Yandex: Das Russen-Google erklärt sich

28. Juli 2011, 14:38
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In Russland holt der US-Gigant Google keine Marktanteile. Branchenprimus ist die Suchmaschine Yandex, die offenbar besser versteht, was russische Nutzer wollen. Und auch mit dem Geheimdienst kooperiert, wenn es sein muss.

In Russland holt der US-Gigant Google keine Marktanteile. Branchenprimus ist die Suchmaschine Yandex, die offenbar besser versteht, was russische Nutzer wollen. Und auch mit dem Geheimdienst kooperiert, wenn es sein muss.
Erfolgreicher Kampf gegen Google, rasanter Börsengang an der Nasdaq und ein Schuss Agenten-Thriller aus einem Riesen-Reich, das im Westen noch überwiegend unbekannt ist: Der Aufstieg der russischen Internetsuchmaschine Yandex bietet IT-Experten, Anlegern und vielleicht sogar Schreibern politischer Unterhaltungsromane genügend Stoff für Analysen und Beobachtungen. Jetzt hat das Moskauer Vorzeige-Unternehmen seine Halbjahresbilanz vorgelegt und alle wieder mit weiteren Steigerungen überrascht.
Die Umsätze sind im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 61 Prozent auf rund 8,4 Milliarden Rubel (310 Millionen Dollar) gestiegen. Insgesamt gab es überall ein zweistelliges Wachstum - ganz so, wie es für klassische Wachstumsunternehmen üblich ist. Auch der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) steigerte sich um 49 Prozent auf 3,6 Milliarden Rubel (130 Millionen Dollar). Und der Nettogewinn erhöhte sich um 28 Prozent auf fast zwei Milliarden Rubel (72 Millionen Dollar).
"Yandex hat sich im zweiten Quartal stark entwickelt, während es im Mai seinen Börsengang abgeschlossen hat", sagte der CEO und Mitgründer Arkady Volozh. Der Internetkonzern habe solide Steigerungen in sämtlichen Schlüsselbereichen erreicht und weiter investiert, um die nächste geplante Wachstumsphase einzuleiten.
Marktführerschaft gegen Google
Hintergrund: Der Schlüssel zum Erfolg ist mit Sicherheit der erfolgreiche Kampf gegen Google am einheimischen Markt. Zwar ist Google in der aktuellen Rangliste der wertvollsten Consumer-Brands, die von der internationalen PR- und Marketingagentur Millward Brown aufgestellt wird, von Apple vom ersten Platz verdrängt worden, trotzdem bleibt der Suchmaschinengigant aus Mountain View immer noch eine riesige Macht.
In Russland hingegen bekommt Google kein Bein an den Boden, weil der Konzern an Yandex einfach nicht vorbei kommt: Hier kontrollieren Google gerade einmal einen Fünftel des Marktes von 140 Millionen Einwohnern, während das Moskauer Unternehmen mit fast 65 Prozent der Anteile der absolute Marktführer ist.
Doch wie halten die Russen den Weltkonzern in Schach, der sonst überall eine dominante Rolle spielt? "Da könnten unsere Nutzer sicherlich eine bessere Antwort darauf geben", übte sich Yandex-Sprecherin Tatiana Komarova im Gespräch mit inside-it.ch in Bescheidenheit. Hilfreich sei mit Sicherheit gewesen, dass sich das Unternehmen auf hervorragende einheimische Mathematiker stützen könne, weil Russland über eine starke wissenschaftliche Tradition verfüge. Die Sowjetunion hat ihren Aussagen zufolge gerade diese Disziplin sehr gefördert. "Zusätzlich haben wir ein tiefgründiges Verständnis für die Kultur, die Mentalität und die Gewohnheiten der russischen Internet-Nutzer", fügte Komarova hinzu. Dazu komme die Fähigkeit, dieses Verständnis auch in die Entwicklung der Technologien einzubringen.
"Der erste Vorteil, den wir hatten, war ein Suchsystem, das auf einer Morphologie für die russische Sprache basiert hat", führte die Sprecherin weiter aus. Das Problem: Russisch verfügt über eine Vielzahl von Formen, um grammatische Funktionen und Bedeutungen auszudrücken, die in westlichen Sprachen komplett unbekannt sind. "Die Unternehmensgründer Ilya Segalovich und Arkady Volozh haben deswegen ein System entwickelt, das automatisch sämtliche Formen, die es gibt, in einem Text findet", unterstrich Komarova.
Stau-Warnungen und Maschinenlernen
Doch das ist noch nicht alles. Yandex versucht, sich mit weiteren Service-Angeboten zu profilieren, die über die reine Suchmaschine hinausgehen. Deswegen arbeitet das Moskauer Unternehmen seit zweieinhalb Jahren mit den russischen GPS-Navigationssystemen Autosputnik und Mobile Navigator zusammen. Nicht nur in Moskau, der mit knapp 11,6 Millionen Einwohnern grössten Stadt Europas, sondern auch in anderen russischen Grossstädten gehört der elektronische Wegweiser aufgrund des gigantischen Verkehrs mittlerweile für viele Autofahrer zur Standardausstattung. "Unser Yandex.Traffic-Service zeigt den Fahrern dabei immer noch eine Alternativstrecke an", sagte Komarova.
Darüber hinaus habe Yandex noch im selben Jahr einen weiteren Meilenstein bei seiner Entwicklung zum Internet-Giganten gesetzt. "Wir haben eine neue Methode für maschinelles Lernen entwickelt – die MatrixNet", erklärte Komarova. Dieses System erwidere und ordne die Suchergebnisse nach dem Standort des Nutzers und anderen Faktoren, die sich von Region zu Region unterscheiden können, oder sogar von Stadt zu Stadt. "Während die üblichen Maschinen, die weltweit operieren, nur auf der Länderebene aktiv sind, verfeinert Yandex die Suche sogar bis zur Städte-Ebene", erklärte die Sprecherin.
Regionale Bedürfnisse und globaler Börsengang
Das Unternehmen hatte nämlich zwischenzeitlich erkannt, dass sich die Bedürfnisse der Nutzer in den einzelnen russischen Regionen sehr unterscheiden können. Möglicherweise ist das gerade der entscheidende Unterschied zu Google. US-amerikanische Unternehmen haben generell die Neigung, sich weniger mit den Kulturen anderer Märkte auseinanderzusetzen, weil sie die Konzepte, die bei ihnen zuhause funktionieren, für weltweit allgemeingültig halten. Das ist aber gerade in Russland besonders wichtig, weil das Land aus mehreren Zeitzonen besteht, wo es unterschiedliche Kulturen und Mentalitäten gibt.
Dass Yandex hingegen auch weit über den eigenen Tellerrand hinaus schaut, hat der erfolgreiche Börsengang im Mai bewiesen, den das russische Unternehmen am New Yorker Technologiebörse Nasdaq über die Bühne gebracht hat. Die mehrfache Überzeichnung der Aktien weckte sogar alte Ängste unter den internationalen Aktionären, dass der gesamten Internetbranche wieder eine riesige Spekulationsblase drohe - ähnlich wie vor zehn Jahren, als es zum historischen Dot.com-Crash gekommen war.
Dieser Auftritt in den USA sorgte für eine riesige Publicity auf der ganzen Welt. In Polen beispielsweise berichtete daraufhin die Warschauer Wirtschaftszeitung "Puls Biznesu", die Russen bereiteten auch einen Markteintritt in ihr Land vor. "Dazu äussern wir uns nicht", zeigte sich Komarova hingegen wenig auskunftsfreudig. "Allerdings halten wir uns immer Entwicklungsmöglichkeiten offen", so die Sprecherin.
Kooperation mit dem Geheimdienst
Zusätzlich sorgte ein Ereignis für Aufsehen, das im Westen ein massiver Eingriff in die Bürgerrechte und in Unternehmensfreiheit gewesen wäre. Und das sich vielleicht sogar etwas nach Agenten-Roman anhört: Der russische Geheimdienst FSB, die Nachfolgeorganisation des sowjetischen KGB, forderte die Finanztochter Yandex.Money auf, die Kontenbewegung des 35jährigen Regimekritikers Alexey Navalny offenzulegen.
In Russland gibt es zwar offiziell eine Demokratie mit Wahlen, die aber stark autoritäre Züge trägt und deswegen oft von internationalen Bürgerrechtsgruppen kritisiert wird. "Diese Anfrage wurde gemäss dem Bundesrecht beantwortet", erläuterte hier die Sprecherin. Wie jedes andere private Unternehmen in Russland auch sei Yandex.Money rechtlich verpflichtet, auf formale Anfragen von einer ganzen Reihe von staatlichen Behörden zu antworten.
"Ob das aber der Attraktivität von Yandex für die Investoren geschadet hat, sollte man aber lieber die Analysten und Anleger fragen", fügte die Unternehmenssprecherin noch etwas süffisant hinzu - in Anspielung auf den sehr erfolgreichen Börsengang.
Seit diesem hat der Aktienkurs über 50 Prozent zugelegt. Offenbar hat es die Aktionäre tatsächlich nicht gestört, sie interessieren sich eher für die interessante Wachstumsstory. Es sieht auch nicht danach aus, dass die weitere geschäftliche Entwicklung von Yandex dadurch nachhaltig gestört werden könnte. Die Russen dürften Google auf ihrem Heimatmarkt auch weiterhin davonrennen. (Sebastian Becker, Warschau)
(Bild: Yandex-Sprecherin Tatiana Komarova: "Der erste Vorteil, den wir hatten, war ein Suchsystem, das auf einer Morphologie für die russische Sprache basierte." (ZVG))

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