Prantl behauptet: Erfolg wird öfter verhindert als geschaffen

25. September 2023 um 09:00
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Zu grosse Egos, zu gewinnfixiert, Angst vor Veränderungen: Kolumnist Urs Prantl sagt, dass sich Unternehmerinnen und Unternehmer oft selbst im Weg stehen.

Wer unternehmerisch erfolgreich sein will – und wer will das schon nicht? – der muss sich ranhalten und viel dafür tun: Content-Marketing machen, radikal und konsequent digitalisieren, Social Selling auf Linkedin betreiben, am Laufmeter innovieren, alle Wünsche seiner Mitarbeitenden erfüllen, Kunden glücklich machen und sogar begeistern, Kosten optimieren und Ressourcen sparen und, last but not least, Visionen und Strategien bauen und umsetzen. Die Aufzählung ist selbstverständlich nicht abschliessend, sie zeigt vielmehr, was die Beratungsindustrie alles bereithält.
Meine Erfahrung zeigt allerdings ein anderes Bild: Erfolg wird wesentlich häufiger verhindert, als dass er aktiv geschaffen wird. Anders ausgedrückt. Viele Führungskräfte und ihre Teams stehen sich deutlich häufiger selbst im Weg und verhindern damit ihren Erfolg mehr, als dass sie ihn durch die Anwendung der obigen Beratungsrezepte aktiv selbst erschaffen.
Woran liegt das?
1. Grosses Ego: Wer sein eigenes Ego in den Vordergrund stellt, wird kaum ein erfolgreiches Unternehmen aufbauen. Das hängt damit zusammen, dass Unternehmensinteressen oft nicht mit den eigenen Interessen übereinstimmen. Im Gegenteil, nicht selten laufen sie sogar diametral auseinander.
2. Gewinn vor Nutzen: Unternehmenserfolg entsteht dadurch, dass Kundenprobleme gelöst und Kundenwünsche erfüllt werden. Je hochtrabender die Wünsche, je grösser die Probleme – desto besser. Das Unternehmen fokussiert sich also kompromisslos auf die Stiftung von Nutzen und Schaffung von Mehrwert (mit seinen Produkten, Dienstleistungen und Services) und legitimiert damit seinen Gewinn. Wer den Spiess umdreht, seine primäre Energie auf die Gewinnoptimierung verwendet, der wird seinen Blick für Kunden, ihre Wünsche und Probleme verlieren und damit ziemlich rasch auch den Anschluss an ein möglicherweise rentables Geschäft verpassen.
3. Festhalten am Status Quo: Dieses Verhalten gibt es trotz des Widerspruchs im Wort selbst auch bei Unternehmerinnen und Unternehmern. Ich treffe diese Kultur meist bei Unternehmen an, denen es im Grunde ganz gut geht und wo kaum Anlass dazu besteht, sich weiter aus dem Fenster zu lehnen. Und natürlich bei solchen, die Angst vor der Veränderung haben und gerne so weitermachen würden, wie bisher. Aus Bequemlichkeit oder aus einem hohen Bedürfnis nach Sicherheit.
4. Schlamperei und Überheblichkeit: Ein Unternehmen (erfolgreich) zu führen, ist und wird immer mehr zu einer hochkomplexen Aufgabe. Permanente Unsicherheit, grosse Volatilität, hohe Komplexität und zunehmende Mehrdeutigkeit, das berühmte VUCA (Volatility, Uncertainty, Complexity and Ambiguity), prägen den Job von Führungskräften in der modernen IT-Welt noch deutlich stärker als in traditionellen Branchen. Wer also denkt, er könne sein Unternehmen einfach aus dem Bauch heraus und im Glauben an seine eigene Grossartigkeit intuitiv richtig führen, der ist auf dem Holzweg. Grosse und wichtige Entscheide müssen sauber analysiert und zu Ende gedacht werden. Andernfalls entsteht bloss Chaos und mit Sicherheit kein erfolgreiches Unternehmen.
5. Mikromanagement: Grosse Ziele erreicht man nicht durch Mikromanagement und dem sich verlieren im Klein-klein. Wer so funktioniert, ist im politischen (Gross)Unternehmen oder in der Verwaltung deutlich besser aufgehoben. Den Erfolg in einem dynamischen IT-KMU wird er aber mit Sicherheit zu verhindern wissen.
6. Angst: Auch diesen Unternehmertyp habe ich – wenn auch eher selten – getroffen. Angst, sogar nackte Angst lähmt das Hirn und die Hände und wird nie die Grundlage für unternehmerischen Erfolg sein können. Wer als Führungskraft ständig Angst hat, der sollte konsequenterweise seinen Job wechseln. Wer hingegen nur gelegentlich mal Angst hat, der sollte demütig anerkennen, dass auch er nur ein Mensch ist. Menschlichkeit hingegen ist mit Sicherheit kein Hindernis für Erfolg.
Auch wenn ich die möglichen Gründe für aktive Erfolgsverhinderung im Einzelnen beschreibe, in der Praxis treten sie selten eindeutig zu Tage. Fast immer treffe ich Situationen an, in welchen ein wilder Mix herrscht. Da gibt es dann Leute, die haben Angst, welche, die führen nach dem Prinzip "auch daneben ist ein Treffer" und welche, die verstehen ihr Unternehmen als Geldmaschine und nicht als Nutzenstifterin für Kunden. Umso mehr gilt dann Punkt vier, wonach die Ausgangslage erstmal sauber analysiert gehört.
Urs Prantl kreiert zukunftssichere und gesund wachsende IT-Unternehmen und begleitet ihre Unternehmerinnen und Unternehmer bei der Unternehmensnachfolge und beim Firmenverkauf. Gleichzeitig ist er Host des Podcasts Prantls 5A (https://kmu-mentor.ch/podcast/), in welchem die strategische Einzigartigkeit erfolgreicher IT-Unternehmen im Gespräch mit ihren Inhaberinnen und Inhabern im Dialog herausgeschält wird. Als Kolumnist äussert er auf inside-it.ch seine persönliche Meinung.

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