Was baut die Post als E-Health-Plattform für die Südostschweiz?

25. April 2018, 15:32
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Für den Verein eHealth Südost will die Post eine eigene E-Health-Plattform entwickeln. Die Verträge sind unterschrieben, das Projekt gestartet, dennoch ist vieles unklar. Warum, wird aber nicht gesagt.

Für den Verein eHealth Südost will die Post eine eigene E-Health-Plattform entwickeln. Die Verträge sind unterschrieben, das Projekt gestartet, dennoch ist vieles unklar. Warum, wird aber nicht gesagt.
Was als E-Health-Plattform für die Kantone Genf, Waadt, Tessin und Aargau gut ist, ist es für den Verein eHealth Südost nicht. Jedenfalls wird in dem Bündner-Projekt angeblich vieles neu entwickelt. Merkwürdig nur, dass es zum Stand des Projekts keine Auskunft gibt, obwohl nicht nur die Auftragsvergabe, sondern auch der Projektstart längst erfolgt sind.
Zunächst zu den Hintergründen: Bereits im Januar 2017 erhielt die Post den Zuschlag zum Einsatz kommt, die der Post gehört und inzwischen in Post E-Health umbenannt wurde. Vielmehr werden diverse Module neu entwickelt.
Warum das so ist und weitere Fragen zu dem Projekt und den involvierten Partner und Personen, will die Post derzeit nicht beantworten. Auf mehrfache Anfrage von inside-it.ch hin teilt Mediensprecherin Jacqueline Bühlmann lediglich mit: "Ich muss Sie leider mit detaillierteren Informationen momentan noch vertrösten". Man konzipiere die Plattform mit Partnerfirmen und "die Vertragsverhandlungen mit diesen Partnern laufen noch". Nach deren Abschluss werde man weiter informieren. Das ist umso merkwürdiger, weil man beim Verein eHealth Südost nichts von einem Informationsstopp weiss. Dazu aber gleich mehr.
Warum eigentlich eine neue Plattform?
Das Problem in dem Projekt: Statt Vorhandenes zu nutzen, soll vieles neu gebaut werden. Und zwar obwohl das Angebot für den Verein durchaus Module enthalten wird, die im einst von Elca entwickelten Angebot Vivates enthalten sind. Neu hinzu kommt wohl auch das Modul "Quality & Surveys" zur Messung von Qualität und Effizienz. Es ist nicht in Vivates integriert, sorgt aber immer wieder für Schlagzeilen. Bekanntlich hat die Post, um diesen Service anbieten zu können, 2015 das Health Care Research Intitute übernommen.
Doch zurück zum Verein eHealth Südost. Als die Post den Auftrag erhielt, wurde der Auftragsumfang in einer Pressemeldung immerhin so beschrieben: Neben dem elektronischen Patientendossier werde es in der neuen Lösung des Vereins klassische B2B-Anwendungen wie die Zu- und Überweisung, E-Medikation und E-Rezept geben. Auch der sichere Transfer von medizinischen Dokumenten und B2C-Anwendungen wie das E-Impfdossier gehören zum Leistungspaket, das der Verein kaufe. Zusätzlich prüfe der Verein die Möglichkeit eines Service Centers, das Stammgemeinschaftsfunktionen wie etwa die Registration von Patienten inklusive Aufklärung und Schulung, Archivierungs- sowie Datenschutz- und Datensicherheitsaufgaben übernehmen könnte, so die Post.
Wer liefert welche Module?
Auf der Basis dieser und anderer bereits bestehender Dienste soll die neue Plattform "Südost" entstehen, hiess es. Nur was sie konkret umfasst, dazu schweigt die Post. Das ist insofern erstaunlich, weil man beim Verein eHealth Südost auf bereits stattgefundene Projektsitzungen, die letzte am 19.03. 2018, verweist. Davon, dass nicht informiert werden dürfe, weiss man dort nichts. So bestätigt denn auch Richard Patt, Geschäftsführer des Vereins, dass der Projektpreis der "Submissionsofferte der Post im 2016 auf Basis des damaligen Mitgliederbestandes" entspricht.
Weiter führt er in einem Mail an inside-it.ch aus, dass der Bündner IT-Dienstleister Informatica "gemäss der Post bestimmte Aufgaben im lokalen und regionalen Field-Support im Rahmen des späteren Betriebs übernehmen" soll. Doch welche Aufgabe zum Beispiel der ebenfalls involvierte Post-Partner ITH icoserve aus Innnsbruck übernimmt, kann Patt nicht sagen. So ist unklar, welche Module über Vivates hinausgehen werden und über die von der Post ohnehin schon zur Verfügung gestellten Dienste hinausgehen. Patt teilt lediglich mit, dass der Verein "2016 eine umfassende eHealth-Plattform mit insgesamt 14 digitalen Geschäfts-Prozessen ausgeschrieben (hat), die jedoch wesentlich umfangreicher ist als in den genannten Kantonen".
Er verweist darauf, dass "einige der geforderten digitalen Geschäftsprozesse (z.B. mHealth, Medical Collaboration) erst in Zukunft im Rahmen dieser gemeinsamen Entwicklungspartnerschaft konzipiert und realisiert werden, da die erforderlichen Lösungen und Standards teilweise noch gar nicht existieren". Dafür kämen gemäss Post-Offerte für die "jeweiligen Geschäftsprozesse unterschiedliche spezialisierte Lösungspartner zum Einsatz und wir sprechen deshalb nicht von einer einzelnen Lösungskomponente, sondern vielmehr von der E-Health Lösung der Post", führt Patt aus. Und die Post habe gegenüber dem Verein mitgeteilt, dass "aufgrund der Breite und Umfang der Gesamtlösung dieses Vorhaben als Leuchtturmprojekt" gelte.
Warum das so ist, könne er aber so nicht beantworten, sagt Patt. Denn für den Verein stehe die Bereitstellung der 14 digitalen Geschäftsprozesse im Vordergrund. Die Post als Generalunternehmerin werde für deren Bereitstellung und Integration sorgen. Und die Post werde diese Prozesse genauso mit ihren verschiedenen Lösungspartnern wie mit den im Projekt involvierten Intermediären und den zahlreichen Primärsystemanbietern (zum Beispiel KIS- und Praxis-Software-Hersteller) abstimmen.
Konkreter wird auch Patt nicht. Und es stellt sich die Frage, warum so vieles unklar ist. Wer ausser ITH icoserve die künftigen Module entwickelt, weiss jedenfalls auch der Vereins-Chef nicht und verweist nur auf die sich in Schweigen hüllende Post. Baut die Post für die Plattform des Vereins etwa eine neue E-Health-Basis? Das kann Patt nicht beantworten: "Wir sind nicht in der Lage, dies in technischer Hinsicht im Detail zu beantworten, da wir uns im Projekt aktuell in der Konzeptphase befinden und primär die Bedürfnisse und Anforderungen unserer Nutzer im Vordergrund stehen", wiederholt er.
Eine interessante Figur
Bei der Suche nach Antworten auf so viele unbeantwortete Fragen, stösst man auf eine interssante Person in dem Projekt: Martin Fuchs, der pünktlich zum Start der Submission, laut seinem LinkedIn-Profil im Juni 2016 bei der Post als Leiter der E-Health-Sparte angeheuert hat. Laut 'Handelszeitung' war es eine der ersten Amtshandlungen von Fuchs, dass er die E-Health-Marke Vivates, mit der die Post seit 2013 am Markt auftrat, begrub.
Patt bestätigt, dass Fuchs in dem Projekt in der Südostschweiz von Anfang an, seit der Submission, involviert gewesen sei. Fragt sich nur, warum der Post-Verantwortliche Fuchs zu dem Projekt keine Angaben macht. Er kennt alle Beteiligten gut, auch die in Innsbruck ansässige ITH icoserve. Das Unternehmen ist zu zwei Drittel im Besitz von Siemens Healthineers, der Healthcare- und Diagnostics-Sparte des Grosskonzerns, und nach eigenen Angaben seit 2014 auch in der Schweiz tätig. Fuchs hat beispielsweise schon 2015 zusammen mit Kollegen von ITH icoserve und der Post im Auftrag von eHealth Suisse, der Kompetenz- und Koordinationsstelle des Bundes und der Kantone, die Studie (PDF) "Patientenseitige Daten im elektronischen Patientendossier" vorgelegt. Beteiligt war damals übrigens auch HINT.
Ohnehin hat Fuchs eine lange Karriere im E-Health-Bereich hinter sich. In das Business eingestiegen ist er bereits 1996 mit der damals gegründeten Fuchsgroup Consulting, die bis heute in Aarau besteht und eine Software für Altersheime vertreibt. 2003 ging Fuchs für rund drei Jahre zu SAP, um dann fast sieben Jahre für ICW (InterComponentWare) zu arbeiten, die nicht nur über den Standort Walldorf, sondern auch über den SAP-Mitbegründer Dietmar Hopp als Investor eng mit dem vorherigen Arbeitgeber von Fuchs verbundenen ist. Nach einem kurzen Zwischenspiel bei Siemens wechselte er 2014 als Chief Innovation Officer zum Healthcare-Service-Dienstleister HINT, um dann zwei Jahre später als Leiter E-Health bei der Post anzufangen.
Von solch einem Kenner der Szene und Branche so wenig zu dem Projekt des Vereins eHealth Südost zu erfahren, muss aufhorchen lassen.
Post will nun doch informieren
Manchmal hat hartnäckiges Nachfassen sogar Folgen. So betonte Post-Pressesprecherin Jacqueline Bühlmann zwar soeben noch einmal, dass es nicht möglich sei, mit Fuchs zu sprechen. Allerdings teilte sie gleichzeitig mit, man habe sich nun entschieden, über das Projekt zu informieren. Interessanterweise geschieht das nun viel schneller als noch vor einer Woche betont. Bereits am kommenden Montag soll eine weitere Pressemitteilung zu dem Projekt verschickt werden, sagt Bühlmann heute in einem Telefonat zu inside-it.ch. Man darf gespannt sein. (Volker Richert)

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