Zwei von fünf IT-Beschaffungen sind Freihänder

12. Oktober 2015, 15:29
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In den vergangenen sechs Jahren wurden 40 Prozent der IT-Beschaffungen des Bundes ohne Ausschreibung vergeben.

In den vergangenen sechs Jahren wurden 40 Prozent der IT-Beschaffungen des Bundes ohne Ausschreibung vergeben.
Die Forschungsstelle Digitale Nachhaltigkeit der Universität Bern hat unter der Leitung von Matthias Stürmer die Simap-Meldungen der letzten sechs Jahre untersucht. Die Studie wurde vor dem Hintergrund durchgeführt, dass der Bund immer wieder in Kritik steht, insbesondere Informatikaufträge ohne Ausschreibung zu vergeben. Untersucht wurden insgesamt 5823 Beschaffungen der Bundesverwaltung zwischen Juli 2009 und September 2015.
Rund ein Viertel der knapp 6000 Beschaffungen der Bundesverwaltung wurden freihändig vergeben, zitiert die Zeitung die Studie. Jedoch werden es von Jahr zu Jahr weniger: Wurden 2009 noch rund 30 Prozent aller Aufträge freihändig vergeben, sind es im laufenden Jahr weniger als 20 Prozent. In der Informatikbranche zeigt sich jedoch ein anderes Bild.
Wie aus der Studie weiter hervorgeht, ist der Anteil der freihändigen Vergaben bei IT-Beschaffungen bedeutend höher. In den vergangenen sechs Jahren geschahen durchschnittlich 46 Prozent der Vergaben freihändig. In keinem der untersuchten Jahre lag der Anteil der Freihänder bei IT-Beschaffungen unter 40 Prozent, schreibt die 'NZZ' weiter.
Fehlendes Know-how
Gemäss den Studienergebnissen hat die hohe Anzahl der freihändigen Vergaben im Informatikbereich mehrere Gründe. Zum einen fehle vielen Auftraggebern das Know-how, ein IT-Projekt so auszuschreiben, dass es Anbieter- und Produktneutral formuliert ist. Ein Problem, das auch bei der letzten IT-Beschaffungskonferenz im August diskutiert wurde. Ein Projekt zu analysieren und ordentlich auszuschreiben, ist sehr aufwändig. Schnell umfasst das Pflichtenheft mehrere hundert Seiten.
Hinzu kommt, dass das Beschaffungsgesetz Ausnahmen vorsieht. In der Regel muss ein Auftrag dann ausgeschrieben werden, wenn er den WTO-Schwellenewert überschreitet. Dieser beträgt für Dienstleistungen 230'000 Franken. Bei Dienstleistungsbeschaffungen ab 150'000 Franken muss der Bund mindestens drei Anbieter auffordern, eine Offerte einzureichen. Dieses Einladungsverfahren gilt bei der Beschaffung von Gütern ab einem Wert von 50'000 Franken.
Geht es jedoch um "Leistungen zur Ersetzung, Ergänzung oder Erweiterung bereits vorhandener Leistungen" oder kommt wegen "technischer Besonderheiten" nur ein einziger Anbieter infrage, muss ein Auftrag nicht ausgeschrieben werden.
Die Versuchung sei deshalb gross, bestehende Aufträge freihändig zu verlängern, so Stürmer gemäss der 'NZZ'. Darüber hinaus hätten die Behörden hier grossen Interpretationsspielraum und die Begründung für eine freihändige Vergabe werde öffentlich kaum aussagekräftig angegeben.
Vendor-Lock-in vermeiden
Um die Abhängigkeit von einzelnen Anbietern möglichst zu verhindern, fordert Stürmer funktionale Ausschreibungen, statt bestimmte Firmenprodukte auszuschreiben, berichtet die Zeitung weiter. So könne auch die Zahl der freihändigen Vergaben verringert werden. Ausserdem fordert Stürmer die vermehrte Beschaffung von Open-Source-Lösungen, da diese von unterschiedlichen Unternehmen gewartet und weiterentwickelt werden können. (kjo)
Bild Startseite: Kuster & Wilhaber.

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