Yuan-Aufwertung könnte Fabrikschliessungen und Entlassungen zur Folge haben

11. Oktober 2010, 11:35
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Nachdem im "Währungskrieg" auf dem Jahrestreffen des Internationalen Währungsfonds (IWF) am Wochenende keine Entspannung in Sicht war, hat Chinas Notenbankchef Zhou Xiaochuan heute erstmals signalisiert, dass sein Land zu einer massvollen Aufwertung des Yuan bereit sei.

Nachdem im "Währungskrieg" auf dem Jahrestreffen des Internationalen Währungsfonds (IWF) am Wochenende keine Entspannung in Sicht war, hat Chinas Notenbankchef Zhou Xiaochuan heute erstmals signalisiert, dass sein Land zu einer massvollen Aufwertung des Yuan bereit sei. Mit 6,6732 Yuan für einen US-Dollar erreichte die chinesische Währung heute tatsächlich ein Rekordhoch. Den USA dürfte das allerdings nicht ausreichen. Diese fordern schon seit Jahren, dass China die Volkswährung Renminbi (RMB) den tatsächlichen Gegebenheiten anpasst und setzen Peking zunehmend unter Druck.
Der Streit zwischen den beiden Supermächten währt schon seit Monaten. Washington wirft den Chinesen vor, den Kurs der eigenen Währung künstlich niedrig zu halten, um sich Wettbewerbsvorteile zu verschaffen. Ähnlich sehen das auch andere westliche Staaten. Chinas Premierminister Wen Jiabao hat europäischen Regierungschefs Anfang Oktober 2010 gesagt, dass die von einigen Kritikern geforderte 20- bis 40-prozentige Aufwertung des Yuan viele chinesische Unternehmen in den Ruin stürzen und zu massiven sozialen Unruhen durch Massenarbeitslosigkeit führen würde. Experten verschiedener internationaler Institute geben Wen direkt oder indirekt recht. Manche sagen auch, dass damit nicht nur Chinas Exporte ausgebremst würden, sondern die gesamte Weltwirtschaft, die sich gerade von der Finanzkrise zu erholen versucht.
"Wenn Chinas Renminbi plötzlich oder innerhalb von ein paar Monaten eine Neubewertung in dem geforderten Mass erfährt, könnten die meisten Unternehmen im Exportsektor einpacken", wird Lu Ting, Ökonom bei Merrill Lynch in Hongkong von der 'Taipei Times' sinngemäss zitiert. "Es ist für kein Land sinnvoll, in so kurzer Zeit eine grosse Kursänderung vorzunehmen." Der Meinung schliesst sich auch Tao Dong, Ökonom von Credit Suisse in Hongkong, an, zumal Chinas Exportsektor in der Regel mit sehr geringen Margen rechne.
Im Juni schon hat China signalisiert, den Wechselkurs des Yuan gegenüber dem US-Dollar freier schwanken zu lassen, eine grosse Schwankung hat die kommunistische Führung in Peking aber ausgeschlossen. Seitdem ist der RMB gegenüber dem Greenback gerade um zwei Prozent gestiegen, sehr zum Ärger der Amerikaner und Europäer, die meinen, der Yuan sei um bis zu 40 Prozent unterbewertet.
"Kettenreaktion von Fabrikschliessungen und Entlassungen"
Ian Sloan, Wirtschaftswissenschaftler am Massachusetts Institute of Technology, hat in einem Blog betont, dass die Legitimität von Chinas kommunistischer Führung darin liege, Jahr für Jahr ein rapides Wirtschaftswachstum zu garantieren. Er warnt in dem Blog aber auch, dass eine plötzliche Aufwertung des Yuan in der ganzen exportorientierten Wirtschaft eine "Kettenreaktion von Fabrikschliessungen und Entlassungen" zur Folge haben würde. Fabrikschliessungen hätten natürlich auch Folgen für die gesamte IT-Industrie, da ein grosser Teil der Hardware aus China stammt.
"Kurzfristig mag China in der Lage sein, die Gesetze, den Bankensektor und die sozialen Hebel zu manipulieren, um Schlüsselindustrien oder Regionen abzustützen, aber langfristig, ist es nicht sicher, ob diese Massnahmen ausreichen werden, um soziale Stabilität oder der fortgesetzte Loyalität zur kommunistischen Partei zu sichern", so der MIT-Wirtschaftswissenschaftler. Eine mögliche Revolution, chinesisch "Geming" für Änderung des (himmlischen) Mandates, hat vor Jahrtausenden schon chinesischen Kaisern schlaflose Nächte bereitet. Das nur am Rande.
Merrill-Lynch-Analyst Lu ist nicht grundsätzlich dagegen, dass die USA und Europa Druck auf China ausüben, denkt aber, dass die westlichen Regierungen mit ihren Forderungen nach einer zweistelligen Aufwertung des Yuan zu weit gehen, da dies nicht praktikabel sei und sogar schädlich. Das US-Repräsentantenhaus hat im September einen Gesetzesvorschlag eingereicht, das dem Handelsministerium freie Hand gäbe, Strafzölle auf chinesische Waren zu erheben, wenn China im Währungsstreit nicht einlenke.
Den Begriff vom "Währungskrieg" hat Brasiliens Finanzminister Guido Mantega erstmals in die Runde geworfen. IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn hat unlängst sogar davon gesprochen, dass einige Länder "ihre Währung als Waffe verstehen" würden.
Credit-Suisse-Experte Tao ist denn auch nicht allein, wenn er sagt: "Jeder ist schuld – nicht nur die Chinesen." Nachdem der japanische Yen trotz Deflation ständig gestiegen ist, hat die Zentralbank Anfang Oktober versucht, die Notbremse zu ziehen, indem sie den Leitzins erstmals seit 2006 wieder auf null gesenkt hat.
"Im Moment ist jeder darauf bedacht, seine Währung abzuwerten", zitiert die 'Märkische Allgemeine' Heinrich Brendel, Finanzexperte bei der Mittelbrandenburgischen Sparkasse (MBS) in Potsdam. Alle ärgerten sich nur über die Chinesen. Tatsächlich halten diese den Kurs ihrer Landeswährung auch dadurch niedrig, dass sie massiv Auslandswährungen aufkaufen. Allein die Dollarreserven werden auf 2,5 Billionen geschätzt.
"Ein Abwertungswettlauf unter den grossen Währungen ist politisch kostspielig und wirtschaftlich sinnlos", meint Dennis Snower vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. Der IWF warnt vor einer Verzerrung der Märkte, wenn Notenbanken ständig eingreifen. Hinzu kommen neue Tendenzen von Protektionismus. So hat Brasilien den Steuersatz für ausländische Investitionen erhöht, die USA haben auf Betreiben des Repräsentantenhauses bereits Strafzölle gegen chinesische Waren eingeleitet. "Mehr Protektionismus ist für die Weltwirtschaft nicht förderlich“, so MBS-Finanzexperte Brendel. (Klaus Hauptfleisch)

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