Deal zustande kam

12. Juni 2012, 10:05
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Digitec war aktiv auf der Suche nach Investor. Neue ERP- und Shoplösung für Galaxus.

Digitec war aktiv auf der Suche nach Investor. Neue ERP- und Shoplösung für Galaxus.
Vergangenen Dienstag haben im Zürcher Kreis 5 besonders viele Champagnerkorken geknallt. "Chlöpfmoscht" gab es wohl im Migros-Hochhaus am Limmatplatz (die Denner-Filiale, wo es Alkohol gibt, ist praktischerweise gleich über die Strasse) wie auch kaum einen Kilometer entfernt an der Pfingstweidstrasse am Hauptsitz des E-Commerce-Überfliegers Digitec. Zu feiern gab es den schweizweit stark beachteten Einstieg von Migros bei Digitec.
In einem schriftlich geführten Interview mit dem E-Commerce-Spezialisten Thomas Lang von Carpathia und der Zeitung Exciting Commerce gaben die Digitec-Gründer und -Besitzer Marcel Dobler, Oliver Herren und Florian Teutenberg einige Hintergründe zum Deal preis. So haben die E-Commerce-Pioniere offenbar bereits seit einem halben Jahr aktiv nach einem Käufer gesucht und dafür die spezialisierte Firma Altium angeheuert, wie Thomas Lang in seinem Blog schreibt. Auslöser für die Suche nach einem Käufer war der Wunsch, den Aufbau des Online-Warenhauses Galaxus rascher vorantreiben zu können, schrieben die Digitec-Gründer. Bei Galaxus gibt es vom Rasenmäher über Küchengeräte und Spielzeug bis zu Heimelektro ein breites Warenhaus-Sortiment.
Mit Galaxus wollen die Digitec-Gründer auch dann noch wachsen können, wenn sie im angestammten Elektronik-Geschäft an eine Umsatzgrenze stossen, wie Florian Teuteberg (Foto) im Exklusiv-Interview mit inside-channels.ch gesagt hat.
Die Argumentation von der Digitec-Leute scheint uns nachvollziehbar, denn der rasche Aufbau eines Online-Warenhauses mit breitestem Sortiment, dürfte mehr Kapital und Einkaufsmacht benötigen, als sie mit Digitec erwirtschaften können. Die Online-Händler betonen, dass kein Zwang zum Verkauf bestanden habe - eine Aussage, die sich nicht nachprüfen lässt, die aber glaubwürdig scheint. Denn Digitec hat immerhin auch dieses Jahr genug Geld verdient, um neue Filialen zu eröffnen. Fraglich finden wir allerdings, ob man mit Digitec genug Geld verdienen kann, um in den viel grösseren und komplizierteren Markt der "Fachmärkte" und Warenhäuser einsteigen zu können.
Was will die Migros?
Warum aber steigt Migros beim grössten Schweizer Heimelektronik-Online-Händler ein? Die Frage scheint uns etwas kniffliger zu beantworten, denn Migros lacht sich mit Digitec - einmal mehr - einen direkten Konkurrenten der Tochter Melectronics und teilweise auch von Office World und sogar von Exlibris an.
Wir glauben, dass es Migros vor allem um das Know-How der Digitec-Leute beim Produktmarketing geht. Unsere Vermutung, der Migros-Konzern sei auch sehr an der neuen Shop-Software von Galaxus interessiert, wird von E-Commerce-Spezialist Thomas Lang nicht geteilt. Zwar habe der alte Digitec-Shop eine hervorragende Produktesuche, doch sei diese in der neuen Shop-Version von Galaxus eher schlechter umgesetzt, sagt Lang. Zudem baue Digitec nun doch schon ziemlich lange an einer neuen Version des Shops, so Lang.
Migros setzt für die Fachmärkte Micasa, SportXX und Melectronics Hybris als Shoplösung ein - an der Technik wird es also nicht liegen. Trotzdem hat der Konzern jahrelang an einem Shop für Melectronics gebastelt. Ob man nun hofft, gemeinsam mit den Digitec-internen Entwicklungs-Kapazitäten vorwärts zu kommen?
Auch im Produktmarketing und der Service-Qualität dürften die Digitec-Leute der Migros noch etwas beibringen können.
Ausserdem hat Digitec für Galaxus eine komplett neue ERP-Lösung selbst entwickelt, wie Florian Teuteberg letzte Woche in einem Interview mit Computerworld sagte. Die Lösung soll später auch für Digitec.ch eingesetzt werden und - wer weiss - warum nicht auch für Melectronics?
Zudem kann man sich vorstellen, dass Migros und Digitec versuchen werden, gemeinsam den lukrativen Mark für Büro-Verbrauchsmaterial, in den Digitec eh verstärkt einsteigen wollte, aufzumischen. (Christoph Hugenschmidt)

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