Wie ineffizient ist die IT von Schweizer Gemeinden?

12. Oktober 2006, 16:20
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Schweizer Gemeinden sollen gemäss einer aktuellen Studie 800 Millionen Franken pro Jahr für ihre IT ausgeben.

Schweizer Gemeinden sollen gemäss einer aktuellen Studie 800 Millionen Franken pro Jahr für ihre IT ausgeben.
Das Wirtschaftsmagazin 'Cash' hat heute Resultate einer vom 'Cash' zusammen mit der St.Galler Beratungsfirma FDM&M durchgeführten Studie zu den Kosten der IT in den Gemeinden der Schweiz veröffentlicht. Den beiden Hauptschlüssen, welche das 'Cash' aus den Resultaten der Studie zieht, kann man wohl kaum widersprechen: Die IT wird von den rund 2700 Schweizer Gemeinden sehr unterschiedlich gehandhabt und gewichtet und ihre Effizienz dürfte vielererorts nicht so hoch sein, wie das zu wünschen wäre.
Das unterschiedliche Gewicht der IT zeigt eine Zahl aus der Studie, an der 235 Gemeinden teilnahmen, sehr plastisch: Während in einer der teilnehmenden Gemeinden ein PC-Arbeitsplatz auf 520 Einwohner kommt, sind es in einer anderen Gemeinde gerade einmal 25 Einwohner pro Arbeitsplatz.
Die Effizienz des IT-Einsatzes versuchte FDM&M in einer Formel zu errechnen, in die Werte wie das IT-Budget, die Zahl der Gemeindemitarbeiter und PC-Arbeitsplätze, die Einwohnerzahl, die Höhe von "ungeplanten Kosten", die Effizienz der Ausgaben für Software und die Zufriedenheit der Gemeindemitarbeiter mit der Software einflossen. Nur 70, also etwa ein Drittel der an der Studie teilnehmenden Gemeinden schafften es nach dieser Formel in den Bereich der "effizienten Gemeinden". Die Aussage, dass allein die rund 140 "ineffizienten" Studienteilnehmer zusammengenommen ein Sparpotential von gut 120 Millionen Franken hätten, wie FDM&M-Geschäftsführer Oliver Fiechter gemäss 'Cash' schätzt, scheint uns aber doch etwas gewagt.
Einmaleins
Überhaupt, so finden wir, muss man einige der vom 'Cash' wiedergegebenen absoluten Zahlen aus der Studie mit Vorsicht geniessen. Anzumerken ist allerdings, dass sie das das ehrgeizige Ziel hatte, neben klar "sichtbaren" Kosten (Anschaffung, Installation und Implementation) für eine Gesamtkostenrechnung auch "unsichtbare" Kosten zu berücksichtigen. Neben Support, Administration, Unterhalt oder Schulungen gehören dazu auch schwer fassbare Posten wie Kosten für Down-Time, Nichtnutzung, Verlust durch mangelnde Usability, Verlust durch Aversion, User, die Usern helfen und anderem. Wie diese Kosten genau er- und verrechnet wurden, wissen wir in Ermangelung der Originalstudie nicht.
Pro Einwohner und Jahr, so das 'Cash', geben Schweizer Gemeinden im Schnitt rund 34 Franken für ihre IT aus. Wie Oliver Fiechter auf unsere Anfrage präzisierte, gilt diese Zahl nur für Gemeinden unter 50'000 Einwohnern. Diese eingerechnet – ausser dem "Ausreisser" Basel – kommt die Studie auf durchschnittliche IT-Ausgaben von 298'000 Franken pro Gemeinde. Bei der Hälfte aller Gemeinden liegen die jährlichen Ausgaben allerdings unter 70'000 Franken.
Der "Ausreisser" Basel würde mit angegebenen IT-Kosten von 75 Millionen Franken den Gemeindeschnitt auf über 700'000 Franken treiben.
Basierend auf dem Durchschnittswert von 298'000 Franken und multipliziert mit der Gesamtzahl von 2700 Gemeinden errechnet die Studie dann Schweizer IT-Ausgaben auf kommunaler Ebene – also ohne Bund und Kantone – von insgesamt rund 800 Millionen Franken pro Jahr. Das wären – unsere Rechnung – rund 107 Franken pro Kopf. Von diesen 800 Millionen, führt FDM&M weiter aus, würden rund 18 Prozent, oder 150 Millionen, auf ungeplante IT-Kosten entfallen.
Von den IT-Ausgaben der Gemeinden, so die Studie, werden 17 Prozent für das Personal ausgegeben. 14 Prozent fliessen in die Netzwerkinfrastruktur, 22 Prozent in die Hardware und 47 Prozent in die Software.
PS: Können sich Nest/Abacus, Ruf und VRSG zur Ruhe setzten?
Gestützt auf diese letzte Zahl macht das 'Cash' dann noch einen etwas abenteuerlichen Exkurs. 47 Prozent von 800 Millionen, wird vorgerechnet wären 370 Millionen Franken. Cash: "Ein lukrativer Markt, den sich heute einige wenige Anbieter von gemeindespezifischen Programmen für die Einwohnerkontrolle, fürs Rechnungswesen oder für die Gebührenabrechnung teilen." Der trockene Kommentar eines Vertreters diese Softwarehersteller gegenüber inside-it.ch: "Wenn das so wäre, hätten wir schon lange aufgehört, zu arbeiten." Dem Cash ist da in der Eile entgangen, dass Gemeinden schon noch etwas mehr Software als nur gemeindespezifische Lösungen einsetzen, wie man zum Beispiel bei Microsoft sehr wohl weiss.
Dass der deutlich kleinere aber immer noch lukrative Markt für gemeindespezifische Software in der Schweiz von einigen wenigen Herstellern dominiert wird, wenn man nach dem prozentualen Anteil bei den Gemeinden geht, ist allerdings zweifellos richtig. Von den 206 Gemeinden, die im Rahmen der FDMM Angaben dazu machten, verwenden 37 Prozent Software von Ruf ein, 23 Prozent Software von Nest/Abacus und 17 Prozent solche vom VRSG. Die restlichen 23 Prozent haben Gemeindelösungen anderer Anbieter im Einsatz. (Hans Jörg Maron)

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