Prantl behauptet: Human Resource Management – The next big Thing

25. April 2022, 07:40
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Die Gewinnung von gutem Personal und deren "Hege und Pflege" ist heutzutage wichtiger als die Kundenakquise, sagt unser Kolumnist Urs Prantl.

Der primäre Strategie-Engpass für ICT-KMU hat sich in den vergangenen rund zehn Jahren grundlegend verschoben. Anfangs bis ca. Mitte der 10er-Jahre stand strategisch die Gewinnung von Neukunden, somit die Sales Tätigkeit im Vordergrund aller Bemühungen. Während dem sich der strategische Engpass heute, mindestens vordergründig, ganz klar auf die Gewinnung und das Halten von Fachpersonal verlagert hat.
Dennoch begegnen mir immer noch eine grosse Zahl von IT-Firmen, welche nach wie vor ihren Fokus fast ausschliesslich auf die Neukundengewinnung richten. Das liegt dann meist daran, dass sich diese Unternehmen deutlich zu wenig mit ihrer Umwelt auseinandersetzen, und nach wie vor verbissen der Akquisition von Kunden hinterherrennen, weil sie das schon immer so getan haben. Oder aber es handelt sich um Firmen, welche in ihrer eigenen Entwicklung der Zeit hinterherrennen und faktisch wirklich noch einen primären Mangel an Kunden und Projekten, und nicht an gut ausgebildeten IT-Fachleuten haben.

Veränderte strategische Prioritäten

Selbstverständlich ist Kundengewinnung einer der zentralen Erfolgsfaktoren für ein IT-Unternehmen. Und logischerweise braucht es dafür einen professionell funktionierenden Sales und Verkaufsprozess. Im Sinne von Fokus und Konzentration der Kräfte haben sich aber die strategischen Prioritäten innert der letzten Jahre radikal (und vorderhand auch nachhaltig) verschoben: Vom Sales hin zum Human Ressource Management (HRM), präziser ausgedrückt, zu einem Management der Ressourcen rund um die Menschen im Unternehmen. Und dem ist nun gebührend Rechnung zu tragen.
Vordergründig, und weil es dort halt auch gerade am stärksten brennt, geht es um das Recruiting von passenden und gut ausgebildeten und erfahrenen IT-Fachleuten. Das haben mittlerweile die meisten begriffen und investieren unter dem Schlagwort "Employer Branding" auch tüchtig. Ich habe den Eindruck, das Recruiting wird aktuell in etwa so behandelt, wie vor rund zwanzig Jahren die Entdeckung des "IT-Lösungsverkaufs" und gilt für viele dementsprechend als die Wunderwaffe der Gegenwart.
Das ist allerdings viel zu kurz gedacht. Einerseits braucht die Ressource "Mitarbeiter" deutlich mehr als nur ihre "Gewinnung", andererseits muss es ganzheitlich um den Menschen im Unternehmen gehen, was zwingend weitere wesentliche Ressourcen auf den Plan ruft. Last but not least liegt – und davon bin ich felsenfest überzeugt – der langfristige Erfolg nicht einfach nur im blossen Management der Ressourcen, sondern in der Kunst, das komplexe, unternehmerische "Mensch-System" im Spannungsfeld von Nachfrage und Angebot auszubalancieren, und zwar jeden Tag von neuem.
An welche Ressourcen rund um den Menschen im Unternehmen denke ich?
An erster Stelle steht für mich ein professionelles "Human Resource Management" in jedem IT-Unternehmen im Vordergrund. Wie oben schon gesagt, mittlerweile haben fast alle IT-Firmen begriffen, dass sie dediziertes Personal für die Kundengewinnung brauchen. Dasselbe gilt nun auch explizit für die Gewinnung, Förderung und Entwicklung von Mitarbeitenden, für die Ausbildung und das Coaching der Führungskräfte und für den Aufbau und die Pflege einer positiven Unternehmenskultur. Das heisst, das HRM muss dringend mit eigens dafür abgestellten Profis im eigenen Unternehmen (nicht über Outsourcing!) besetzt werden. Schluss also mit selbst gebastelten Stellenausschreibungen, Schluss mit stümperhaft geführten Bewerberinterviews und unbeholfenen Mitarbeiter-Gesprächen, Schluss mit Alibiübungen und lachhaft geringen Weiterbildungsbudgets, Schluss mit der Verleihung von Titeln statt einer profunden Führungsausbildung und Schluss mit einer dem Zufall überlassenen Unternehmenskultur.
Ein professionell geführtes HRM allein reicht allerdings nicht. Es braucht zwingend noch zwei weitere zentrale Ressourcen.

Wichtig: Vision und Technologie-Stack

Erstmal ist das eine ambitionierte und inspirierende Vision, welche allen Menschen im Unternehmen eine erstrebenswerte Zukunft und eine klare strategische Richtung vorgibt. Damit wird sie zum unverzichtbaren Rahmen, den das Unternehmen für alle seine Tätigkeiten bei allen seinen Anspruchsgruppen braucht und wirkt in der Praxis auf alles, was ich oben erwähnte. Gleichzeitig bildet die Vision die notwendige Klammer darum.
Des weiteren braucht jede IT-Firma einen klar definierten und fokussierten Technologie-Stack, mit dem sich ihre Techniker (die ja auch Menschen sind!) sicher fühlen. Denn eines ist absolut klar. Am Ende des Tages lebt jedes IT-Unternehmen von seinen umgesetzten technischen Lösungen. Diese stiften beim Kunden einen Mehrwert, worauf dieser bereit ist, Geld dafür zu bezahlen.
Urs Prantl war über 20 Jahre als Softwareunternehmer tätig. Seit 2012 begleitet er IT- und Software-Unternehmen auf ihrem Weg zu nachhaltig gesundem Wachstum und ist als M&A-Transaktionsberater in Nachfolgesituationen tätig. Er äussert als Kolumnist für inside-it.ch und inside-channels.ch seine persönliche Meinung.

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