"Wir finden leichter gute IT-Fachleute"

19. Februar 2021, 17:01
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Hat die Pandemie den Fachkräftemangel beendet? Wir haben uns in der ICT-Branche umgehört und mit einem Arbeitsmarktspezialisten gesprochen.

Die Pandemie hat den Arbeitsmarkt in der Schweiz umgewälzt. Manche IT-Firmen berichten, dass die Rekrutierung einfacher geworden ist, andere empfangen gemischte Signale von den Stellensuchenden. Was sind die Gründe für die Entwicklung? Ist der Fachkräftemangel Geschichte?
"Wir sehen in unseren Umfragen, dass sich mit Ausnahme weniger Branchen der Fachkräftemangel entschärft hat. Das liegt an der grösseren Anzahl Stellensuchender: Firmen finden mehr Stellensuchende auf weniger Ausschreibungen. Sie erhalten mehr gute Bewerbungen und kämpfen mit weniger Konkurrenz, wenn sie eine Stelle ausschreiben", erklärt Arbeitsmarktspezialist Michael Siegenthaler im Gespräch mit inside-it.ch.
Der Leiter der Abteilung Arbeitsmarkt an der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) schränkt aber zugleich ein: "Innerhalb der Informatik gibt es grosse Unterschiede zwischen den konkreten Berufen." Auch das Anstellungsverhältnis spiele eine grosse Rolle. Zuerst würde bei den Arbeitenden ohne fixes Stundenpensum gespart, aber auch unter den Freelancern seien die Unterschiede zwischen den Bereichen sehr gross, so Siegenthaler.

Die "natürlichen Wechsel" sind in der Pandemie aufgestaut worden

Die allgemeine Tendenz bestätigt auch Christian Fehrlin, CEO und Gründer der Winterthurer Webfirma Deep Impact: "Wir finden leichter gute IT-Spezialisten". In seinem Haus sucht man vor allem hoch spezialisierte Fachleute für Frontend und Backend. Dafür habe man ab dem 2. Halbjahr 2020 mehr interessante Bewerbungen erhalten als noch Ende 2019, sagt Fehrlin. "In der Pandemie wurden erst Freelancer nicht mehr gebucht, diese suchen nun feste Jobs."
Beim Devops-Spezialisten VSHN hat man die Rekrutierung Ende 2020 wieder intensiviert. Man erhalte eine sehr gute Zahl von passenden Bewerbungen auf die Ausschreibungen, erklärt Aarno Aukia, Gründer und Verwaltungsrat der Firma, auf Anfrage.
2020 hätten Angestellte mit der Pandemie, Unsicherheiten und der Angst vor dem Jobverlust zu kämpfen gehabt. "Verglichen mit dem ersten Halbjahr haben sich Kandidaten im zweiten Halbjahr eher daran gewöhnt und sich wieder getraut nach einem neuen Job zu suchen. Dadurch sind die 'natürlichen Wechsel' aufgestaut worden", begründet Aukia die Entwicklung. Die Bewerbungen aus dem Ausland seien etwa im Schnitt, sagt der VSHN-Gründer, dessen Firma in der Schweiz und der EU rekrutiert.
Bei Liip, wo man ebenfalls die Stellen aufstockt, teilt man die Einschätzung vorsichtig: 2020 habe sich die Rekrutierung von hoch qualifizierten IT-Spezialisten schwierig gestaltet. "Seit diesem Jahr stellen wir aber tatsächlich eine leichte Tendenz hin zu besseren Profilen fest. Ob sich das so als Trend manifestieren wird, ist aber für uns noch nicht klar beantwortbar", heisst es von Claudia Arndt, HR-Spezialistin bei der Digitalagentur. Deutlich mehr Bewerbungen würden aus Ländern ausserhalb der EU auf dem Tisch landen.

"Viele Bewerber verfügen nicht über die erforderliche Erfahrung"

Schaut man etwas genauer hin, zeigt sich aber ein differenziertes Bild: Die vielen Interessierten brächten nicht immer die geeignete Qualifikation mit, so dass die Rekrutierung dennoch anspruchsvoll bleibe, sagt Arndt. Dies gelte besonders für den Development-Bereich, aber auch für übergreifende Rollen wie Product Owner oder Digital-Analytics- und User-Experience-Spezialisten.
"Bei der ganzen Palette an Profilen, die wir suchen, stellen wir fest, dass es zwar genügend Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt gibt, diese jedoch oft nicht über die erforderlichen Erfahrungen verfügen", so Arndt. In der Pandemie hätten sich viele Menschen neu orientiert und etwa IT-Bootcamps besucht, für vertiefte Fachkenntnisse und Erfahrung, wie man sie bei Liip suche, reiche dies aber nicht aus.
Bei der Zürcher Digitalagentur Unic stellt man keine eindeutige Tendenz fest, wie diese auf Anfrage mitteilt. Die Firma hat derzeit 11 Stellen für Entwickler und Berater ausgeschrieben.

Die Arbeitslosenzahlen zeigen die Entwicklung nur ungenügend

Die Zahl der Arbeitslosen in der ICT-Branche sank jüngst ein wenig, liegt aber immer noch über ein Drittel höher als vor einem Jahr. Die Arbeitslosenzahlen seien kein sehr guter Indikator für den Arbeitsverlust, sagt KOF-Forscher Siegenthaler. "Viele Menschen erleben derzeit Arbeitsausfälle, die sich nicht in den Arbeitslosenzahlen niederschlagen. Ein Teil verliert seine Stelle und zieht sich dann aus dem Arbeitsmarkt zurück. Das haben wir vor allem in der ersten Welle beobachtet. Wenn sich diese Menschen nicht mehr aktiv um Arbeit bemühen, tauchen sie auch nicht in der Arbeitslosenstatistik auf."
Die Schweiz habe bereits 2020 einen grossen Beschäftigungsverlust zu beklagen gehabt, nun drohe sich dieser nochmals auszuweiten, so Siegenthaler. Besonders betroffen sind Branchen wie das Gastgewerbe, die stark unter dem Lockdown leiden, während sich innerhalb der ICT-Branche Unterschiede erkennen lassen.
Wie sich der Arbeitsmarkt weiterentwickelt, ist schwer vorherzusehen. Auch weil der weitere Verlauf der Pandemie noch unklar ist. Arbeitslosen drohen aber längere Perioden ohne Arbeit, warnt Siegenthaler. "Die Situation ist für diese Menschen belastend. Arbeitgeber werten längere Phasen der Arbeitslosigkeit zudem bei der Rekrutierung negativ. Das wird uns noch auf Jahre hinaus beschäftigen. Die Langzeitarbeitslosigkeit wird 2021 ansteigen, und wir laufen auch Gefahr, dass eine höhere Sockelarbeitslosigkeit entsteht."
Interessenbindung: Deep Impact ist Technologie-Partner und Mehrheitseigner unseres Verlags Winsider AG .

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