Wie kann IT helfen, die Probleme einer Stadt zu lösen?

11. Februar 2011, 12:27
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Von der T-City nach eZürich. Unterschiedliche Ansätze bei den kommunalen IT-Projekten am Zürich- und am Bodensee.

Von der T-City nach eZürich. Unterschiedliche Ansätze bei den kommunalen IT-Projekten am Zürich- und am Bodensee.
Zürich und Friedrichshafen haben nicht nur die bevorzugte Lage an einem Binnensee gemeinsam, beide Städte unternehmen auch besondere Anstrengungen, um einerseits die Informationstechnologie in den Alltag ihrer Einwohner einzubinden und um sich anderseits auf diese Weise als fortschrittliche Wirtschaftsstandorte zu profilieren. In Zürich geschieht das mit dem Projekt eZürich (mit dem Medienpartner inside-it.ch), wobei im letzten Monat drei Projekte aus einem Ideenwettbewerb hervorgingen, die nun umgesetzt werden sollen. In Friedrichshafen läuft bereits seit Jahren das von der deutschen Telekom angestossene Projekt T-City.
In Friedrichshafen wird vergleichsweise mit einer grossen Kelle angerichtet. Das Städtchen am Bodensee war vor fünf Jahren von der deutschen Telekom unter 52 deutschen Bewerberstädten mit 25'000 bis 100'000 Einwohnern als sogenannte T-City ausgewählt worden und erhielt damit gratis Anschluss an die modernste Infrastruktur im Fest- und Mobilfunknetz im Wert von 35 Millionen Euro; dazu wurden für das Projekt T-City mit einer Laufzeit bis 2012 Personal-, Sach- und Beratungsleistungen im Wert von bis zu 80 Millionen Euro in Aussicht gestellt.
Unterschiedliche Voraussetzungen
Vergleicht man die Bemühungen der Stadtbehörden von Zürich und Friedrichshafen um die Integration der ICT in den Alltag ihrer Einwohner, so müssen die sehr unterschiedlichen Voraussetzungen der beiden Vorhaben und ihrer Trägerschaft berücksichtigt werden. eZürich ist ein von der grössten Schweizer Stadtgemeinde mit ihren 380'000 Einwohnern getragenes Vorhaben. T-City hingegen ist ein von der deutschen Telekom gesponsertes Joint Venture mit den Kommunalbehörden von Friedrichshafen, einer wohlhabenden Kleinstadt mit 60'000 Einwohnern. Dabei spielt die weitgehend automatisierte Telekommunikation in den unterschiedlichen T-City-Projekten eine Hauptrolle. eZürich hingegen stützt sich auf Public Cloud Computing und bezieht die Kommunikation als Selbstverständlichkeit mit ein; Provider und Netzbetreiber spielen bestenfalls Nebenrollen.
Ein weiterer Unterschied ist das starke Gewicht der meist auf wenige Teilnehmer beschränkten Pilotprojekte als T-City-Vorzeigeobjekte. Der privatisierte Kommunikationsriese Deutsche Telekom erhofft sich eingestandenermassen von diesen Pilotprojekten wichtige Akzeptanztests für die Aufrüstung seiner Fest- und Funknetze sowie von neu einzuführenden Diensten. So sind beispielsweise für die Einführung von Smart Metering - einer wichtigen Voraussetzung für mehrere T-City-Projekte - namhafte Investitionen erforderlich, denn es müssen dafür die alten Zähler in den teilnehmenden Haushalten ersetzt werden. Aufgrund der T-City-Erfahrungen konnte bereits festgestellt werden, dass dank Skaleneffekten die flächendeckende Einführung von Smart Metering bedeutend billiger kommt als wenn dies nur anhand der Nachfrage erfolgt. Ähnliches gilt wohl auch für die Projekte der ICT-gestützten Betreuung und Pflege der rapide zunehmenden Zahl von auf Spezialgeräte angewiesenen alten Menschen und Chronischkranken.
Vielfältige Projekte
Aus der Sicht von Stefan Söchtig , T-City-Projektleiter der Friedrichshafener Stadtbehörden, geht es um das scheinbar simple Hauptanliegen: "Wie kann IT helfen, die Probleme einer Stadt zu lösen?" Um die für T-City erarbeiteten Antworten auf diese Frage öffentlich zu machen, lud die deutsche Telekom mit dem T-City-Projektbüro Friedrichshafen zu einem Medien-Workshop, bei dem einzelne der rund 30 Pilotprojekte aus allen sechs Projektfeldern - Gesundheit & Betreuung; Wirtschaft & Arbeit; Lernen & Forschen; Mobilität & Verkehr; Tourismus & Kultur, Bürger, Stadt & Staat - vorgestellt wurden. Und am 23. Februar 2011 findet in Friedrichshafen ein sogenannter T-City-Tag statt, zu dem neben dem Telekom-Spitzenmanagement auch die Bundeskanzlerin Angela Merkel erwartet wird.
Zahlreiche der T-City-Projekte liefen schon ab 2007 an und können bereits demonstriert werden, während eZürich noch in der Vorbereitung der drei ausgewählten Vorhaben steckt. So zeigte beispielsweise eine als "Zukünftler" bezeichnete Friedrichshafener Familie ihre digitalelektronisch hochgerüsteten Wohnräume, wo auf den überall vorhandenen Bildschirmen - neben wählbaren Unterhaltungsprogrammen - etwa der nach Tagen und Uhrzeit detaillierte Stromkonsum abgefragt werden kann. Und das grosse, in eine Zimmerwand eingebaute Aquarium wird vollautomatisch belüftet, die mehrere hundert Liter Wasser laufend umgewälzt und für die formenprächtigen Korallen und leuchtend bunten Tropenfische optimal aufbereitet, es wird für optimale Temperatur sowie korrekten Salz- und Kalkgehalt gesorgt. Und falls das Malheur eines Wasserüberlaufs eintreten sollte, wie es vor dem T-City-Projekt offenbar wiederholt geschah, warnt eine elektronische Wasserstandanzeige rechtzeitig. Im Zählerschrank im Keller sind von der deutschen Telekom gesponserte Smart Meters eingebaut, die den individuellen Stromverbrauch der Haushalte im Mietshaus automatisch alle fünf Minuten an den Stromlieferanten melden.
In einem medizinischen Betreuungsprojekt demonstrierte ein Diabetespatient ein einfach zu bedienendes Blutzuckermessgerät, das seine Resultate automatisch mit Datum und Uhrzeit an den Computer des Hausarztes übermittelt. So kann der Arzt Unregelmässigkeiten erkennen, mit dem Patienten Verbindung aufnehmen und beispielsweise die Medikamentendosis anpassen.
Im Klinikum Friedrichshafen wurde unter dem Stichwort "mobile Visite" eine Personenwaage sowie ein Blutdruckmessgerät demonstriert, die das Gewicht des zuhause lebenden Patienten, seinen Puls und die Blutdruckwerte automatisch an die Betreuungsstelle im Klinikum Friedrichshafen übermittelt und das Personal bei ungewöhnlichen Messwerten alarmiert, so dass eingegriffen werden kann. Ein weiteres T-City-Projekt besteht aus einer wöchentlichen Videokonferenz auf einer Grossleinwand im Klinikum, in die auch die Ergebnisse bildgebender Untersuchungsverfahren, wie Histologie, Röntgen, Computer- oder Magnetresonanztomografie eingespielt werden können. Tumorspezialisten unterschiedlicher Fachrichtungen - etwa Onkologen, Radiologen und Gynäkologen - können ihre Fälle an einem virtuellen Konferenztisch besprechen und analysieren.
Das neueste, erst im letzten Jahr gestartete T-City-Projekt trägt den Titel "Selbstbestimmtes Leben" und lässt sich am besten als bedarfsgerecht betreutes Wohnen bezeichnen. Es richtet sich sowohl an behinderte als auch ältere Menschen, die auf praktische Unterstützung angewiesen sind, aber nicht in einem Heim leben möchten. Über Kommunikationsmittel wie Smartphones und mit Touchscreens ausgestattete Rechner bietet dieses Projekt über ein Internetportal Zugang zu Abrufmöglichkeiten für alltägliche Einkäufe oder Hauspflege-Dienstleistungen, wie sie in der Schweiz von Spitex erbracht werden. Und dazu sind Bildtelefon-Verbindungen mit Wohnungsnachbarn und Verwandten möglich oder zu Chatrooms - es geht um das praktische Durchbrechen der sozialen Isolation, die etwa altersbedingte Behinderungen aller Art oft im Gefolge haben.
Nur bedingt vergleichbar
Fazit der Gegenüberstellung von T-City und eZürich: Die deutsche Telekom sieht im T-City-Projekt eine Art Laboratorium zur Gestaltung ihrer eigenen Unternehmenszukunft unter Einbezug der Kunden, während bei den eZürich-Projekten das Schwergewicht auf dem Angebot neuartiger ICT-Services durch die Stadtbehörden an die Bevölkerung liegt. Mit anderen Worten: Die Ansätze von T-City und eZürich sind sehr verschieden und darum nur bedingt vergleichbar. (Gregor Henger)

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