Zuger Finanzsoftware: Hat der Kanton zu teuer beschafft?

10. Februar 2014, 16:32
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Die freihändige Vergabe des Auftrags für die Erneuerung der Finanzsoftware des Kantons Zug an die Firma IT&T gibt zu reden. Abacus-CEO Claudio Hintermann wagt den Preisvergleich.

Die freihändige Vergabe des Auftrags für die Erneuerung der Finanzsoftware des Kantons Zug an die Firma IT&T gibt zu reden. Abacus-CEO Claudio Hintermann wagt den Preisvergleich.
Am 10. Dezember vergab der Kanton Zug einen Auftrag zur Erneuerung der Finanzsoftware im Wert von über drei Millionen Franken an die Rotkreuzer Firma IT&T. Unsere Story sorgte für viel Aufregung Der Kanton Zug hat den Auftrag "freihändig", also ohne Ausschreibung vergeben. Der zuständige Regierungsrat Peter Hegglin begründete die Vergabe unter anderem damit, dass Zug Mitglied des Vereins SSGI (Schweizerische Städte- und Gemeindeinformatik) sei, der den Auftrag ja bereits ausgeschrieben habe.
Dies wiederum stösst auf heftigen Widerspruch aus St. Gallen. Der Kanton Zug beschäftige "Archäologen" mit der Vergabe von Aufträgen, sagt etwa Claudio Hintermann (Foto) vom IT&T-Konkurrenten Abacus. Was SteuerzahlerInnen aber wohl fast mehr beschäftigt: Bezahlt der Kanton wegen der ausschreibungslosen Vergabe des Software-Auftrags mehr als nötig? Hintermann wagt im Gespräch mit inside-it.ch einen Zahlenvergleich.
Wie die St. Galler VRSG hat auch der Kanton Zug einen Auftrag an IT&T vergeben. War Abacus zu einer Offerte eingeladen worden?
Claudio Hintermann: Nein. Der Kanton Zug ist für uns ein Unikum. Zum ersten Mal in unserer Geschichte mussten wir zur Kenntnis nehmen, dass ein Kanton Archäologen mit der Vergabe von Aufträge beauftragt.
Wie bitte? Archäologen?
Claudio Hintermann: Mir kommt es wie Archäologie vor, wenn jemand eine vier Jahr alte Submission eines privatrechtlichen Verbandes, nämlich des Vereins SSGI, ausgräbt, um eine öffentliche Ausschreibung zu umgehen und einen Auftrag von über drei Millionen Franken einfach so zu vergeben. In der damaligen Submission des SSGI ging es übrigens um die Kantone Obwalden, Nidwalden und Appenzell Ausserrhoden und nicht um den Kanton Zug.
Ich kenne kaum jemanden, der sich in der heutigen schnelllebigen Zeit auf eine Evaluation stützt, die vor vier Jahren gemacht worden ist. Zu stark ändern sich Technologie, Preise und Anforderungen. Heute würde ja auch niemand Computer, Autos oder Mobitelefone kaufen, die man im Jahr 2009 ausgewählt hat.
Ist Abacus nicht einfach zu teuer?
Claudio Hintermann: Wir haben das Volumen des Auftrags des Kanton Zug grob nachgerechnet. Natürlich können wir nur schätzen, da wir im Detail ja gar nie angefragt worden sind. Aber wir können den Zuger Auftrag aufgrund einer frühren Anfrage und der Einwohnerzahl rekonstruieren.
Die Investition im ersten Jahr für die Softwarelizenzen von Abacus für Kanton und Stadt Zug und die Gemeinden hätte schätzungsweise knapp über 800'000 Franken betragen. Die Wartung hätte um die 220'000 Franken pro weiteres Jahr gekostet. Dies hätte in acht Jahren Zug 2,34 Millionen Franken gekostet. Wohlgemerkt: Wir sprechen von einer Neuanschaffung, nicht einem Software-Update wie im Kanton Zug. Der von mir genannte Betrag lässt sich natürlich nicht eins zu eins auf die Summe der Vergabe vom Kanton Zug umsetzen, weil einiges noch unbekannt ist. Aber genau die Intransparenz der Vergabe lässt einen fundierten Vergleich eben gar nicht zu.
Der relativ tiefe Anfangspreis, den ich hier angegeben habe, rechnet sich damit, dass wir bei Städten und Gemeinde nur noch mit jährlichen wiederkehrenden Gebühren rechnen. Das haben wir in den letzten Jahren eingeführt. Auch dies zeigt, wie unsinnig es ist, ist eine Submission von 2009 als Basis für einen Entscheid im Jahr 2013 zu verwenden. Ausser eben fuer Archäologen und Historiker. Ein Umstand der vielleicht auch erklärt, wieso das Update einer “Antiquität” markant teurer kommt als eine Neuanschaffung.
Abacus hat sich bereits 2010 gegen die Ausschreibung des SSGI (Verein Schweizerische Städte- und Gemeindeinformatik) für eine Gemeindesoftware gewehrt. Was haben sie damals kritisiert?
Claudio Hintermann: Als wir damals die Ausschreibung bekommen haben, war der Verdacht sehr gross, dass es von Anfang das Ziel der Ausschreibung war, die zwei lokalen Marktführer (Abacus / NEST und Ruf) von der Abgabe eines Angebot abzuhalten. Dies ist dann auch geschehen. Wir wollten und konnten nicht auf krasse Anforderungen, die zum Beispiel auf eine Teilenteignung der Softwarehersteller herausgelaufen wären, eingehen. Auch aus rechtlichen Gründen nicht, denn man hat von uns verlangt, Sublizenzen an Softwaremodulen und Technologie zu vergeben, die gar nicht uns gehörten.
Hätten die Kantone und Gemeinden die Aufträge selber ausgeschrieben, wäre so eine unglaubliche Submission gar nicht möglich gewesen. Indem man die Ausschreibung an eine Verein delegierte, konnte man ungeniert vorgehen und sich dann hinter den Entscheid stellen. Das Unglaubliche ist, dass niemand hinterfragt hat, wieso die beiden Marktführer bei der Ausschreibung nicht mitgemacht haben.
Es war, wie wenn man heute den Kauf von Mobilfunktelefonen evaluieren würde und sich nicht wundern würde, wenn Apple und Samsung nicht teilnehmen. Das ist nur möglich, wenn man die Teilnahme der genannten Hersteller verunmöglicht. Zum Schluss würde dann ein Handy-Hersteller gewinnen, der das Produkt zuerst noch fertig entwickeln muss.
Ein von uns konsultierter Anwalt hat eine Studie verfasst, in der er zum Schluss gekommen ist, dass die Ausschreibungsunterlagen des SSGI mehrere anerkannte Vergabegrundsätze verletzen, insbesondere jene der Gleichbehandlung der Anbieter, der Transparenz des Vergabeverfahrens und der Wirtschaftlichkeit.
Dass die zwei Marktführer nicht offeriert hatten, hätte doch Alarmglocken läuten lassen müssen. Doch nicht einer der involvierten Kantone war daran interessiert, unseren Standpunkt überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Was hätten wir noch tun sollen?
Grundsätzlich ist eine Ausschreibung und die Vergabe des Zuschlags in keinem Fall delegierbar, sondern vom Auftraggeber selbst vorzunehmen. Aber das scheint in der Praxis niemand zu kümmern.
Seit der Seco-Affäre stehen Informatik-Aufträge der öffentlichen Hand unter Generalverdacht. Was läuft in ihren Augen schief?
Claudio Hintermann: Die meisten Leute in den Verwaltungen haben von der Informatik zuviel Respekt und Angst und wollen die Materie einfach nur delegieren. Zum Schluss will niemand verantwortlich dafür sein. Genau das macht es so gefährlich. Wenn die Kontrolle nicht verschärft und auch sichergestellt wird, dass der Wettbewerb nicht mit kreativen Konstrukten ausgehebelt wird, da sind SSGI und VRSG zwei gute Beispiele, wird sich meiner Ansicht nach nichts verändern.
Man wird weiterhin Berichte über unsaubere Auftragsvergaben in den Medien finden, aber diese werden nichts bewirken, weil es keinen politischen Willen gibt, mehr Transparenz in diese zugegebenermassen komplexen Prozesse zu bringen. (E-Mail-Interview: Christoph Hugenschmidt)

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