Wird Skype für Microsoft zum Milliardengrab oder zur Trumpfkarte?

11. Mai 2011, 11:40
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Als am Vortag bekannt wurde, dass Microsoft 8,5 Milliarden Dollar springen lassen will, um Skype zu übernehmen, haben viele einfach nur den Kopf geschüttelt, schliesslich entspricht die Kaufsumme dem 10-fachen des Umsatzes und dem 32-fachen des operativen Gewinns der neuen Tochter in spe. Angesichts von nur 8,8 Millionen zahlenden Kunden bei 660 Millionen registrierten Nutzern ist der IP-Telefonie-Spezialist selbst immer mehr in die Schieflage geraten. Bei Einnahmen von 860 Millionen Dollar soll Skype im Vorjahr einen Verlust von 7 Millionen Dollar eingefahren haben. Grund genug, nach einem solventen Käufer zu suchen.
Im Übernahmepoker waren unter anderem Cisco, Google und Facebook genannt, aber offenbar war ihnen der VoIP-Anbieter einfach zu teuer. eBay, heute mit 30 Prozent noch zweitgrösster Anteilseigner nach Silver Lake Partners aus Luxemburg (39 Prozent), hatte das Unternehmen 2005 für damals 2,6 Milliarden Dollar übernommen in der Hoffnung, dass die Kunden sich mit den Skype-Diensten miteinander vernetzen würden, was sich dann nicht materialisiert hat. Nachdem die Verluste durch die Tochter immer grösser wurden, war die Online-Handelsplattform 2009 froh, sich wieder von einem Grossteil der Anteile trennen zu können. 2,55 Milliarden Dollar könnte eBay nun aus dem Microsoft-Topf erhalten, nach einer 2007 erfolgten Abschreibung in Höhe von 1,4 Milliarden Dollar und Einnahmen von 1,9 Milliarden Dollar aus dem Verkauf an die Luxemburger Investorengruppe käme der grösste Online-Marktplatz so noch gut davon.
Wie dem auch sei. 660 Millionen registrierte Nutzer, 150 Millionen davon aktiv telefonierend, waren für Microsoft gute Argumente, um zuzuschlagen. Im Telefonie- und VoIP-Umfeld hatte der Softwareriese Instant-Messaging-Anbietern wie AOL, Skype und Yahoo wenig entgegenzusetzen. Abgesehen davon erhält Microsoft so mehr Zugang zum Mobilfunkmarkt, in demandere, allen voran Apple mit dem iOS und Google mit dem Android-Betriebssystem, längst davon hoppeln.
Auch wenn es den Mobilfunkbetreibern ein Dorn im Auge ist und VoIP-Services von ihnen teilweise geblockt werden, telefonieren viele iPhone- und Android-Smartphone-Besitzer munter kostenlos mit Skype. Gespickt mit ein paar Alleinstellungsmerkmalen könnte Skype dem Unternehmen auch in der gerade erst gebildeten Allianz mit Nokia dienen, um Windows Phone 7 aus der Nischenecke zu holen, wie IDC-Analystin Rosalind Craven andeutet. Die offene Feindschaft, welche manche Mobilfunkbetreiber gegen Skype und Co. an den Tag legen, ist ihr zufolge keine dauerhafte Position, weil sie Gefahr laufen, dass ihnen langfristig die Kunden abdriften.
Abgesehen davon setze die Nutzung von VoIP über mobile Netze ein bestimmtes Datenvolumen voraus, das im Paket oft eh mit einer Telefon-Flatrate verkauft werde. Dennoch könnten Microsoft und Nokia bei dem Bemühen, Windows Phone 7 voranzubringen, vor der offenen Feindschaft der Betreiber gegen Skype und VoIP einknicken und somit wichtige Chancen vertun, schliesst Craven ihren Bericht.
Eine Herausforderung für Microsoft werde es sein, Skype schnell und nahtlos in das eigene Portfolio zu integrieren, meint Experton-Analyst Axel Oppermann. Sinnvoll - und von Microsoft auch bereits angekündigt - wäre zum Beispiel eine Integration in die eigene Spielkonsole Xbox und den dazu gehörigen Online-Dienst Xbox Live. Auch was das bisher wenig erfolgreiche Geschäft mit der Suchmaschine Bing angeht, könnte Skype mit werbefinanzierter Telefonie einen wichtigen Beitrag leisten. Viele Analysten sind sich jedoch einig, dass es Skype bisher an zahlenden Geschäftskunden fehlte. In Kombination mit Microsofts eigenen Telefonie-Produkten könnte sich das ändern.
Die 'NZZ' sieht in dem geplanten Milliarden-Deal eher ein Aufhübschen der Power-Point-Präsentationen des Microsoft-Unternehmensprofils. Angesichts rückläufiger Windows-Umsätze sei dieses "zuletzt verdächtig inhaltslos" gewesen. Abgesehen von der Ankündigung, Skype in die eigenen Produkte wie etwa das E-Mail-Programm Outlook zu integrieren, sei Microsoft sehr vage geblieben, wie man gedenke, Skypes schwächelnde Gewinne aufzubessern. Ansonsten erinnerten die Argumente an die, welche eBay vorgebracht hatte. Als "teure Skype-Wette" bezeichnet die 'Computerwoche' den Milliarden-Deal, gestützt auf eine 'dpa'-Meldung. Ob die Rechnung für Microsoft aufgehe, sei "eine der spannendsten Fragen in der IT-Welt". Das Unternehmen stehe vor dem Dilemma, dass sich die Kassen mit der "Geldmaschine Windows" als dominierende PC-Plattform jedes Quartal mit neuen Milliarden fülle, aber als "Computer-Urgestein" immer mehr unter Druck der viel jugendlicher wirkenden Rivalen Apple und Google gerate. Dabei verliere der klassische PC zugunsten mobiler Geräte, allen voran iPhone und iPad, zunehmend an Bedeutung. Während die Windows-Milliarden nur so sprudeln, habe das Internet-Geschäft dem Unternehmen wieder einen Verlust von 700 Millionen Dollar beschert. (Klaus Hauptfleisch)

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