Weltsimulator von der ETH

5. Mai 2011, 09:00
  • politik & wirtschaft
  • eth
  • eu
image

Europäische Forscher wollen ein Computermodell entwickeln, das Prognosen für unsere komplexe Welt liefern kann.

Europäische Forscher wollen ein Computermodell entwickeln, das Prognosen für unsere komplexe Welt liefern kann.
Das Projekt FuturICT von der ETH Zürich will mit hunderten von Forschenden aus ganz Europa die Folgen menschlicher Entscheidungen auf Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft aufzeigen. Ihr Projekt gehört zu
den sechs aussichtsreichsten Kandidaten für Fördergelder im Umfang von einer Milliarde Euro, mit der die EU in den nächsten zehn Jahren eine Flaggschiff-Forschungsinitiative für Zukunftstechnologien finanzieren will. Das Pilotprojekt wurde diese Woche in Budapest offiziell gestartet.
Zeitzeichen erkennen
"Wir übertragen in gewisser Weise das Prinzip der Wettervorhersage auf gesellschaftliche Vorgänge. Das könnte der vom FuturICT entwickelte Living Earth Simulator bald auch für Politik und Wirtschaft möglich machen", erklärt der Züricher Komplexitätsforscher Dirk Helbing, der das Projekt wissenschaftlich leitet, im pressetext-Interview. Durch den Simulator könnten nicht nur Vorwarnzeichen von Umwelt-, Gesellschafts- und Finanzkrisen früher identifiziert werden, sondern auch mögliche Gegenmassnahmen und ihre Nebenwirkungen vorab getestet werden.
Intuition ungenügend
Der Bedarf für eine Plattform, mit der man alles analysieren kann, sei dringender nötig als je zuvor: "Unsere zunehmende globale Vernetzung erzeugt immer neue Abhängigkeiten. Diese verursachen Rückkoppelungs- und Dominoeffekte, die kaum mehr überschaubar sind und unsere Intuition überfordern. Wo wir nicht ausreichend auf Erfahrung bauen können, brauchen wir neue Ansätze, um unser globales technisch-sozio-ökonomisches System und seine Entwicklung besser zu begreifen", betont Helbing.
Die Vorzüge eines Vorab-Tests der Folgen von Ereignissen und Entscheidungen klingen verlockend. Ein Simulator hätte etwa infolge des Erdbebens in Japan die Auswirkungen auf das Liefer- und Produktionsnetzwerk ebenso aufzeigen können wie jene auf den Zusammenhalt der Gesellschaft. Er könnte laut dem Forscher auch Ursachen für soziale Umbrüche, für Migrationsströme und Konflikte analysieren. "Genauso hätte die Finanzkrise nie ihr jetziges Ausmass erreicht, wenn man die globalen Abhängigkeiten rechtzeitig verstanden hätte."
Data Mining zentral
Das FuturICT-Konzept beruht auf der Einbindung von interdisziplinären Kompetenzzentren zur Krisenbeobachtung, die Warnzeichen früh erkennen und Lösungsoptionen erarbeiten sollen. Vorhandene theoretische Modelle werden dabei durch Data Mining und massive Computersimulationen erweitert. Bei Fussgängern oder Autofahrern gelang dies dem Team um Helbing schon äusserst erfolgreich, auch bei Meinungsbildung und Kollektivverhalten gäbe es Fortschritte. "Eines Tages wird man die Regeln menschlicher Koordination, Kooperation, sozialer Normen und Konflikte verstehen - zwar nicht das Verhalten des Einzelnen, aber zumindest die statistischen Gesetzmässigkeiten", so Helbing.
Um zu untersuchen, wie bis zu zehn Milliarden Menschen miteinander interagieren, wird der Living Earth Simulator mit frei oder kommerziell verfügbaren Echtzeit-Daten gefüttert. "Der Fokus liegt hier allein bei den grossen Zusammenhängen, nicht beim Verhalten des Individuums", betont Helbing, der sich schon bisher für den Privatsphären-Schutz einen Namen gemacht hat. Veröffentlicht würden die Forschungsergebnisse mit grösstmöglicher Transparenz, analog dem Open-Source-Prinzip. (pte/pk)

Loading

Mehr zum Thema

image

Zürcher Datenschützerin zum Cloudeinsatz: "Der Regierungsratsbeschluss ändert gar nichts"

Bei Dominika Blonski häufen sich seit dem Frühling Anfragen von Behörden zur Cloudnutzung. Im Gespräch sagt die Datenschützerin: "Ich weiss nicht, was die Absicht der Zürcher Regierung war."

publiziert am 30.9.2022 7
image

Datenschützer äussern harsche Kritik an Cloud-Entscheiden von Behörden

Die Konferenz der schweizerischen Datenschutzbeauftragten (Privatim) fordert: Kein Freipass für Microsoft 365.

publiziert am 30.9.2022
image

Elektroflugzeug E-Sling hebt ab

Das von ETH-​Studierenden entwickelte vierplätzige E-Flugzeug ist zum ersten Mal abgehoben. Am Projekt wurde im Innovationspark in Dübendorf gearbeitet.

publiziert am 30.9.2022
image

Softwareone erhält an einem Tag 2 Freihänder für fast 14 Millionen Franken

Der Stanser IT-Dienstleister ist bei Swissgrid Reseller für Standardsoftware und kann fürs Stadtzürcher OIZ die Lizenzen für die Microsoft-EDR-Lösung liefern. Dafür kassiert Softwareone Millionen.

publiziert am 30.9.2022