Prantl behauptet: Der Fachkräftenotstand und die "Rache der Büezer"

26. September 2022, 14:25
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Heute habe IT-Fachkräfte die längeren Spiesse, sagt unser Kolumnist, nicht mehr ihre Arbeitgeber.

Ich erinnere mich noch gut an die Neunziger- und Nullerjahre. Suchten wir damals neues Personal, so rannte man uns oft die Bude ein. Nicht selten stapelten sich die – damals noch physischen – Bewerbungsdossiers "meterhoch". Ebenfalls nicht selten war die Hälfte oder noch mehr der Bewerbungen unbrauchbar, weil sich Leute für IT-Jobs bewarben, die nicht annähernd etwas mit ihrer Ausbildung und ihrer Erfahrung zu tun hatten. Das traf in meiner Erinnerung insbesondere auf KV-Leute und Lehrer zu. Hatten die doch irgendwo gehört, dass sich in der IT gutes Geld verdienen liesse. Trotzdem wollten wir alle Bewerbungen sorgsam prüfen. Meist eine Herkulesaufgabe neben dem Tagesgeschäft, die dann zusätzlich darin gipfelte, alle Absagen – und das waren logischerweise sehr viele – mit Absagebrief und Postversand wiederrum zeitintensiv abarbeiten zu müssen. Das Verhältnis war aber dennoch glasklar: Auf eine IT-Stelle hatten wir nicht selten 40 bis 50 Bewerbungen, wovon 10 durchaus valabel waren. Damit sassen wir als IT-Arbeitgeber klar am längeren Hebel.
Das wurde von vielen Chefs – nicht nur in der IT sondern in allen Branchen – auch schamlos ausgenutzt. Indem man Bewerber über Wochen im Unklaren liess und vor allem, indem man den Bewerbern mehr oder weniger deutlich zu verstehen gab, dass sie Bittsteller waren und der Arbeitgeber derjenige, der gnädigerweise Jobs vergibt. Bereits damals traf dieses Regime ältere Arbeitnehmende öfter und härter als die Jungen. Etwas, was sich bis heute nicht geändert hat.
Doch nun in die Gegenwart. Ich spreche im Titel von einem Notstand bei Fachkräften und nicht mehr bloss von einem Mangel. Denn so kommt es mir in meinen zahlreichen Gesprächen mit IT-Unternehmerinnen und -Unternehmern tatsächlich vor. Der Grossteil von ihnen sieht sich einem komplett ausgetrockneten Markt gegenüber. Schreiben sie einen IT-Job aus, so bekommen sie oftmals über Wochen und Monate nicht eine einzige Bewerbung mehr. Wenn das kein Notstand ist!
Was sind in der IT nun aber Fachkräfte? Eigentlich sind das so gut wie alle, die in unserer Branche arbeiten. Eine Fachkraft ist nämlich nichts anderes als ein Arbeitnehmender, welcher eine IT-Fachausbildung genossen hat. Ob Berufslehre, Fachhochschule oder Uni spielt keine Rolle. "Ungelernte" sind in der IT selten und spielen kaum eine praktische Rolle und auch "Fachfremde" sind – im Vergleich zu den von mir oben geschilderten Zeiten – mittlerweile schon fast ausgestorben.
In der IT sind also fast alle Fachkräfte, gleichzeitig herrscht an ihnen ein akuter Mangel. Ideale Voraussetzungen also, um es den Chefs heimzuzahlen? Von den Chefs von damals sind allerdings schon viele in Pension und die Fachkräfte von heute, insbesondere die Jungen und Jüngeren, haben die Zeiten umgekehrter Vorzeichen gar nie selbst erlebt. Wieso also Rache nehmen?
Die Sozialwissenschaft erklärt es folgendermassen: Die Generation Z, bzw. Post-Millennials haben bei ihren Vätern und Müttern deren Arbeitsstress direkt mitbekommen und waren Zaungäste und nicht selten auch direkt Mitbetroffene der von mir eingangs geschilderten Zustände. Auf diesen Erfahrungen fusst ihre heutige Überzeugung, dass es neben dem Job noch viele weitere schöne Dinge im Leben gibt, die klar Vorrang haben.
Auch wenn also die heutigen Arbeitnehmenden den Fachkräftenotstand nicht bewusst selbst herbeigeführt haben, wie hätten sie das auch tun sollen, so kommt er ihnen trotzdem ideal gelegen und sie verhalten sich heute nicht selten so, wie die Chefs von früher. Für viele Arbeitgeber ist das wahrlich ein Schock, den man erstmal verdauen muss.
Eine Ausnahme gibt es freilich. Wie ich oben schon erwähnte, die komplette Umkehr der Machtverhältnisse zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmenden gilt nur bis zu einem Alter von etwas mehr als Fünfzig. Danach wird es mit zunehmendem Alter harzig und spätestens ab Sechzig ist ein Jobwechsel – ich meine auch in der IT – eine dumme Idee. Wie wir unter diesen Umständen zur Rettung von AHV und Rente sogar bis 67 oder noch länger arbeiten sollen, ist mir persönlich ein Rätsel. Aber das ist eine andere Baustelle.
Einen spannenden Lösungsansatz zur Minderung des Fachkräftenotstands, ganz speziell für IT-Firmen, las ich letzte Woche im NZZ-Interview mit Phil Libin, Gründer von Evernote und heutiger Chef von Mmhmm. Er empfiehlt: "Arbeitet dort, wo ihr die beste Arbeit habt, und lebt dort, wo ihr das beste Leben habt." Das klingt in meinen Ohren sympathisch und sollte mit einem hohen Homeoffice-Anteil auch problemlos funktionieren.
Zuletzt noch ein wichtiger Tipp für Arbeitgeber. Bleibt trotz der harten Zeiten wählerisch, werdet sogar noch wählerischer als in der Vergangenheit und stellt bloss diejenigen Bewerberinnen und Bewerber ein, die euch in allen Punkten überzeugen und ein gutes Bauchgefühl hinterlassen. Alles andere ist bloss eine extrem teure Fehlinvestition.
Urs Prantl war über 20 Jahre als Softwareunternehmer tätig. Seit 2012 begleitet er IT- und Software-Unternehmen auf ihrem Weg zu nachhaltig gesundem Wachstum und ist als M&A-Transaktionsberater in Nachfolgesituationen tätig. Er äussert als Kolumnist für inside-it.ch seine persönliche Meinung.

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