Remotecoders will mit ausländischen IT-Talenten den Fachkräftemangel bekämpfen

14. Dezember 2022, 08:15
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Die Gründer von Remotecoders, Hussam Allaham und Christian Hirsig (v.l.n.r.). Foto: Remotecoders

Remotecoders will europäische IT-Jobs nach Nordafrika und in den Nahen Osten bringen. Das Motto: IT-Nearshoring für den guten Zweck. Die Gründer erklären uns ihr Projekt.

Der Fachkräftemangel in der Schweizer ICT-Branche spitzt sich zu. Die Nachfrage nach geeigneten IT-Profis wächst weiter. Und in den nächsten Jahren entsteht eine grosse Lücke, die aktuell nicht gedeckt werden kann: Bis ins Jahr 2030 fehlen der Schweiz 38'700 ICT-Fachkräfte.
Wie kann man diese klaffende Lücke schliessen? ICT-Berufsbildung Schweiz fordert, noch mehr Fachleute auszubilden. "Berufsbildung ist der Schlüssel für das Problem", meint der Verband. Doch es könnte möglicherweise auch anders funktionieren, wie das Projekt "Remotecoders" zeigt.

2 Fliegen mit einer Klappe

Remotecoders will europäische IT-Jobs nach Nordafrika und in den Nahen Osten bringen. Die gemeinnützige Organisation wurde 2021 von Hussam Allaham und Christian Hirsig gegründet. Letzterer hatte 5 Jahre zuvor schon Powercoders aufgebaut: Ein Programm, das Migrantinnen und Migranten in der Schweiz zu einem ICT-Job verhelfen soll. Hussam Allaham hat selbst Migrationshintergrund. Er wurde in Syrien geboren und musste im Zuge der Syrienkrise fliehen. Ende 2016 bewarb sich Allaham bei Powercoders, war Absolvent des erstmals durchgeführten Lehrgangs und wurde anschliessend fest eingestellt. Die Idee für das neue Projekt, Remote-Arbeitskräfte in anderen Ländern zu rekrutieren, stammt von ihm.
Mit dem Konzept von Remotecoders wollen die beiden gleich 2 Fliegen mit einer Klappe schlagen. So können gefährdete IT-Talente in der MENA-Region (Mittlerer Osten und Nordafrika) remote für europäische Unternehmen arbeiten. Viele dieser IT-Fachkräfte finden in ihrem eigenen Land trotz qualifizierter Ausbildung häufig keinen Zugang zum Arbeitsmarkt, weswegen sie dafür nach Europa reisen. Über gefährliche Routen müssen sie den Weg in ein anderes Land antreten und dabei ihre Kultur und ihre Heimat zurücklassen. Mit Remotecoders wolle man das verhindern. Die IT-Fachkräfte sollten sich nicht gezwungen fühlen, ihr Zuhause zu verlassen, erklärt uns Mitgründer Christian Hirsig in einem Interview.
Ausserdem wirke man mit Remotecoders auch dem Fachkräftemangel in der ICT-Branche entgegen. "In diesen Ländern gibt es Millionen gefährdete, aber gleichzeitig qualifizierte IT-Talente. Und in Europa mangelt es allgemein an IT-Fachkräften. Die Pandemie hat die Situation nur noch verschärft", erklärt Hussam Allaham im Gespräch mit inside-it.ch. "Warum bringen wir die Chancen also nicht einfach zu den Menschen?" Das wäre für beide Seiten eine Win-win-Situation, sagen sie. Unternehmen können die ICT-Lücke füllen, während die IT-Talente bei ihren Familien bleiben und gleichzeitig gute Jobaussichten hätten. Ziel sei es, Opportunitäten vor Ort zu schaffen und so auch die dortige Wirtschaft und IT-Branche zu stärken.

Unterstützung von der EPFL und vom Bund

Das Projekt startet Anfang nächsten Jahres in Kairo, Ägypten. Insgesamt 10 Partnerfirmen von Remotecoders rekrutieren je einen Senior-Mitarbeitenden aus dieser Region.
Während der Rekrutierungsphase werden zusätzlich 25 Praktikantinnen und Praktikanten mit an Bord geholt, die zusammen mit der EPFL in Lausanne ein Coding-Einführungsprogramm in Ägypten absolvieren.
Man suche gezielt nach "vulnerablen" Praktikantinnen und Praktikanten – sprich Menschen, die besonders gefährdet sind. Das seien zum Beispiel Migrantinnen oder Migranten, die aus anderen Teilen Afrikas nach Ägypten geflohen sind. "Die Voraussetzungen – also das IT-Know-how und die Vulnerabilität – sind Zielkonflikte, mit denen wir zu kämpfen haben", sagt Hirsig. "Es ist schwierig, Leute zu finden, die ein ausgeprägtes IT-Know-how haben und gleichzeitig auch vulnerabel sind."
Nach dem Onboarding sei der Plan, dass sich 10 Seniors jeweils um 2 Praktikanten kümmern. Das Projekt soll in der Pilotphase also insgesamt 10 Teams zählen, die nach der Einführung während 5 Monaten für ausgewählte IT-Firmen arbeiten. Nach dem Praktikum sei das Ziel, dass die Interns zu festangestellten Junior-Mitarbeitenden werden.
Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) unterstützt das Projekt und übernimmt die Hälfte der Kosten. Das Partnerunternehmen muss selbst noch mit 30'000 Franken pro Team aufkommen.

Ups and downs

Mit der Rekrutierung der Seniors tut sich Remotecoders allerdings noch schwer. "IT-Profis sind oft schon in guten Jobs und verdienen sehr viel", erklärte Hirsig vor einigen Wochen. "Hier haben wir uns die Talent Acquisition in Ägypten einfacher vorgestellt." Mittlerweile soll sich das jedoch geändert haben. Derzeit hätte das Projekt über 80 Seniors in der Pipeline. Erst kürzlich fand beispielsweise ein Senior Developer Meetup in Kairo mit über 30 Teilnehmenden statt. "Bereits 3 Seniors konnten wir für Firmen engagieren.''
Allgemein hatte das Projekt mit Startschwierigkeiten zu kämpfen. Ursprünglich wollte man nämlich nicht nur in einem einzigen Land rekrutieren. Dass die Leute in Teams agieren, war zu Beginn ebenfalls nicht Teil der Idee.
"Wir haben verschiedene Modelle in unterschiedlichen Ländern getestet, wie etwa in der Türkei oder in Tunesien, bevor wir uns für das Modell in Kairo entschieden", sagt Allaham. In einem anderen Pilot hätte man erst versucht, das Modell von Powercoders in die Mena-Region zu integrieren. Der Verein bildet in Bern Geflüchtete zu IT-Fachkräften aus, um sie anschliessend in den Arbeitsmarkt vor Ort einzufügen. Ziel war also, IT-Talente individuell und nicht in Teams an Unternehmen im Land zu vermitteln.
Doch die beiden Gründer bemerkten, dass die verschiedenen Kulturen ein komplett anderes Modell bedingen: "Jedes Land hat seine eigene Kultur, seine eigene Art und Weise, wie man Dinge handhabt. Unternehmen in der Schweiz oder in Europa, die motiviert sind, Leute einzustellen, zahlen zum Beispiel Gehälter für Praktika. Als ich 2018 für Powercoders ein Projekt in der Türkei durchführte, waren die Unternehmen beim Lohn eher zurückhaltend. Eine Entlohnung in Praktika ist in dieser Kultur also eher unüblich." In einem älteren Pilot hätte man schliesslich probiert, 50% lokal und 50% remote zu platzieren und "dieser Erfolg war dann auch die Grundlage für die Umfirmierung zu Remotecoders".
Doch ein weiteres Problem kristallisierte sich anschliessend auch im Arbeitsumfeld heraus. Die Praktikantinnen und Praktikanten seien ganz auf sich allein gestellt gewesen. Sie arbeiteten unter anderem remote und hatten nicht wirklich eine zweite oder dritte Bezugsperson, wie im neuen Modell vorgesehen ist. Ausserdem waren viele von ihnen Anfänger im IT-Bereich und nicht auf dem vom Partnerunternehmen gewünschten Niveau, sodass auch hier einige Diskrepanzen auftauchten.
Aus diesem mittlerweile verworfenen Modell gibt es jedoch noch immer Absolventinnen und Absolventen. So absolviert zum Beispiel die Tunesierin Malak Nakaa derzeit noch ihr Remote-Praktikum bei Yallo. Sie sei dort momentan die einzige Junior Developerin, sagt sie auf unsere Anfrage hin. Das Praktikum dauert noch rund 3 Monate. Yallo antwortete trotz mehrfachen Nachfragens nicht auf unsere Gesprächsanfrage.

Gute Aussichten

Das neue Modell sei nun sowohl für Unternehmen als auch für die Talente fair, da die Firmen nun mit Seniors ausgestattet sind.
Auch für die Junior-Entwickler glücke das neue Modell besser: "Sie haben ein Team. Sie haben jemanden, der älter ist als sie, im selben Büro, der sie unterstützt und ihre Fragen beantwortet, sodass sie sich nicht einsam und isoliert fühlen", sagt Allaham im Gespräch mit uns.
Kairo allein hat schon 20 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. In der Stadt gibt es viele Migrantinnen und Migranten und arbeitslose Jugendliche, die dringend auf der Suche nach einer Jobchance sind. "Wir sind auf einem guten Weg", heisst es seitens des Remotecoders-Teams. "Und auch Unternehmen in Europa, insbesondere in der Schweiz, sind daran interessiert."

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