"Wir fordern Stallmans Rücktritt aus allen FSF-Gremien"

29. März 2021, 14:00
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Red Hat streicht Geld und Tausende wollen Guru Richard Stallman aus der Free Software Foundation absetzen. Seine Gegner kommen auch aus der Schweiz.

Die Rückkehr von Open-Source-Guru Richard Stallman in den Free Software Foundation (FSF) wächst sich zum Image- und Finanz-Debakel aus. "Red Hat war entsetzt, als wir erfuhren, dass er wieder dem Vorstand der FSF beigetreten ist", lässt der mächtige Open-Source-Konzern schriftlich verlauten. "Infolgedessen stellen wir mit sofortiger Wirkung jegliche Finanzierung der FSF durch Red Hat sowie jegliche von der FSF ausgerichteten Veranstaltungen ein."
Stallmans Rückkehr habe alte Wunden geöffnet und zeige, dass die FSF keine "sinnvollen" Fortschritte bezüglich Governance mache, so die Firma die laut Eigenangaben mit "Hunderten von Mitwirkenden Millionen von Codezeilen" zu FSF beigetragen habe.
Chris Wright, Red Hat CTO, schrieb via Twitter, er sei persönlich "wirklich empört" über die Rückkehr. Er erhielt neben viel Lob allerdings auch kritische Reaktionen, dass Red Hat selbst auch kein Vorbild in Sachen "Diversity" und "Inclusion" sei.
Red Hat und dessen CTO sind aber keineswegs allein. Rasch wächst nämlich die Anzahl an Unterzeichnern, die in einem offenen Brief fordern, Stallman aus allen Führungspositionen der FSF zu entfernen. "Er hat sich als frauenfeindlich, behindertenfeindlich und transphobisch erwiesen, ganz abgesehen von weiteren schwerwiegenden Vorwürfen der Unangemessenheit", heisst es im Brief über Stallman.
Zu den Unterzeichnern des Briefes gehören Neil McGovern, Geschäftsführer der GNOME Foundation und ehemaliger Leiter des Debian-Projekts; Deb Nicholson, Geschäftsführerin der Open Source Initiative; Matthew Garrett, ein ehemaliges Mitglied des FSF-Vorstands; sieben der acht Mitglieder des Vorstands der X.org Foundation; Elana Hashman vom Technischen Komitee von Debian, der Open Source Initiative und dem Kubernetes-Projekt; Molly de Blanc vom Debian-Projekt und der GNOME Foundation; Suse, Mozilla, das Tor Project und mehr als 2800 andere Einzelpersonen und Organisationen.

"Das ist falsch"

Auch der Schweizer Verein CH Open mit über 250 Einzel- und Firmenmitgliedern hat den offenen Brief unterzeichnet. "Stallman hat viel für die Free-Software-Bewegung getan und wurde deshalb auch mehrfach in die Schweiz eingeladen", erklärt Präsident Matthias Stürmer auf Anfrage. "Aber er gehört zu einer Generation, welche die Problematik nicht versteht und er verhält sich zum Thema Inklusion und Frauenförderung nicht sensibel. Er kann die Vorfälle in dieser Rolle und mit dieser Relevanz nicht verharmlosen, das ist falsch."
Die unabhängige europäische Schwester der Organisation, die FSFE, stellt sich ebenso gegen die Stallman-Wahl. "Wir haben durch eine öffentliche Bekanntmachung erfahren, dass Richard Stallman wieder dem Vorstand der Free Software Foundation, einer unserer unabhängigen Schwesterorganisationen, angehört. Wir missbilligen diesen Schritt, der ohne jegliche Botschaft der Reue oder Bereitschaft zur Veränderung kam." Die FSFE glaubt, dass Stallman der Bewegung heute sogar schade. "Das Ziel der Software-Freiheitsbewegung ist es, alle Menschen zu befähigen, Technologie zu kontrollieren und dadurch eine bessere Gesellschaft für alle zu schaffen. Freie Software soll allen Menschen dienen, unabhängig von Alter, Fähigkeit oder Behinderung, Geschlechtsidentität, Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, Nationalität, Religion oder sexueller Orientierung. Dies erfordert eine inklusive und vielfältige Umgebung, die alle Mitwirkenden gleichermassen willkommen heisst", schreibt die FSFE.
Nathan Sidwell, ein langjähriger Entwickler von GCC, dem Compiler, der vom GNU-Projekt erstellt wurde und in Linux-Distributionen verwendet wird, hat einen eigenen Aufruf zur Entfernung von Stallman aus dem GCC-Lenkungsausschuss veröffentlicht, wenn auch aus anderen Gründen. Das ist bemerkenswert, denn Stallman ist auch der Gründer des GNU-Projekts und der ursprüngliche Autor von GCC. "RMS [Stallman] ist kein Entwickler von GCC mehr, der letzte Commit, den ich finden kann, betrifft SCO im Jahr 2003", schrieb Sidwell.

"Ich habe nicht vor, ein zweites Mal zurückzutreten"

Im Zuge der Kritik ist offenbar auch das Wahlprozedere in die Kritik geraten und der FSF-Executive Director, John Sullivan, sagte zu 'ZDnet' wortkarg: "Die Organisation schaut sich an, wie das passiert ist und wird sich darum kümmern. In der Zwischenzeit haben wir eine Menge Feedback erhalten. Wir lesen es und hören aufmerksam zu."
Vor kurzem gab Stallman selbst bekannt, dass er in den FSF-Vorstand zurückkehre, nachdem er 2020 als Präsident und Vorstand zurücktreten musste, weil er im Zuge der Klagen gegen Jeffrey Epstein einen Verdächtigen öffentlich in Schutz nahm und Sex mit Minderjährigen verharmloste.
Er zeigte sich zu seiner Rückkehr in den Vorstand ohne Reue und uneinsichtig und sagte trocken: "Einige von euch werden sich darüber freuen und einige werden enttäuscht sein. ... Auf jeden Fall ist es so, und ich habe nicht vor, ein zweites Mal zurückzutreten."
Im August 2020 wurde sein Nachfolger als FSF-Präsident gewählt. Dieser hat sich noch nicht zum Thema Stallman geäussert.

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