Prantl behauptet: KI ist glühend heiss und heizt sich weiter auf

18. Dezember 2023 um 09:40
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Niemand wird gewinnmaximierende Unternehmen daran hindern können, ChatGPT und Konsorten zum Totengräber für Millionen von Denk-Jobs zu machen, glaubt unser Kolumnist Urs Prantl. Und der Bundesrat ist nicht darauf vorbereitet.

Das Jahr 2023 lässt sich mit Fug und Recht als dasjenige bezeichnen, in dem sich (generative) KI überfallartig unsereins bemächtigt hat. Vielmehr, KI hat sich zu einem glühend heissen Hype entwickelt. Gefühlt jeder zweite Beitrag in den IT-Fachmedien und jeder zweite Linkedin-Post beschäftigt sich mit den sagenhaften Möglichkeiten der neuen Technologie, aber auch mit teilweise dystopischen Prognosen über die künftigen Auswirkungen von KI auf Gesellschaft, Wirtschaft und Demokratie.
Es vergeht kein Tag, an dem nicht neue KI-Tools lanciert werden. Der IT-Normalbürger hat vermutlich schon längst den Überblick verloren. Wir stehen vor einem absoluten Dickicht an KI-Tools, und kaum jemand hat noch den Durchblick.
Dabei liegt die Enthüllung von ChatGPT erst etwas mehr als ein Jahr zurück. Seither läuft die KI-Entwicklung öffentlich sichtbar exponentiell und ich frage mich, wenn das so weitergeht – worauf momentan alles hindeutet – wo stehen wir in einem Jahr?

Magische und weniger magische Leistungen

Gleichzeitig vollbringen KI-Tools magische Dinge. Sie schreiben Texte, die diejenigen von gut gebildeten Durchschnittsmenschen bereits um Längen übertreffen, sie kreieren Bilder und Videos, die der Realität täuschend ähnlich sehen und sie interagieren mit uns Menschen auf eine Art und Weise, die jeden Turing-Test spielend bestehen würden. Auch wenn (zu recht) immer wieder betont wird, KI sei nicht im menschlichen Sinne "intelligent", ihre Ergebnisse liegen dennoch sehr oft weit über dem Durchschnittsgeschreibsel der meisten von uns.
Daher dachte ich mir, wie bereits vor einem Jahr in meiner Endjahreskolumne "KI ist schon sehr nah, und doch noch so fern", wieso sollte ich diese Kolumne nicht von ChatGPT schreiben lassen?
Zumal das aus dem Internet zusammengeklaubte Wissen der KI mittlerweile bereits im April 2023 angekommen ist und sie daher meine Kolumne und meinen Schreibstil eigentlich kennen müsste. Allerdings, alle Ergebnisse, auch nach ausführlichen und detaillierten Anweisungen, haben mich nicht überzeugt. Nach wie vor viel zu brav formuliert, auch wenn ich im Auftrag klar und unmissverständlich die Order "provokativ" oder "pointiert" erteilte. Meinem Schreibstil kam die KI in keinem Versuch auch nur einigermassen nahe. Sicher, das kann auch an meinen Promptingkünsten liegen, aber nicht nur.

Totengräber für Denk-Jobs

Doch dann lese ich wieder Schlagzeilen wie "OpenAI ist eine Partnerschaft mit dem Verlag Axel Springer eingegangen. Die beiden Unternehmen wollen den Journalismus "auf die nächste Stufe heben", die mich in dem bestätigen, was ich schon lange befürchte. Niemand wird gewinnmaximierende Unternehmen daran hindern können, ChatGPT und Konsorten zum Totengräber für Millionen von Denk-Jobs zu machen. So wie es aussieht, wird das auch bald niemand mehr merken. Oder liege ich (auch) hier falsch?
Wenn es (bald) so weit kommt, was geschieht dann in unseren Unternehmen mit den Jobs, die die Menschen ernähren und unseren Sozialstaat und unsere Altersvorsorge finanzieren?
Der KI-Hype glüht aktuell auf rund 1500 Grad (in etwa Schmelztemperatur von Stahl) und, das ist bereits völlig klar, er heizt sich in rasantem Tempo weiter auf. Wie weit noch? Wir wissen es nicht und – ehrlich gesagt, mir persönlich geht auch langsam die Vorstellungskraft aus, wo das enden könnte.

Und die Politik?

Glücklicherweise gibt es aber in unserer schönen Schweiz doch noch Dinge, die sich nicht ändern. Sondern, die sich im Gegenteil durch eine sagenhafte Konstanz auszeichnen. So wählte unser Parlament vergangene Woche einen Gesamtbundesrat, der in erster Linie den Eindruck macht, als wolle er primär das Bestehende verwalten. Der einzige Kandidat mit Digital-Know-how, Gerhard Andrey, hatte nicht den Hauch einer Chance. Einzig, weil er der "falschen" Partei angehört. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass dieser Bundesrat auf die KI-Welle genügend vorbereitet ist. Geschweige denn, dass er die damit verbundenen Probleme und gesellschaftlichen Auswirkungen wird lösen können. Vermutlich wird er, wenn es dann so weit ist, analog zu Corona konstatieren, die Welle habe man nicht vorhersehen können.
Und als wäre das nicht genug, hat sich nun auch noch Elisabeth Baume-Schneider ins EDI versetzt. Das Departement, das sich in den letzten Jahren mit dem EPD oder seiner digitalen Kompetenz während der COVID-Krise nicht wirklich mit Ruhm bekleckert hat. Bei ihr fehlt es mir tatsächlich an der Vorstellungskraft, wie sie in den kommenden vier Jahren die dort dringendst anstehenden Digitalthemen offensiv anpacken will. Aber eben, ich kann mich ja auch irren.
Urs Prantl kreiert zukunftssichere und gesund wachsende IT-Unternehmen und begleitet ihre Unternehmerinnen und Unternehmer bei der Unternehmensnachfolge und beim Firmenverkauf. Gleichzeitig ist er Host des Podcasts Prantls 5A, in welchem die strategische Einzigartigkeit erfolgreicher IT-Unternehmen im Gespräch mit ihren Inhaberinnen und Inhabern im Dialog herausgeschält wird. Als Kolumnist äussert er auf inside-it.ch seine persönliche Meinung.

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