WEF-Studie prognos­tiziert neue Berufe und Jobabbau bei ICT-Firmen

18. September 2018, 14:45
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Neue Technologien schaffen bis 2022 mehr Jobs, als sie vernichten. Was das WEF für die ICT-Branche und die Schweiz vorhersagt.

Neue Technologien schaffen bis 2022 mehr Jobs, als sie vernichten. Was das WEF für die ICT-Branche und die Schweiz vorhersagt.
"The Future of Jobs" heisst die Studie, welche das World Economic Forum (WEF) neu publiziert hat. Diese befasst sich nicht mit der fernen Zukunft, sondern nimmt in Anspruch, die Trends im Zeitraum 2018 bis 2022 in 20 Volkswirtschaften und 12 Branchen aufzuzeigen.
Laut WEF werden wegen neuen Technologien in dieser Phase 75 Millionen Jobs verloren gehen, weil sich die Arbeitsteilung zwischen Menschen, Maschinen und Algorithmen rasch verschiebe. Bis 2025 würden 52 Prozent der Aufgaben von Angestellten durch Maschinen erledigt, das wäre eine Verdoppelung des heutigen Anteils.
Gleichzeitig können aber weltweit auch 133 Millionen neue Jobs entstehen, so die Autoren basierend auf Aussagen von Arbeitgebern.
Arbeitgebern und -nehmern stehe in diesen vier Jahren eine wichtige Phase bevor, in welcher Automatisierung und neue Technologien (KI, Big Data, Cloud, mobiles High-Speed-Internet, Augmented und Virtual Reality) zu mehr Effizienz und Produktivität führen, ebenso zu steigenden Einkommen, mehr Wohlstand und in Konsequenz zu höheren Steuereinnahmen.
Menschliche Eigenschaften werden gefragter
Neue Technologien haben Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und gefragte Fähigkeiten allgemein und auch in der ICT-Branche.
Im Zuge dieser Entwicklungen würden technologiebezogene und nicht-kognitive Soft Skills zunehmend an Bedeutung gewinnen. Mit letzterem gemeint sind spezifisch menschliche Qualitäten wie Kreativität, Originalität, analytisches Denken und Eigeninitiative, zudem kritisches Denken, Überzeugungskraft und Verhandlungsführung. Wer zudem stresstolerant und flexibel ist, der habe die besten Chancen auf einem Arbeitsmarkt, der immer mehr von neuen Berufen, von Outsourcing und Temporäranstellungen geprägt werde.
Es wird jedoch auch erwartet, dass Jobrollen, die "spezifisch menschliche" Eigenschaften verlangen, wie Kundendienstmitarbeiter, Vertriebs- und Marketingfachleute in der neuen Arbeitswelt eine Zukunft haben. Auch die Bereiche Schulung und Entwicklung, Menschen und Kultur, Organisationsentwicklung sowie Innovationsmanagement gewinnen an Bedeutung.
Wer hingegen mit Admin-Aufgaben, der Informationssuche oder gewissen Kommunikations- und Koordinations-Aufgaben sein Geld verdient, der sollte beruflich umplanen.
Die ICT: Cloud, Automatisierung und Outsourcing
Die Studie analysiert nicht nur länderspezifisch, sondern auch spezifisch für 12 Branchen. Für die ICT-Branche und deren Mitarbeiter lassen sich mehrere Prognosen ableiten, so die Autoren:
  1. Die rasche Einführung neuer Technologien durch die Verbraucher sowie Fortschritte im Cloud-Bereich würden das Wachstum der Branche antreiben.
  2. Spezifisch in der Schweiz sollte man den Fokus auf folgende Anwender-Technologie-Trends legen: Big Data, digitale Märkte, Machine Learning und IoT sollen bis 2022 bei der Mehrheit der Befragten eingesetzt werden.

Aus Sicht der ICT-Mitarbeiter werde in den kommenden Jahren die Automatisierung stark spürbar werden, so die Autoren. Gerade die ICT-Branche sei diejenige, die am ehesten in die Automatisierung einiger komplexer und technischer Aktivitäten investiert: "Zum Beispiel werden heute 25 Prozent der Arbeitsaufgaben mit Maschinen und Algorithmen betrieben, während es für 2022 46 Prozent sein werden."
Die Automatisierung werde Arbeitsplätze in der Branche kosten. Aber weil der Fachkräftemangel speziell in dieser Branche hoch sei, werde das Outsourcing an Spezialisten wachsen, sagen etwa die Hälfte der befragten Firmenvertreter. Mehr als die Hälfte von ihnen rechnet auch mit Standortverschiebungen deswegen.
Support- und Operationsfunktionen werden bis 2022 merklich abgebaut in den Abteilungen Sekretariat, Admin, HR und Buchhaltung von ICT-Firmen. Aufgebaut hingegen werden Funktionen wie Daten-Analyst, KI- und Machine-Learning-Spezialist, App-Entwickler, Blockchain- und UX-Spezialist sowie Sales- und Marketingprofis.
Damit sich Arbeitgeberbedürfnisse nach technologisch wie menschlich qualifiziertem Personal auch mit denjenigen von Mitarbeitern decken, müsse man in Schulung und Umschulung investieren. Je nach Branche und Land ist der Umschulungsbedarf zwischen null und einem Jahr.
Etwa die Hälfte der befragten ICT-Firmen rechnet nicht damit, bestehende Mitarbeiter umzuschulen, etwa ein Viertel rechnet im Schnitt mit bis zu sechs Monaten Umschulungsbedarf, ein weiteres Viertel mit bis zu einem Jahr oder mehr.
Über alle Arbeitnehmer hinweg jedenfalls seien 101 Tage Weiterbildung bis 2022 einzurechnen. Wer also im Schnitt nicht 25 Weiterbildungstage jährlich einkalkuliere, ob als Arbeitgeber oder -nehmer, drohe den Anschluss zu verlieren.
Wobei sich der Arbeitsmarkt sowieso verschiebe: "Je nach Branche und Land wenden sich zwischen der Hälfte und zwei Drittel der Unternehmen an externe Auftragnehmer, Zeitarbeitskräfte und Freiberufler, um ihre Qualifikationslücken zu schliessen", so der Report.
Die Empfehlung der WEF-Autoren an die Arbeitnehmer ist klar: lebenslanges Lernen, mehr Weiterbildung, Flexibilität. Die Arbeitgeber sollen in die Weiterentwicklung ihrer eigenen Angestellten investieren und sich auf noch härtere Zeiten im Recruiting einstellen.
Die Regierungen ihrerseits sollen die höheren Steuereinnahmen nicht in Steuerabbau investieren, sondern die die Sozialversicherungen nicht nur reformieren, sondern ausbauen. Angesichts der zu erwartenden Unterstützungsbedürftigen müssten auch völlig neue Modelle wie ein Grundeinkommen oder die Grundversorgung mit Basis-Services eingeführt werden.
Für den Bericht haben 300 HR-, Strategie- und Geschäftsverantwortliche von Konzernen Auskunft gegeben. Diese sollen laut den Autoren zusammen 15 Millionen Menschen beschäftigen. Hinzu kommen LinkedIn-Daten.
Der Report ist kostenlos online zugänglich. (Marcel Gamma)

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