Windows XP in der Schweiz: Warum alte Liebe nicht rostet

24. März 2014, 12:05
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Eine Umfrage von inside-it.ch ergibt: Das veraltete Windows XP ist weiterhin verbreitet in Schweizer Unternehmen wie Swisscom, Tamedia oder Coop. Auch Verwaltungen setzen teilweise noch auf XP. Microsoft stellt Anfang April den Support ein.

Eine Umfrage von inside-it.ch ergibt: Das veraltete Windows XP ist weiterhin verbreitet in Schweizer Unternehmen wie Swisscom, Tamedia oder Coop. Auch Verwaltungen setzen teilweise noch auf XP. Microsoft stellt Anfang April den Support ein.
Ein neues Erlebnis, eine neue "eXPerience" versprach Microsoft, als der damals erfolgsverwöhnte Konzern im Oktober 2001 Windows XP lancierte. Es sollte in den darauf folgenden Jahren eines der erfolgreichsten Produkte aus dem Hause Microsoft werden. Über zwölf Jahre nach dem Launch ist Windows XP weltweit noch immer auf fast einem Drittel der PCs installiert. Es ist nach Windows 7 das meist verbreitete Betriebssystem. Ausserdem verwenden die meisten Bancomaten weltweit noch immer XP und es gibt zahlreiche Geräte, die XP als "embedded OS" verwenden.
Nun aber folgt eine Zäsur: Microsoft wird am 8. April 2014 den Support für Windows XP einstellen. Sicherheitslücken werden nicht mehr behoben. Für Privatanwender und vor allem für Firmen und Verwaltungen wird XP damit zu einer (noch grösseren) Gefahr. Microsoft versucht schon seit längerem, die User dazu zu bewegen, endlich auf ein moderneres Windows zu wechseln.
XP wird aber trotzdem nicht so schnell verschwinden: Gartner glaubt, dass auch nach dem 8. April 20 bis 25 Prozent der Unternehmen irgendwo noch Windows XP im Einsatz haben werden. Die Prozentzahl dürfte auch für die Schweiz gelten: Eine nicht repräsentative Online-Umfrage von inside-it.ch unter 72 Firmen- und acht Verwaltungs-Vertretern ergab, dass ein beträchtlicher Teil der Organisationen zumindest teilweise auf XP setzt und dies auch in den kommenden Monaten tun wird. Nur knapp die Hälfte gab an, XP überhaupt nicht mehr im Einsatz zu haben (siehe Grafik oben).
Inkompatibilität als Hauptgrund
Die Gründe, warum Firmen heute noch auf XP setzen, sind unterschiedlich. Nur wenige geben finanzielle Gründe oder fehlende Manpower für die Migrations-Faulheit an. Einige geben schlicht an: Es läuft. "Never touch a running system", schreibt etwa die IPv6-Kennerin Silvia Hagen. Für sie war oder ist XP "einfacher, direkter und effizienter als Windows 7." Weitere schrieben: "XP reicht für unseren Bedarf." - "Weil alles gut läuft." - "Weil es stabil ist." - "Läuft bestens." - "Es funktioniert alles noch gut."
Der Hauptgrund für das Festhalten an XP - so geht aus der Umfrage hervor - ist aber die Inkompatibilität von Umsystemen oder Drittlösungen mit neueren Windows-Versionen. So sei etwa seine CNCSoftware auf neueren Systemen nicht lauffähig, antwortet ein Vertreter eines kleinen Unternehmens. Ein anderer, Beat Hochheuser, CEO des kleinen Schaffhauser Webdesigners Redhorn, schreibt: "Wir haben Programme, die mit späteren Windows-Versionen nicht mehr einwandfrei laufen." Er erwähnt Adobe GoLive CS2, das von Adobe eingestellt wurde. "Wir brauchen es aber noch zum Pflegen von alten Homepageprojekten, die damit erstellt wurden", erklärt Hochheuser das Problem. Aus diesem Grund sei keine Ablösung von Windows XP geplant. "Wir werden weiterhin zumindest einen Rechner haben, der mit XP läuft."
Das Kompatibilitäts-Problem betrifft aber auch grosse Unternehmen. Vertreter von Firmen, die mindestens 500 Angestellte beschäftigen, geben als Begründung unter anderem die Abhängigkeit von Fachapplikationen an. "Es gibt eine Abhängigkeit zu externen Applikationen und Produktionsmaschinen", so eine der Antworten. XP sei deshalb teilweise noch im Einsatz und eine Ablösung nicht in Sicht. KSD, das Informatikunternehmen von Kanton und Stadt Schaffhausen, bleibt aufgrund von Fachapplikationen noch bis Ende Jahr auf XP.
Weitere Vertreter gleich grosser Firmen äussern sich ähnlich. Jemand gibt gleich einen Tipp, wie man Sicherheitsprobleme vermeiden könnte: "Browser ersetzen und User dürfen nicht als Admins arbeiten, dann ist 99 Prozent aller Schadsoftware nicht lauffähig." Auch ein anderer Umfrage-Teilnehmer glaubt, dass XP gut "handelbar" für die Unternehmens-IT bleibt, "wo Clients keine Admin-Rechte haben."
Swisscom, Tamedia, Coop, SBB, Kantone, Bund...
Zum Teil wird eine Ablösung trotz den erwähnten Schwierigkeiten vorangetrieben: "Die Ablösung ist im Gange, kommt aber nur schleppend voran. Zu viele Eigenlösungen", schreibt ein anonymer Umfrage-Teilnehmer, der angibt, bei Swisscom Schweiz beschäftigt zu sein. Hier sei die Migration erst in der ersten Jahreshälfte 2015 geplant. Swisscom-Sprecher Olaf Schulze bestätigt zwar, dass Swisscom teilweise noch auf XP setzt, doch der Zeitplan zur Ablösung sei ein anderer: "Swisscom hat noch eine letzte Migrationswelle vor sich, die Anfang April startet und bis Ende Sommer abgeschlossen sein wird. Geräte, die in dieser Zeit noch auf Windows XP laufen, werden mit zusätzlichen Sicherheitsvorkehrungen belegt. Es handelt sich bei den zusätzlichen Sicherheitsvorkehrungen etwa um den Einsatz von Enhanced Mitigation Experience Toolkits, Host-based Intrusion Prevention Systemen und zudem werden die Thread Levels einiger Anwendungen erhöht", so Schulze. Zur konkreten Zahl der XP-PCs wollte sich Swisscom nicht äussern.
Swisscom ist nicht der einzige Schweizer Konzern, der nach wie vor teilweise auf XP setzt. So arbeitet auch der Zürcher Verlag Tamedia mit XP: "Wir sind derzeit daran, Windows XP im gesamten Unternehmen durch Windows 7 zu ersetzen. Die Migration wird bis Ende Herbst 2014 abgeschlossen sein. Derzeit arbeiten noch rund die Hälfte der Nutzer mit Windows XP", so Mediensprecher Christoph Zimmer.
Vereinzelt XP-Rechner gibt es auch bei der SBB, die Ende 2011 Windows 7 eingeführt hat. Diese XP-Computer braucht die SBB für Mess- oder Steueranlagen als Standalone-Installationen und ohne Internet-Zugang. Die einzige Ausnahme seien die Betriebslagemonitore an den Bahnhöfen. "Das Service Pack 3 wurde noch eingespielt und da diese Geräte und Monitore 'end of Life' sind, werden diese in Kürze durch neue Systeme abgelöst", so die SBB gegenüber inside-it.ch. Das Unternehmen betont, dass man ab Ende dieses Jahrs über ein Detektionssystem verfüge, das von XP verursachten Verkehr erkennt und die Kommunikation der Rechner ausserhalb ihres Netzwerkes unterdrückt. Eine kleine Anzahl von XP-Systemen ist auch bei Coop noch im Einsatz.
XP wird auch in Verwaltungen nach wie vor eingesetzt. Andreas Fritschi, der bei den Zentralen Informatikdiensten des Kantons Basel-Stadt Beschaffung und Einkauf leitet, sagt: "Aktuell befinden wir uns in der letzten Phase eines verwaltungsweiten Projekts zur Ablösung von Windows XP auf Windows7." Im Rahmen der Migration wurden beziehungsweise werden gegen 5000 Geräte umgestellt. Die Migration soll im Mai 2014 abgeschlossen werden. Zu speziellen Schutzmassnahmen machte der Kanton keine Angaben.
Der Kanton Aargau hat XP erst in den letzten Monaten durch Windows 7 ersetzt. "Aktuell sind 98 Prozent der Arbeitsplätze umgestellt. Der Rollout wird Mitte April 2014 fertiggestellt sein. Einige wenige XP-Geräte werden aus technischen Gründen zu einem späteren Zeitpunkt abgelöst", heisst es bei der Aargauer Staatskanzlei auf Anfrage.
In der Bundesverwaltung ist der generelle Einsatz von Windows XP hingegen beendet. Aber: "Vereinzelt kommt XP heute noch auf zwei Dutzend Clients in der gesamten zivilen Bundesverwaltung zum Einsatz", heisst es beim Bundesamt für Informatik und Telekommunikation auf Anfrage von inside-it.ch. In der Armee ist XP hingegen kein Thema mehr.
Windows 8? Never!
Irgendwann wird auch für die letzen Firmen und Verwaltungen der Tag kommen, an dem eine Migration unumgänglich ist. Viele geben noch 2014 oder spätestens 2015 als Datum an. Fast alle Firmen-Vertreter wollen dannzumal aber partout nicht auf das neuste Microsoft-Betriebssystem Windows 8 migrieren. Viel eher fasst man eine Migration auf Windows 7 oder auf das zu erwartende Windows 9 ins Auge.
Unter Windows 7 könne man ohne grossen Aufwand Windows XP als System im System laufen lassen, so ein Argument. "Vista war ein Schock und bei 7 waren wir vorsichtig. Jetzt wo Windows 8.1 so eine Katastrophe ist, werden wir auf Windows 7 gehen", lautet ein anderes Argument. Eine Vertreterin oder ein Vertreter eins Kleinunternehmens schreibt: "Ein XP mit der Taskbar von Windows 7 wäre perfekt." Jörg Ulli, Inhaber des Langenthaler IT-Dienstleisters JULA Informatik, bringt die Verbundenheit vieler Firmen mit Windows XP auf den Punkt: "Grossartig, dass etwas Gutes solange Bestand hatte!". (mim)

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