Wieviel Insieme steckt in Fiscal-IT?

7. November 2016, 16:39
  • politik & wirtschaft
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Das Riesenprojekt aktuell: Inside-it.ch kennt die anstehenden Releases und die Kostentreiber.

Das Riesenprojekt aktuell: Inside-it.ch kennt die anstehenden Releases und die Kostentreiber.
Droht bei Fiscal-IT ein neues Insieme?, fragte die 'Aargauer Zeitung'. Nein, beruhigte die Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV) am Freitag gegenüber inside-it.ch. Alles in Ordnung, der Supertanker sei auf Kurs. Wobei, Fiscal-IT werde teurer, da sich die Komplexität in letzter Zeit erhöht habe.
Inside-it.ch wollte es genauer wissen. Wie steht es im Detail?
Für September hatten die ESTV und das Bundesamt für Informatik BIT geplant, dass der Release 1.1 von MEFAS (Mehrwertsteuer-System) wie auch erste Teile von DIFAS (System für die Direkte Bundessteuer) produktiv würden. "Die Termine konnten eingehalten werden", bestätigt die ESTV, welche für die Kommunikation von Fiscal-IT zuständig ist. Dieser Release bedeutet laut dem Bericht der Eidgenössischen Finanzkommission (EFK) eine "Bewährungsprobe für die Inbetriebsetzung von komplexeren Releases, zudem wird er aufzeigen, ob die Softwareverteilung (Deployment) sowie die Supportstrukturen in der ESTV und im BIT bereits in der Lage sind, dies zu bewältigen." Die erste Version von DIFAS wird laut ESTV derzeit getestet. "Die Bewährungsprobe wird mit dem Release Mai 2017 anstehen".
Für November 2016 geplant war bislang ein Release, den die EFK als "komplex" einstuft. Man sei auf Kurs, auch dieser Release werde terminlich wie geplant geliefert, antwortet die ESTV und präzisiert, was genau ansteht: "Zur Gewährleistung der Nutzung von AIA (Automatischer Informationsaustausch) ab Februar 2017 werden im Release November 2016 folgende Systeme (die für AIA benötigten Teile) geliefert: STC (Swiss Tax Core – E-Government Plattform), PASY (Partnerverwaltung), DIFAS (Teile des DVS Fachsystems), SUFAS (Steuerart unabhängiges Fachsystem), DAP (DVS Applikation), E2 (Enterprise Service Bus)".
Alle von der EFK bemängelten Schwächen im Projekt sollen beseitigt werden: Die drei offenen Empfehlungen des EFK-Berichts werden laut ESTV umgesetzt.
Kostensteigernde neue Anforderungen?
Betrachten wir den angekündigten Nachtragskredit etwas genauer. Grundsätzlich gut zu wissen ist, dass initial 85,2 Millionen Franken budgetiert worden waren. Diese Zahlen stammen von Anfang 2013 und offenbaren eine Grundproblematik von IT-Projekten dieser Art: Die Projekte und Verpflichtungskredite sind oftmals so langfristig ausgerichtet, dass auch kritische Beschaffungs-Insider sie mit "Fantasiezahlen" vergleichen.
Entsprechend der Projektdauer waren und sind auch bei Fiscal-IT weder neue Anforderungen, noch Kostensteigerungen auszuschliessen. Die Frage ist nun: Gab es Spezifikationen, die man Anfangs 2013 hätte einrechnen müssen? Hätte man dies überhaupt gekonnt? Die ESTV präzisiert auf unsere Frage die spezifischen neuen, kostensteigernden Anforderungen: Neues System zum automatischen Informationsaustausch, Anpassungen wegen MWST-Reform, Erhebung der Radio- und TV-Abgaben für Unternehmen (RTVG), Spontaner Informationsaustausch (SIA) sowie ein Country-by-Country Report.
Auslöser für den "Insieme"-Verdacht der 'Aargauer Zeitung" waren Fragen von Bundesräten zu einem Statusbericht des Informatiksteuerungsorgans des Bundes (ISB), die Finanzminister Ueli Maurer offenbar nicht zufriedenstellend beantworten konnte. Gerne wüsste man, was im ISB-Statusbericht steht.
Fragen wir bei der ESTV nach: Decken sich die Aussagen des ISB-Statusberichts mit den bekannten Empfehlungen der EFK? Antwort: "Die Informationen im ISB-Statusbericht basieren auf dem Halbjahresbericht der Fiscal-IT-Programmleitung. Im ISB-Statusbericht sind keine Empfehlungen enthalten." Das ISB kann sich nicht öffentlich äussern.
Andere Architektur und Technologie als bei Insieme
Die ESTV will umgehend den leisesten Verdacht einer Verknüpfung mit Insieme ausräumen: "Im Gegensatz zu anderslautenden Pressemitteilungen wird im Projekt Fiscal-IT nicht auf die gleiche Architektur und Technologie wie bei Insieme aufgebaut. Es werden zwar auch Komponenten mit JAVA und mit SAP eingesetzt, aber die Kernkomponenten für den Workflow und das Dokumentenmanagement basieren auf FileNet. Daher sind auch im grossen Umfang andere Firmen bei der Realisierung beteiligt als bei Insieme."
Die ESTV verweist zudem explizit auf die bisher bereitgestellten, produktiven Systeme. "Dazu zählen die E-Government-Lösungen MWST-Online Anmeldungen (ca. 35'000 pro Jahr), die MWST-Online-Einreichung mit derzeit über 68'000 nutzenden Firmen, sowie die Verrechnungssteuer Online-Einreichung (Formular 25 Verrechnungssteuer) mit über 1700 eingereichten Formularen. Für den internen Gebrauch hat Fiscal-IT eine neue Scanninglösung, das System für die Einsatzplanung, Workflow und Dokumentenablage (MEPE) für die externe Prüfung MWST und das System für die Abwicklung der Amtshilfe (SEISY) bereitgestellt. Hinzu kommen diverse Infrastruktursysteme."
Die EFK sah bislang kein Insieme am Horizont dräuen und die vorliegenden Informationen genügen für einen solchen Verdacht nicht. Trotzdem ist es positiv, wenn sich Bundesräte früh und detaillierter für Informatikprojekte ihrer Kollegen interessieren. (Marcel Gamma)

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