Wie teuer ist GEVER wirklich?

29. Mai 2015, 15:59
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Trotz Ausschreibung und Zuschlag nach WTO bleibt das Projekt zur Digitalisierung der Bundesverwaltung eine Wündertüte.

Trotz Ausschreibung und Zuschlag nach WTO bleibt das Projekt zur Digitalisierung der Bundesverwaltung eine Wündertüte. Weder die vergangenen noch die zukünftigen Kosten sind klar.
Diese Woche liess der Bund eine kleine Informatik-Bombe platzen: Fabasoft fliegt als Software-Lieferant für GEVER-Lösungen aus der Bundesverwaltung heraus und wird durch iGeko (von ABF) oder ActaNova (von der Wiener Firma Rubicon) ersetzt. GEVER ist die Abkürzung für (elektronische) Geschäftsverwaltung. Dahinter steckt die Idee, alle Prozesse in der Bundesverwaltung zu digitalisieren. Die Einführung von GEVER-Lösungen ist nicht nur jeweils ein riesiges Software-Projekt, sondern vor allem auch ein Reorganisationsprojekt. Denn um einen Prozess zu digitalisieren, muss man ihn erst mal kennen und genau beschreiben.
Der Bund setzt heute bereits verschiedene GEVER-Lösungen ein. An erster Stelle sind dies Fabasoft bei ungefähr 10'000 Arbeitsplätzen, es gibt aber auch "Inseln" mit iGeko sowie der Zürcher i-engineers. 2012 hat der Bundesrat beschlossen, die Beschaffung von GEVER-Lösungen neu und korrekt nach WTO-Regeln auszuschreiben. eingeführt sein müssen.
Der nun erfolgte Zuschlag auf die komplexe Ausschreibung wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet. Hier sind die Fragen – und die wenigen Antworten, die man darauf kennt.
Ist der Entscheid für iGeko und ActaNova definitiv?
Antwort: Nein. Denn erstens wird der unterlegene Anbieter Fabasoft gegen den Zuschlag Beschwerde einlegen. Dies sagte Fabasoft-Vorstandsmitglied Leopold Bauernfeind am Donnerstag zu inside-it.ch. Dies könnte das Projekt verzögern. Dass Fabasoft rechtlich gegen den Entscheid vorgehen will, kann nicht erstaunen. Denn der Bund ist der grösste und wichtigste Kunde von Fabasoft Schweiz und für die Firma existentiell.
Zweitens müssen sich nun die einzelnen Departemente und Bundesämter für ein GEVER-Produkt (teilweise als Ersatz für Fabasoft) entscheiden. Auch dieser Prozess könnte sich verzögern.
Und drittens bezieht sich die Ausschreibung des Bundes auf zwölf Jahre, nämlich von 2015 bis 2027. Niemand in der Informatik kann für solche Zeiträume Voraussagen machen.
Was kostet GEVER?
Antwort: Das ist unbekannt. Der Zuschlag geht von reinen Optionen und das erst noch über 12 (!) Jahre aus. Beide Anbieter – übrigens Systemintegratoren und nicht einfach Software-Hersteller – bieten einerseits einen Grundpreis für die Software (je ungefähr 12 Millionen) sowie einen optionalen Preis für die Dienstleistungen. Berechnungsgrundlage ist dabei die ganze Bundesverwaltung. Das Projekt kostet also zwischen 86 Millionen (wenn Atos den ganzen Auftrag bekommt) und 141 Millionen (wenn Elca alles bekäme).
Doch auch diese Schätzung wird noch zu hoch sein, denn der Bund wird nicht alle Projekte, die möglich sind, auch umsetzen: Sonja Margelist, Informationsbeauftragte der federführenden Bundeskanzlei, schreibt auf unsere Anfrage nach den Kosten für das neue GEVER-Projekt: "Insgesamt rechnet die Bundesverwaltung damit, dass das effektiv benötigte Volumen erheblich unter dem ausgeschriebenen Volumen liegen wird."
Was hat GEVER bisher gekostet?
Antwort: Das ist unbekannt. Der Bundeskanzlei sind die bisherigen Kosten unbekannt, weil die GEVER-Projekte bei den einzelnen Departementen lagen, wie Margelist schreibt.
Einige Informationen gibt es aber doch: Im April 2013 stellte die FinanzDelegation des Parlaments fest, dass man die Gesamtkosten der GEVER-Projekte nicht eruieren könne
Total wären wir dann 195 Millionen Franken – rechnet man die internen Kosten des Bundes für GEVER-Projekte dazu, kommt man auf einen wesentlich höheren Betrag. Aber welchen?
Insider kommen sogar noch auf höhere Beträge. So schätzt ein ungenant bleiben wollender Kenner der Materie die bisherigen Aufwände der GEVER-Projekte auf etwas über 310 Millionen Franken - ohne die 77 Millionen der freihändigen Vergabe vom letzten Herbst.
Wie lange laufen die GEVER-Projekte noch?
Antwort: Das ist unbekannt. Der Bund hat nun Projekte für 12 Jahre, als bis 2027 ausgeschrieben. Unklar ist, wie lange Fabasoft das Projekt durch Beschwerden verzögern kann. In dieser Zeit wird der Bund weiterhin für Fabasoft-Lizenzen bezahlen müssen. Der Anbieter hat also alles Interesse, die Projekte möglichst lange zu verzögern.
Wer ist der Gewinner Rubicon?
Dass der paneuropäische IT-Dienstleister Atos zusammen mit der Lösung ActaNova des österreichischen Herstellers Rubicon (sic!) gewonnen hat, hat alle Kenner der Szene, mit denen wir gesprochen haben, überrascht.
Doch Rubicon kennt die Bundesverwaltung und das GEVER-Business bestens. Geschäftsführer der Rubicon IT GmbH in Wien ist Peter Grassnigg. Von 2000 bis 2001 war er gemäss Xing Geschäftsführer von Fabasoft Deutschland. Grassnigg ist auch Verwaltungsrat der Rubicon IT Schweiz AG. Auch ActaNova Produktmanager Christoph Unger war von 2000 bis 2006 bei Fabasoft Österreich.
Was kostet GEVER total?
Antwort: Das ist unbekannt. Unsere Schätzung: Inklusive der internen Kosten dürfte die "Digitalisierung" des Bundes zwischen 1999 und 2027 auf gut eine halbe Milliarde Franken zu stehen kommen. (Christoph Hugenschmidt)

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