"Wie im Koma" - Ein Buch über Schweizer Informatiker

29. Juni 2006, 08:49
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Schweizer Informatiker sind Workaholics, die ihren Beruf als Religion sehen: "Wenn man eine Familie gründen möchte, sollte man nicht IT-Berater werden."

Schweizer Informatiker sind Workaholics, die ihren Beruf als Religion sehen: "Wenn man eine Familie gründen möchte, sollte man nicht IT-Berater werden."
'Der Bund' weist heute auf ein interessantes Buch hin, das anhand von 50 Interviews mit Vertretern der Schweizer Informatikbranche Einblick in eine von Arbeit überhäufte Branche verschafft. Das Buch "Zwischen Hardware und Softskills" der beiden Berner Arbeitspsychologen Jürg Baillod und Peter Roos zeigt, dass die Klischees vom überarbeiteten und sozial isolierten Informatiker nicht aus der Luft gegriffen sind.
44 Gespräche mit Informatikern und sechs mit Informatikerinnen wurden durchgeführt. Die interessanteste – wenn auch für viele wohl nicht überraschende – Erkenntnis ist, dass Informatiker oft überarbeitet sind. Die meisten sehen dies aber nicht als Belastung, sondern sind stolz darauf, sich als Workaholic zu bezeichnen. Dadurch leidet zwangsläufig das soziale Umfeld. Es gibt aber offensichtlich auch solche, die nicht 70 Stunden die Woche arbeiten und sich sogar um Lebenspartner, Kinder, Kunden und Hobbys gleichermassen kümmern können.
"Wie in ein Koma"
Die meisten Interviewten jedoch scheinen so süchtig nach ihrer Arbeit zu sein, dass es über die Grenzen des Vorstellbaren geht. "Ich habe diesen Sog, wenn ich an einem interessanten Auftrag bin", beginnt ein – man möchte fast sagen – "Opfer" seine Aussage. "…da verliere ich auch das Gefühl für die Zeit. Dann knie ich mich rein, ich will eine Lösung und ein Resultat sehen. Wenn ich etwas erreichen muss und es fesselt mich, dann kann es schon sein, dass ich 15, 20 Stunden am Computer sitze." Nach so einer Tour de Force falle er aber "wie in ein Koma."
Andere berichten ebenfalls von dieser Sogwirkung. Die Zitate der Befragten lesen sich wie das Protokoll einer Sitzung der Anonymen Alkoholiker oder einer Selbsthilfegruppe: "…es ist fast wie eine Religion." Es fällt aber auf, dass sich die Informatiker und Informatikerinnen nicht darüber beklagen: "Im Prinzip habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht. Ich arbeite gerne intensiv und lange." Informatiker sind eben Tüftler und Bastler.
Familie als Hindernis
Wenn es hart auf hart kommt, scheinen sich nicht wenige für den Job und gegen das soziale Umfeld zu entscheiden. "Wenn man eine Familie gründen möchte, sollte man nicht IT-Berater werden", so der Ratschlag eines Befragten. Die Familie wird als klares Hindernis gesehen, auf dem Weg zum vollkommenen Informatiker.
Es scheint fast so, als seien Informatiker dazu verdammt, Überstunden zu leisten und an die Grenzen der eigenen Kräfte zu gehen. Im Interview mit dem 'Bund' sagt der Autor Baillod, er halte es für problematisch, wie stark die oft ungesund hohen Belastungen bagatellisiert würden. "Die Selbstwahrnehmung in Bezug auf Gesundheit ist völlig ungenügend entwickelt", so der Arbeitspsychologe. Klar, dass das Burnout-Risiko damit entsprechend hoch ist. (Maurizio Minetti)
Jürg Baillod/Peter Roos: Zwischen Hardware und Softskills. KV Zürich, Schweizer Informatik Gesellschaft, Juni 2006. 120 Seiten, 32 Franken. Im Buchhandel ab nächster Woche.

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