Zoom und die Wölfe

27. April 2020, 11:56
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Der Videoconferencing-Markt ist krisenbedingt heiss. Traditionelle Anbieter sind neidisch auf den Erfolg von Zoom. Auch Schweizer Anbieter rüsten auf.

Die Corona-Krise beschert Anbietern von Videokonferenz-Plattformen eine Unmenge an neuen Kunden. Cisco, Google, Microsoft, Facebook: Alle melden neue User-Rekorde für ihre Videochat-Angebote. Aber trotzdem scheinen laut einem Bericht der 'New York Times' all diese alteingesessenen Anbieter mehr als nur ein bisschen neidisch auf den Erfolg eines "Emporkömmlings" zu sein: Zoom.
In den letzten Wochen gab es mehrmals Berichte über Security- und Datenschutzprobleme bei Zoom. Dies scheint die Popularität des Services aber bisher kaum gemindert zu haben. Laut dem Marktforschungsunternehmen App Annie hat sich die Zahl der Downloads der Zoom-Software im letzten Monat mehr als versiebenfacht. Gemäss Zoom selbst ist die Zahl der täglichen Nutzer von 10 Millionen vor dem Ausbruch der Corona-Krise auf mittlerweile 300 Millionen gestiegen. Der Aktienkurs von Zoom hat sich im Vergleich zum Jahresanfang etwas mehr als verdoppelt und Zoom hat gegenwärtig einen Börsenwert von rund 44 Milliarden Dollar.
Siebenmal so viele User wie vor der Krise zählt der norwegische Anbieter Pexip. Das 2012 gegründete Unternehmen hofft gemäss einem Bericht der 'Financial Times' durch einen Börsengang 200 Millionen Dollar einzunehmen. Damit könnte es sich um den grössten Tech-IPO in Skandinavien handeln.

Profitieren die Tech-Riesen weniger als die Newcomer?

Der Börsenwert von 44 Milliarden Dollar macht es für die Tech-Riesen auch etwas schwierig, Zoom einfach zu schlucken, wie sie dies in der Vergangenheit oft mit erfolgreichen Neuankömmlingen gemacht haben. Denn diese waren deutlich billiger. Cisco hat Webex 2007 für 3,2 Milliarden Dollar gekauft. 2014 hat Facebook 16,8 Milliarden Dollar für Whatsapp ausgegeben, 2012 aber nur 760 Millionen Dollar für Instagram. Microsoft hat für Skype im Jahr 2011 8,5 Milliarden Dollar gezahlt.
Gemäss dem Bericht der 'NYT', der sich auf Insiderinformationen stützt, gibt es bei allen erwähnten Internetriesen Angestellte, die sich laut darüber wundern, warum ihr Unternehmen nicht in ähnlichem Mass profitiert. Dies, obwohl sie schon seit Jahren Videoservices anbieten.

Auch Facebook will mitmischen

Zoom scheint Anwender vor allem durch die Einfachheit der Bedienung, die Möglichkeit, schon mit der Gratisversion Konferenzen mit bis zu 100 Teilnehmern abzuhalten, sowie durch die Gallerieansicht, bei der bis zu 25 Teilnehmer sichtbar sind, zu überzeugen. Die Konkurrenz versucht nun nachzuziehen. Facebook beispielsweise hat vergangene Woche seine Videochat-Services deutlich erweitert. In den neuen “Messenger Rooms" können nun bis zu 50 Teilnehmer Videokonferenzen abhalten. Via Whatsapp sind es neu bis zu acht Leute. Später sollen zudem die Rooms auch in Whatsapp und Instagram integriert werden.

Google hat seinerseits eine Gallerie-ähnliche Ansicht für Meet eingeführt und versucht, die Videoqualität zu erhöhen. Ausserdem sollen Videochats in Zukunft direkt aus Gmail heraus gestartet werden können. Schweizer Anbieter bringen sich ebenso in Stellung

Auch in der Schweiz gibt es Anbieter von Videokonferenz-Plattformen, beispielsweise das Zürcher Unternehmen Veeting, das seit 2014 einen solchen Service betreibt. Veeting hat gerade angekündigt, dass die Kapazität für seinen Service kurzfristig verdreifacht wurde, um der hohen Nachfrage nachzukommen.
Eine weitere Schweizer Video-Chat-Alternative kommt nun von Hostpoint. "Hostpoint Meet" ist kostenlos und basiert auf der Open-Source-Lösung Jitsi. Um den neuen Hostpoint-Service zu nutzen, reicht der Browser aus, es muss keine Software installiert werden. Auch eine Registration ist nicht notwendig. Laut Hostpoint wird der Service ausschliesslich auf Servern in der Schweiz betrieben und die Kommunikation erfolgt verschlüsselt.
Daneben bringt der Anbieter Wizard Smart Solutions eine Lösung, die sich speziell für den Spitaleinsatz eignen soll. Das Tool, das ursprünglich für die Finanzbranche entwickelt wurde, sei kurzfristig auf die Bedürfnisse von Spitälern umprogrammiert worden, schreibt die 'Computerworld'. Somit liessen sich Patienten, die nicht zwingend in einem Spital behandelt werden müssen, über eine Videokonferenz betreuen. Ausserdem werde das Tool genutzt, damit Patienten mit Familienangehörigen kommunizieren können. Die Lösung stehe unter anderem im Spital Bülach, der Schulthess Klinik in Zürich sowie der Zürcher Forel Klinik im Einsatz. 

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