"Wir haben praktisch keine Überlappungen!"

29. Oktober 2018, 14:42
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Warum übernimmt IBM Red Hat? Wie weiter? An zwei Telefonkonferenzen erklärten sich die Top-Leute beider Firmen.

Warum übernimmt IBM Red Hat? Wie weiter? An zwei Telefonkonferenzen erklärten sich die Top-Leute beider Firmen.
190 Dollar je Red-Aktie bietet IBM, ein grosszügiger Aufschlag von gut 60 Prozent auf den Wochenend-Schlusskurs des Open-Source-Giganten. Der Übernahme-Preis von 34 Milliarden Dollar beinhaltet auch Schulden von Red Hat, und IBM will dafür eigenes Cash und Kredite nutzen. Mit dem Abschluss des Deals rechnen die Unternehmen im zweiten Halbjahr 2019, soweit die Fakten.
In einer Telefonkonferenz mit Investoren erklärte IBM-Chefin Ginni Rometty zum grössten Deal der Firmengeschichte: "Das wird ganz klar ein Game Changer. Und IBM wird der weltweite Hybrid-Cloud-Anbieter Nummer eins." Zu den Gründen, den drittgrössten Deal der US-Tech-Geschichte abzuschliessen, sagte Rometty, man habe bei IBM auf diesen Moment hingearbeitet und läute mit der Red-Hat-Übernahm das zweite Kapitel der Cloud-Geschichte ein.
Was sie damit meint: Das erste Kapitel sei, so Rometty, Kosteneinsparungen durch Cloud gewesen. Aber im Ein-Billionen-Dollar-Markt "Hybrid Cloud" sei das Potential noch längst nicht ausgeschöpft, im Gegenteil. Nur zehn bis 20 Prozent der Workloads der IBM-Kunden seien bislang in die Cloud gegangen. Mit Red Hat will man die weiteren 80 Prozent – Prozesse und Daten – in die IBM-Cloud bringen.
Das Ziel sei eine Cloud ohne Lock-In und natürlich höchster Sicherheit und man würde die Portabilität von Apps und Prozessen über Plattformen hinweg sicherstellen, ebenso das Management von Multi-Clouds. Kein Neu-Programmieren von Apps mehr, sondern eine gemeinsame Plattform für alle und alles. Die Komplexität, so das Versprechen, können Kunden dann loswerden. Gleichzeitig könne IBM mit Red Hat auf allen Ebenen skalieren: Cloud, Middleware, KI. Sie sehe nur Synergien in Sachen Erlöse.
Rometty versprach allen Involvierten ausgezeichnete Cross-Selling-Möglichkeiten.
Weil Linux derart erfolgreich ist in der Cloud, sei die Übernahme für einen Open-Source- und Linux-Community-Pionier wie IBM naheliegend. Red Hat bringe acht Millionen Entwickler ein, 90 Prozent der Fortune-500-Firmen, die offene Plattform und natürlich OpenShift und Cloud-Automatisierung.
"Darüber mussten wir gar nicht sprechen"
Jim Whitehurst, Red-Hat-CEO und VRP, sieht eine grosse Zukunft für alle Red-Hat-Stakeholder und verwies stolz auf 66 Quartale Wachstum (im Unterschied zu IBM). Die Übernahme sei ein Katalysator für Red Hat, man könne das Wachstum mit IBM auf "ein ganz neues Niveau" bringen. Zusammen werde man der mächtigste Advokat für Open Source insgesamt werden.
Whitehurst fügte an: "Die Partnerstrategien bleiben intakt und es wird kein Lock-in geben". Auf Nachfrage fügte er als Begründung des Deals an, Red Hat habe beispielsweise im Vergleich zu IBM begrenzte Ressourcen gehabt, Applikationen von A nach B zu migrieren. Dies sei nun anders.
Sowohl Whitehurst wie auch Rometty sind sich bewusst, dass hier zwei unterschiedliche Firmenkulturen zusammentreffen. Unaufgefordert sagte Whitehurst an: IBM hat grossen Respekt für die Open-Source-Community und diese Kultur. Rometty ihrerseits sagte, die andere Kultur sei kein Thema: "Darüber mussten Jim Whitehurst und ich gar nicht sprechen". Unter ihrer Führung seien Dutzende von Übernahmen erfolgt und dabei sei es immer um Menschen und Kultur gegangen. "Ich weiss, wie man eine solche Integration macht", so Rometty.
IBM hat angekündigt, die 12'000 Red-Hat-Mitarbeitenden zu übernehmen und Red Hat solle eigenständig am Markt bleiben. Rometty sagte, sie schätze auch die dezentrale, heterogene Struktur der Open-Source-Firma. "Red Hat ist der Schweiz ähnlich und das müssen wir beibehalten", so die IBM-Chefin. "Ich wünschte, wir wären Red Hat ähnlicher."
An einer separaten Red-Hat-Telco war dies ein grosses Thema. Paul Cormier, Red Hat President Products and Technologies, und Arvind Krishna, Senior Vice President, IBM Hybrid Cloud, demonstrierten Harmonie: Es sei teuer und zeitraubend, einen Brand wie Red Hat aufzubauen, also rüttle man daran nicht. Auch an den Standorten werde sich nichts ändern, so Krishna.
Laut Medienmitteilung: "Nach Abschluss der Übernahme wird Red Hat dem IBM Hybrid Cloud-Team als eigenständige Einheit beitreten und dabei werden die Unabhängigkeit und Neutralität von Red Hats Open-Source-Entwicklungstradition und Engagement, das aktuelle Produktportfolio und die Markteinführungsstrategie sowie die einzigartige Entwicklungskultur bewahrt." Cormier sagte, für die 34 Milliarden Dollar kaufe IBM ja kein Intellectual Property sondern Fachleute. Entsprechend werde sich nichts ändern. Auch die Roadmap und deren Justierungen bleiben wie bislang in Händen Red Hats. Bei Openstack ändere sich durch die IBM-Übernahme ebenso nichts.
Und wird es Veränderungen im IBM-Produktportfolio beziehungsweise Deinvestition geben? Rometty sagte, sie habe keine Probleme mit Deinvestitionen, falls dies nötig sei. Sie bestätigte, es gehe bei der Übernahme nicht um Kosteneinsparungen, sondern um Umsatzwachstum und sonst gar nichts. Und mit Red-Hat-Produkten sei sehr profitables Wachstum möglich, so Whitehurst.
IBM-seitig werde man KI, Watson und Container zusammenbringen, kündigte Krishna an. "Eine dramatische Evolution", so der IBM-Mann. Für Linux-Partner von IBM ändere sich nichts. Was vom Markt gefragt werde, führe man weiter, das gelte beispielsweise auch für Cloud Foundry.
Ein Bankanalyst fragte Rometty, was mit dem überlappenden Produktportfolio geschehe: Wird IBM eher die Red-Hat- oder die IBM-Produkte weiterführen? "Wir haben praktisch keine Überlappungen!", rief Rometty, "das ist eine Fehleinschätzung!" Und Whitehurst ergänzte: "Wir haben mit IBM nur über Hybrid Cloud gesprochen, nicht über Überlappungen. Die Produkte sind komplimentär, nur die Märkte nicht."
Fragen zum Return-on-Investment und Metriken wich Rometty aus und wiederholte die Cross-Selling-Chancen von Middleware bis Watson. (Marcel Gamma)

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