Wenig Open-Source-Office in der Schweiz

4. September 2014, 13:38
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Im Rahmen der vierten weltweiten LibreOffice-Konferenz kam in Bern auch zur Sprache, wieso Microsoft Office hierzulande nach wie vor das Büro dominiert.

Im Rahmen der vierten weltweiten LibreOffice-Konferenz kam in Bern auch zur Sprache, wieso Microsoft Office hierzulande nach wie vor das Büro dominiert.
Die "Document Foundation", zuständig für die Pflege der freien Office-Suite LibreOffice, veranstaltet seit 2011 jährlich eine Konferenz, an der sich die weltweite Community versammelt. So auch vom 2. bis 5. September in Bern: Nach Paris, Berlin und Mailand geht die Konferenz 2014 in unserer Bundesstadt über die Bühne.
Im viertägigen Konferenzprogramm fällt eine Vortragsfolge besonders auf: Der "Professional User Track" vom 3. September wendet sich an Teilnehmende aus der Schweiz, Deutschland und Österreich und versammelt als einziger Präsentationen in deutscher Sprache.
Die angesprochenen Anwender und Entscheider sollen erfahren, wo und wie Open-Source-Software in Wirtschaft, öffentlicher Verwaltung und Bildung bereits in grösserem Mass eingesetzt wird und diskutieren, was einer weiteren Verbreitung entgegensteht. Denn besonders in der Schweiz, so schon die Programmbroschüre, hapere es noch ziemlich mit der professionellen Nutzung von LibreOffice & Co. – zumindest im Vergleich mit Ländern wie etwa Grossbritannien und Frankreich.
München mit Problemen
Für seine einleitenden Worte griff Nationalrat Balthasar Glättli, bekannt als Mitglied des Kernteams der parlamentarischen Gruppe Digitale Nachhaltigkeit und vehementer Open-Source-Verfechter, auf das biblische Gleichnis von der wunderbaren Vermehrung von Wein und Brot zurück: Auch Wissen vermehre sich, wenn man es teile. Im Fall von Open Source funktioniere dies bestens, was auch für andere Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft als Beispiel dienen könne. Und: Open-Source-Software werde professionell produziert und genutzt. Wer auf Open Source setze, betreibe dies weder als Hobby noch äussere er ein politisches Statement.
Dass Open Source in der öffentlichen Verwaltung der sonst dominierenden Microsoft-Welt Paroli bieten kann, sollte die schon seit Jahren immer wieder als Paradebeispiel zitierte Linux-Migration in München nachweisen. In der Verwaltung der bayrischen Landeshauptstadt existieren neben 4000 Windows-Desktops rund 15'000 Arbeitsplätze mit Linux-Clients, in Münchner Terminologie "Limux" genannt.
Migriert wurde seit 2006, in der Vergangenheit kam es aber immer wieder zu Stabilitäts- und Performance-Problemen und sogar zu Datenverlusten. Die Nutzer hatten sich entsprechend oft beschwert, unter anderem auch darüber, dass für die Büroautomation bis dato noch die Uralt-Version 3.2.1 von OpenOffice.org zum Einsatz kommt (aktuell wäre Apache OpenOffice 4.1.1). Gegen Ende 2011 entschloss man sich deshalb, anhand eines klaren Anforderungskatalogs ein neues Office-Produkt zu evaluieren, wie die zuständige Software-Architektin Jutta Kreyss in Bern erörterte.
Die Wahl fiel auf LibreOffice – unter anderem wegen der als besser eingestuften Oberfläche. Jutta Kreyss räumt jedoch durchaus einen "Bauchentscheid" ein. LibreOffice war zu diesem Zeitpunkt ja gerade erst erschienen: Das Projekt wurde 2010 als Gegenpol zu OpenOffice ins Leben gerufen, das in der Community aufgrund der Übernahme von Sun und damit auch OpenOffice durch Oracle ziemlich unbeliebt geworden war. Inzwischen hatte sich Oracle allerdings völlig von OpenOffice getrennt und den Code der Apache Foundation übergeben.
Heute existieren mit LibreOffice und Apache OpenOffice zwei freie Bürosuiten mit vergleichbarer Funktionalität und unterschiedlicher Lizenzierung. Im München steht man momentan kurz vor den User Acceptance Tests der neuen LibreOffice-basierten Büroumgebung. Wenn diese dann produktiv eingeführt wird, so hofft Kreyss, sollten die Anwenderbeschwerden zurückgehen.
Beste Gerichts-IT in Lausanne
Wenig Beschwerden gibt es beim Schweizerischen Bundesgericht. Dort setzt man gemäss IT-Leiter Daniel Brunner seit über zehn Jahren auf Open Source und fährt damit gut: "Bei einer Beurteilung unserer Infrastrukturen wurden einzig in der Cafeteria einige Mängel festgestellt. Ich bin überzeugt, dass wir am Bundesgericht die beste Gerichts-IT der Schweiz haben." Das Bundesgericht ist indes der einzige Verwaltungsbereich, der punkto Office nicht auf Microsoft setzt – die 400 OpenOffice-basierten Arbeitsplätze in Lausanne sind gegenüber dem Gros der laut Brunner 40'000 Microsoft-Office-Desktops der gesamten Bundesverwaltung nur eine verschwindend kleine Minderheit.
Immerhin: Am Bundesgericht werden pro Jahr um die 800 Entscheide gefällt, die insgesamt 200'000 Seiten an Dokumenten generieren. "Die Office-Suite ist für uns absolut strategisch", hält Brunner fest. Anders als in München nutzt man in Lausanne nicht LibreOffice, sondern Apache OpenOffice. Ausschlaggebend für die Migration vom früher genutzten StarOffice waren Aspekte wie Stabilität, "Enterprise-Readiness", das Vorhandensein einer Android-App sowie IBM als wichtiger Contributor im Hintergrund. Am liebsten wäre Brunner allerdings ein "OpenLibreOffice", das die Vorteile beider Projekte vereint.
Lizenzdschungel und mangelnde Akzeptanz
Eine gewisse inhärente Wirrnis der Open-Source-Welt zeigt sich nicht nur anhand der wechselhaften Geschichte der freien Office-Suiten, sondern auch im Lizenzdschungel, der im eigentlich als erklärend gedachten Referat der Doktores Wolfgang Straub und Matthias Stürmer mehr als deutlich zutage trat: Es gibt eine Unmenge von Open-Source-Lizenzen mit leicht oder massiv unterschiedlichen Bedingungen und Konsequenzen, nicht zuletzt was den "Copyleft-Effekt" der zwingenden Weitergabe geänderter Werke unter gleichen Lizenzbedingungen betrifft. Allein bei den beiden Office-Suiten spielen mindestens die GPL-Lizenz in Version 2 und 3 sowie die MPL eine Rolle.
In der darauf folgenden abschliessenden Diskussion zum Thema "Stand der Büroautomation in der Schweiz" kam die Lizenzvielfalt denn auch mehrfach als möglicher Verunsicherungsfaktor zur Sprache. Ein Votum aus dem Podium: "Müsst Ihr denn unbedingt ständig noch mehr Lizenzen schaffen?" Der Ersatz von Microsoft Office durch eine freie Office-Suite aus finanziellen Gründen ist mancherorts offenbar kein Thema: Mögliche Spareffekte, von den Open-Source-Verfechtern gerne zitiert, sind im Rahmen der Gesamt-IT irrelevant.
Dies meint zum Beispiel Erich Hofer, IT-Leiter beim Kanton Bern. Für ihn schlägt die riesige Zahl von Legacy-Anwendungen, die er betreuen muss, um Grössenordnungen mehr zu Buche. "Mein wichtigstes Ziel ist, den Zoo zu bändigen, von all den Fachanwendungen wegzukommen und sie wo möglich durch Standardsoftware abzulösen – damit könnte man jährlich zweistellige Millionenbeträge sparen."
Einen weiteren Grund für die geringe Verbreitung von OpenOffice und LibreOffice ortete das Podium beim fehlenden Marketing. Open Source sei beim Publikum weitgehend unbekannt, werde von PC-Verkäufern nicht verstanden und kaum je als Alternative empfohlen, sogar wenn der Kunde nachfrage. Die proprietären Anbieter seien zudem längst eine Softwaregeneration weiter: Weder gibt es ein "OpenOffice für iPad" noch ein "LibreOffice 365" mit Cloud-Integration. Gerade hier, so eines der letzten Voten vor dem Apéro, läge doch eine gute Gelegenheit für die Schweiz, mit abhörsicherer Datenspeicherung zu glänzen. (Urs Binder)

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