Wie kriminell ist die Schweizer IT-Branche?

8. April 2005, 17:30
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Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht

Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht
Wir doch nicht! Korruption gibt es in China, der Türkei, vielleicht noch Süditalien - aber doch nicht bei uns! Ist das wirklich so? Darf man am Lack der helvetischen Brav- und Biederkeit kratzen? Und was kommt hervor, wenn einer mal wirklich kratzt?
Schon alleine die Tatsache, dass sämtliche Grosshändler für Microsoft-Lizenzen (so genannte LARs, Large Account Reseller) übereinstimmend sagen, der Lizenzenverkauf sei ein Beziehungsgeschäft, sollte einen misstrauisch stimmen. Warum sollten Beziehungen beim Abschluss eines Vertrages für die Benützung von Software eine Rolle spielen? Grosse Firmen und sowieso Behörden sollten doch Prozesse haben, die garantieren, dass sie die Software zu möglichst tiefen Kosten beschaffen... Wo, bitte sehr, liegt genau der Unterschied zwischen "Beziehungsgeschäft" und Vetterliwirtschaft?
Amis und Deutsche räumen auf
Das bisschen "Beziehungsgeschäft" ist nur die Spitze des Eisbergs. In den letzten Monaten waren ganze Horden von Controllern bei diversen IT-Firmen in der Schweiz unterwegs. Die Controller haben die Bücher von Hewlett Packard, Microsoft und Actebis durchforstet und nun sind die Bezirksanwälte und Amtsstatthalter dran: Mindestens drei HP-Reseller (die Firmen sind inside-channels.ch namentlich bekannt) und dem Vernehmen nach mehrere Ex-Angestellte der Schweizer Niederlassungen der Multis sollen juristisch belangt werden.
Offensichtlich wollen die US amerikanischen und deutschen Konzernmütter nicht mehr dulden, was jahrelang in der schönen Schweiz gang und gäbe war: Die systematische Aufbesserung der Handelsmarge durch den Missbrauch von Spezialpreisen für grosse Projekte. So erlebte ein grosser Schweizer Distributor merkwürdige, sprunghafte Schwankungen seines Marktanteils bei einem bestimmten Hersteller. Sackte der Marktanteil ab, dann wusste er, dass "somewhere out there" ein grosser Posten von Ware mit Spezialpreisen zu haben war.
Und ein anderer Distributor, der Schweizer Computer-Hersteller (Assemblierer) regelmässig mit Bauteilen für ihre PCs beliefert, verkaufte während eines längeren Zeitraums plötzlich keine Windows-Lizenzen mehr. Auch da: Jemand fummelte mit "Spezialpreisen" herum.
Schwarze Schafe oder System?
Waren es nur einzelne schwarze Schafe, die jahrelang Vertragsbestimmungen missachtet haben und ihren Geschäftspartnern falsche Angaben lieferten?
Einige Leute behaupten, die Missbräuche hätten System gehabt und seien weitherum bekannt und als normales Business akzeptiert gewesen. Ob dies Behauptungen zum Selbstschutz sind, oder ob etwas dran ist, werden (vielleicht) die Gerichtsverhandlungen zeigen. Wir befassen und auf jeden Fall bereits heute mit dem Gedanken, zum Gerichtsreporter umzusatteln. (Christoph Hugenschmidt)
P.S. Wir freuen uns auf Ihren Kommentar zu dieser Geschichte.

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