Welche Aufgabe hat die Informatik an den Gymnasien?

6. Februar 2008, 12:42
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Ein Bericht zum aktuellen Stand aus der Sicht einer Lehrperson für Informatik und Philosophie an der Kantonsschule Luzern.

Im Jahr der Informatik 2008 sollen die rechtlichen Grundlagen der Kantone so angepasst sein, dass die Maturitätsschulen das Ergänzungsfach Informatik anbieten können. In den letzten beiden Jahren vor der Matura steht neu auch Informatik zur Auswahl. Es geht dabei um rund zwei Lektionen pro Woche. Ein Bericht zum aktuellen Stand aus der Sicht einer Lehrperson für Informatik und Philosophie an der Kantonsschule Luzern.
Ein Gastbeitrag von Paul Miotti, dipl. Inf. Ing. ETH / lic. phil.
Alarm wegen Informatikermangel
Eine Generation früher als heute gehörte die Schweiz in der Informatik-Forschung noch zu der internationalen Spitzengruppe. Auch die Etablierung der Informatik-Lehre auf Hochschulstufe erfolgte schliesslich doch, so dass eine Wirkung spürbar war, in der Schweiz z.B. im Bereich der Bildung wie auch der Wirtschaft. Doch die anderen rieben sich nicht einfach bloss die Augen. Und so kommt es, dass im Jahr der Informatik die Wirtschaft und die Politik Alarm schlagen wegen fehlenden Informatikfachleuten, die Hochschulen wegen sinkende Studentenzahlen. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich hierbei auch um eine Spätfolge der Abwertung der Informatik im Rahmen des Maturitätsanerkennungsreglementes MAR aus dem Jahr 1995 handelt, woraus hoffentlich die richtigen Schlüsse gezogen werden.
Zweifel am nationalen Rahmenlehrplan
Der Schweizerische Verein für Informatik in der Ausbildung (SVIA) hat einen nationalen Rahmenlehrplan ausgearbeitet, der auf grosse Akzeptanz gestossen ist. Aber leider nicht auf universale. Ein einzelner Kanton hat im Rahmen der Vernehmlassung in einer Stellungsnahme grundsätzliche Fragen zum Ergänzungsfach Informatik (EF IN) formuliert. Die immer gleichen Fragen scheinen sich auf allen Stufen unvermeidlich und schicksalshaft bei jeder Diskussion zum Schulfach Informatik zu wiederholen. Es geht dabei letztlich um die Gewichtung von Anwenderkenntnissen und Kern-Informatik. Soll dieses neue Ergänzungsfach eine Art Korrektiv für mangelnde Anwenderkenntnisse sein? Oder soll es analog zu anderen technisch-naturwissenschaftlichen Ergänzungsfächern auch anspruchsvollere Themen auf propädeutischem Niveau behandeln dürfen? Vordergründig wird dies an den Stichworten "Programmieren" und "Algorithmen und Datenstrukturen" festgemacht.
AnwenderIn oder "Freak"? Weder-Noch!
Für die Option "Anwenderkenntnisse" bei der Konzipierung des EF IN sprechen sich vor allem solche Personen im Bildungswesen aus, die nicht von der technisch-naturwissenschaftlichen Richtung herstammen, also vor allem die Geisteswissenschaftler. Diese haben bekanntlich in Schulleitungen und Verwaltungen ein gewichtiges Wort mitzureden. Sie reklamieren zudem für sich, die Gesamtsicht der Maturaausbildung zu kennen und zu vertreten – im Unterschied zur partikularen Fachperspektive. Umgekehrt möchten die Informatiker ein Gefäss haben, wo "richtige" Informatik angeboten werden soll, also im Rahmen der "zünftigen" Wissenschaft. Nur sind die Reihen der Informatiker leider keineswegs so geschlossen, wie sie sein könnten – genauso wenig wie die der Geisteswissenschaftler bei anderen Themen. Aber sie müssten eine Einheit bilden, um ihre Interessen durchsetzen zu können. Denn die besagten Gegensätze stellen sich in der angegebenen Weise gar nicht.
Weshalb dieselben Fragen nur in der Informatik?
Auf den ersten Blick mögen die erwähnten Hintergründe oberflächlich erscheinen. Wer genauer hinschaut, wird leider erkennen müssen, dass dem nicht so ist. Die aktuellen Diskussionen zur Informatik sind eigentlich in jedem beliebigen anderen Fach ebenso gut möglich. Nur finden sie dort eben genau nicht statt. Das mag mit dem Alter, der Tradition des Faches und der Einsicht in die eigene Kompetenz zusammenhängen. Man nehme z.B. die Philosophie. In jenem Gebiet sind alle Menschen "naturgemäss" gleichermassen kompetent. In der Didaktik dieses Faches gibt es eine zentrale Grundfrage, egal ob als Grundlagen-, Schwerpunkt- oder Ergänzungsfach: Soll man das persönliche Philosophieren der MaturandInnen üben oder das philosophische Wissen kumulieren? Finden deswegen grosse philosophische Diskurse in der Öffentlichkeit über das Fach oder über damit zusammenhängenden Gegenstände statt? Nein, denn man könnte damit Gefahr laufen, nicht besonders ernst genommen zu werden. Wir haben auch gar keine Zeit für solche Diskurse, und gerade die Philosophie weiss um die Relativität von Zeichen, wie sie auch ein Lehrplan repräsentiert. Philosophie ist Privatsache, bzw. Sache der einzelnen Lehrperson, die zweifellos kompetent genug sein muss, diese Frage adaptiv und ausgewogen in ihrem Unterricht zu beantworten. Philosophie muss auch in einem sehr simplen Sinn nicht nützlich sein, denn sie hat einen Wert in sich selbst.
Wie nützlich soll das EF Informatik sein?
Aber wie steht es mit der Informatik? Mit Ausnahme von einigen wenigen Kalligraphie-Liebhabern verwenden alle Leute, auch die im Bildungsbereich, jeden Tag extensiv ihren Computer. Deswegen ist zweifellos nicht nur die Einsicht gestiegen, dass Informatik im Rahmen des MAR ein Gefäss, vielleicht sogar ein angemessenes Gefäss, braucht, sondern auch das Bewusstsein, dass eine durchschnittliche MaturandIn über eine gewisse Anwendungskompetenz in der Informatik verfügen muss.
Die Gründe der Informatiker gegen reine Anwenderkenntnisse
Weshalb sind die Informatiker denn gegen die Option der einseitigen Hebung der Anwenderkenntnisse, wo diese Option doch die Vernunft auf ihrer Seite zu haben scheint? Die Informatiker sind nämlich wirklich dagegen – zumindest graduell und als Hauptziel. Dies geht ganz eindeutig aus dem Vorschlag des SVIA für den Rahmenlehrplan hervor. Das wichtigste Argument der Informatiker besteht wohl darin, dass diese Hebung der Anwenderkenntnisse alle Maturandinnen und Maturanden betrifft und dass sie daher in ein anderes und für alle obligatorisches Gefäss als das EF IN gehört. Diesbezüglich ist die Situation in den Kantonen sehr heterogen. Das zweite Argument kann wohl aus der Erfahrung der Geschichte der Abschaffung des früheren Maturagegenstandes Informatik und des Scheiterns des Konzeptes der integrierten Informatik des MAR entnommen werden. Ein Ergänzungsfach kann deswegen nicht mehr erfolgsversprechend auf der Basis der Idee der Informatik als blossem Mittel für andere, ausserinformatische Zwecke konzipiert werden. Schliesslich trauen die Informatiker auch den einzelnen Lehrpersonen zu, die Gewichtung der immer schon interpretationsbedürftigen Lehrpläne fachlich und didaktisch kompetent vorzunehmen und den angeblich drohenden Gegensatz in ihrem Unterricht situativ aufzuheben und dabei auf dem Niveau der Wissenschaftlichkeit der Informatik zu bleiben.
Nachqualifikation der Lehrpersonen
Die Informatiker haben also durchaus die Gesamtsicht auf die Matura in ihre Überlegungen einbezogen und haben das EF bewusst so gestaltet, dass es die maximale Wirkung erzielen soll. Sie sind sogar noch weiter gegangen und haben sich überlegt, wie Lehrpersonen ohne genügende Qualifikation, aber mit Lehrerfahrung an den Mittelschulen, dieses Fach angemessen und ausgewogen unterrichten können. In offenen Diskussionen und vielen Schritten unter Einbezug aller möglichen Interessen zeichnet sich ein Weg ab, eine valable Lösung in Bezug auf die Nachqualifikation zu finden. Dies in einem Bereich, der seit vielen Jahren von den Verantwortlichen im Bildungsbereich vernachlässigt wurde und nicht zuletzt deswegen jetzt neu aufgebaut werden muss. Dabei arbeiten die allermeisten Bildungsinstitutionen zielorientiert zusammen, sodass berechtigte Hoffnung auf eine positive Wirkung herrscht.
Welche Rolle spielt die ETH?
Insgesamt ist es sicherlich nicht falsch, das Ziel der Rehabilitation der Informatik an den Gymnasien mit einer grossen Geduldsprobe, manchmal gar mit einem Initiationsritus zu vergleichen. Und der Wunsch liegt nahe, dieser ewigen Wiederkehr derselben Fragen mindestens für eine gewisse Zeit Einhalt zu gebieten oder auch mit einer gewissen Autorität Lösungen aufzuzeigen, welche Bildungsverantwortliche, MaturandInnen, Lehrkräfte und andere Anspruchsgruppen zufrieden stellen. In der Schweiz gibt es eine Institution, der man dies zutraut und die dies auch effektiv bewerkstelligen könnte. Sie hat sich dieses Vertrauen in mehr als 150 Jahren grossartiger Wirkung aufgebaut. Gemeint ist unverkennbar die ETH. Nur leider macht es den Anschein, dass sie am ganzen Prozess nicht mitmacht. Weshalb nur? Oder handelt es sich bloss um ein Wahrnehmungsproblem? Solche und ähnliche Fragen stellen sich von aussen auch dem unbedarftesten Beobachter. Kann sich die Schweiz tatsächlich ein Abseitsstehen der ETH leisten und auf hoch stehende Lösungsvorschläge im Bereich der Informatik an Mittelschulen und deren Didaktik verzichten? Es geht hier um viel mehr als um ein kurzfristiges Konzeptions-, Administrations- und Personalproblem. Zumal die aktuellen Diskussionen nur ein Vorgeschmack darstellen auf die bevorstehende grosse Reform des MAR.

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