Wenn Software das Leben bestimmt

6. Oktober 2015, 12:26
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Immer mehr Entscheidungen werden von Software getroffen. Was heisst das für IT-Chefs? Ein Bericht vom Gartner Symposium.

Gartners Chef-Vordenker Peter Sondergaard warnt IT-Chefs eindringlich davor, alsbald ins Abseits zu geraten. Immer effizienteres Daten-Management sei zwar wichtig, doch Wertschöpfung liesse sich damit nicht generieren.
"Datenberge an sich sind völlig nutzlos, erst intelligente Auswertungen machen sie zu einem besonders wertvollen Betriebskapital", rief Gartners Chef-Researcher Peter Sondergaard in seiner Eröffnungsrede zum diesjährigen IT-Symposium in Orlando den 8500 Teilnehmern zu. Diese Erkenntnis ist nicht besonders neu. Sondergaard benutzte diese Formulierung auch nur zur Einleitung für eine weiterreichende These wonach Algorithmen – also in Software gepresste Berechnungs- bzw Entscheidungsformeln – praktisch eine Art Weltherrschaft übernehmen werden.
"Über Algorithmen differenzieren sich die Unternehmen schon heute, und in Zukunft werden Algorithmen unser gesamtes Leben bestimmen", lautet seine Prognose. Zum ersten Punkt verweist er auf den Empfehlungs-Algorithmus von Amazon und die Aktienhandels-Algorithmen der Investmentbanken. Zum zweiten Punkt erinnert er an die neuen selbstfahrenden Autos, an vorbeugende Polizeieinsätze und Computer-generierte individualisierte Medikamente. "Algorithmen werden bald über Leben und Tod entscheiden", so Sondergaard weiter.
Algorithmen sind an sich nicht neu
Wie lange es dauern wird, bis aus dieser Vision Realität werden könnte, schweigt er sich zwar aus, doch allgemein spricht er über die Entwicklung in den nächsten fünf bis fünfzehn Jahren. Bei den Teilnehmern löste Sondergaard übrigens mit seinen provozierenden Thesen weder Proteste noch Beifall aus. "Algorithmen sind in der IT-Welt überhaupt nichts Neues – auch Sondergaard spricht ja eine paar Beispiele an – neu ist dagegen, dass die Maschinen jetzt selbst lernen und ihre Algorithmen völlig autonom anpassen können. Das ist eine neue Herausforderung an die IT, denn es ist das Ende der total deterministischen Output-Generierung, wie wir sie seit den ersten Computertagen kennen“, meinte Mark Lendkit, IT-Manager im IT-Stab des US-Staates Florida. Immerhin ist Lendkit einer, der sich darüber Gedanken macht und Algorithmen noch zu seinem Verantwortungsbereich zählt.
Damit unterscheidet er sich aber deutlich von der Mehrheit seiner Kolleginnen und Kollegen. "Die meisten IT-Chefs sehen sich auch heute immer noch als Datenverwalter, und was mit den Datenbergen passiert, entscheiden die Fachbereiche", sagte Gartner-Fellow Frank Buytendijk in seiner Präsentation. Trotzdem ist das Thema Datenverwaltung nicht trivial, sondern wird immer komplexer. Buytendijks Kollege David Cappuccio hatte hierzu ein paar Zahlen parat. Danach beträgt das gesamte weltweite Datenvolumen derzeit 38 Millionen Terabytes und bis 2019 soll es auf 89 Millionen anschwellen. Die Zahl der jährlich gelieferten (physischen) Server steigt von derzeit 10,6 Millionen bis 2019 auf 11,9 Millionen. Die Zahl der Netzwerk-Ports wird im gleichen Zeitraum von 2,2 Millionen auf 8,4 Millionen ansteigen. "Die Verwaltung der Daten muss effizienter und einfacher werden", war die Schlussforderung von Cappuccio an die IT-Hersteller.
Ein Drittel der CIOs praktiziert "Bimodal Business"
Ein weiterer Schwerpunkt der Eröffnungsrede von Sondergaard war "Bimodal-Busines". Mit diesem Begriff operiert man bei Gartner schon seit einem Jahr, doch besonders verbreitet ist er trotzdem nicht. Gartner versteht darunter, dass immer mehr Unternehmen nicht mehr darauf warten, dass ihre bestehenden Fachbereiche und Geschäftsabläufe an neue digitale Formen adaptiert werden (Mode 1), sondern stattdessen ausgelagerte Einheiten geschaffen werden, die nahezu autark neue digitale Geschäftsformen entwickeln (Mode 2). "Über ein Drittel aller CIOs haben bereits eine Bimodal-Struktur innerhalb ihrer IT-Abteilung geschaffen, um damit neue innovative Prozesse in Gang zu setzen", meinte Sondergaard zum Erfolg dieser Management-Struktur.
IT-Sicherheit: "Es gibt keinen vollständigen Schutz!"
Abschliessend sprach Sondergaard auch das heisse Thema IT-Sicherheit an. "Es gibt keinen vollständigen IT-Schutz. Wer das glaubt, jagt einer Fata Morgana hinterher", waren seine klaren Worte mit denen er ein Umdenken forderte. So würden derzeit die IT-Chefs 90 Prozent ihrer Sicherheits-Ressourcen darauf verwenden, Einbrüche in ihre Systeme zu verhindern, nur zehn Prozent würden auf Erkennung von bereits geschehenen Einbrüchen und Gegenmassnahmen entfallen. "Das Verhältnis muss sich auf 60 zu 40 ändern", lautet sein Rat an die Security-Verantwortlichen.
Gartners alljährliches Symposium in Orlando ist ein Mekka für die CIOs aus aller Welt. Rund 3000 davon reisten in diesem Jahr an und stellten damit knapp die Hälfte aller Teilnehmer. Die Veranstaltung geht noch bis Donnerstag. Zu den weiteren Gastrednern gehören unter anderen IBM-CEO Ginni Rometty und GE-CEO Jeff Immelt. (Harald Weiss)

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