SATW insights: Selbst über seine Daten bestimmen

30. Mai 2022 um 07:51
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Manuel Kugler, SATW.

Ein selbstbestimmter Umgang mit Daten stärkt das Vertrauen in die zukünftige Datengesellschaft, die sowohl der Wirtschaft als auch der Öffentlichkeit zugutekommt. Vertrauenswürdige Datenräume sind dafür eine Grundvoraussetzung.

Die digitalisierte Welt ist Realität, wir alle leben bereits darin. Viel mehr als die Produkte, die wir kaufen oder die Dienste und Plattformen, die wir nutzen – wenn überhaupt – bestimmen wir darin aber kaum. Wir bezahlen dafür oft mit unseren Daten – manchmal bewusst, manchmal wird es aber eher verschleiert. Es sind also andere Akteure, die über deren Nutzung hauptsächlich entscheiden. Dies passt nicht zur Schweiz mit ihrer demokratisch und rechtsstaatlich organisierten Gesellschaft, in der wir als mündige Bürgerinnen und Bürger zu fast allem, was uns lieb und teuer ist, mitbestimmen können. Es sollte sich also etwas im Umgang mit Daten ändern.

Netzwerk für Digitale Selbstbestimmung

Die SATW hat deshalb zusammen mit der Swiss Data Alliance (SDA), der Direktion für Völkerrecht des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) sowie dem Bundesamt für Kommunikation (Bakom) bereits vor mehr als einem Jahr die Schweizer Initiative "Netzwerk Digitale Selbstbestimmung" lanciert. An einem Online-Anlass hatten am 11. Mai 2021 rund 90 Personen aus Verwaltung, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft teilgenommen, um sich über das Vorhaben der Initiative zu informieren. Viele davon sind in der Zwischenzeit Teil des Netzwerks geworden.
Die beiden Bundesstellen waren auch verantwortlich für den Bericht "Schaffung von vertrauenswürdigen Datenräumen basierend auf der digitalen Selbstbestimmung" (PDF), zu dem auch die SATW Inputs gegeben hat. Die Schweiz setzt sich also schon für eine partizipative digitale Transformation ein, in der die Menschen und ihre digitale Selbstbestimmung im Zentrum stehen. Wie kann nun das Potenzial von Daten für Gesellschaft und Wirtschaft besser realisiert werden? Gemäss dem Bericht und auch laut Expertinnen und Experten der SATW lautet zumindest ein Teil der Antwort "vertrauenswürdige Datenräume". Sie sollen sowohl das Teilen und Nutzen von Daten als auch gleichzeitig die Kontrolle darüber ermöglichen und damit einen selbstbestimmten Umgang mit Daten gewährleisten. Letzterer soll also das Vertrauen in die Datengesellschaft stärken, das sowohl der Wirtschaft als auch der Öffentlichkeit zugutekommt.

Sektorspezifische Datenräume in der Mobilität, Gesundheit und Bildung

Grundsätzlich wäre es wirtschaftlich wohl am interessantesten – und politisch am brisantesten – einen einzigen grossen Datenraum anzustreben, in dem Daten beliebig miteinander verknüpft werden könnten. In Tat und Wahrheit ist das aber natürlich nicht realisierbar und wäre auch kaum sinnvoll, da man sicherheitstechnisch grosse Risiken eingehen müsste. Allgemein ist der Begriff und das Konzept "Datenraum" etwas irreführend und muss noch konkretisiert werden. Es geht dabei nicht primär darum, möglichst viele Daten an einem Ort zusammenzuführen. Vielmehr sollen die Daten dezentral gespeichert bleiben. Bei Befolgung geeigneter Regeln, die auf allgemeinen Prinzipien basieren, sollen Daten freigegeben und darauf zugegriffen werden können. Um solche Regeln formulieren zu können und das dafür notwendige Vertrauen zwischen den involvierten Akteuren aufzubauen, beginnt man am besten bei einzelnen Sektoren. Die SATW bearbeitet deshalb zusammen mit der SDA in einem ersten Schritt drei Bereiche: Mobilität, Gesundheit und Bildung. Dazu wurden und werden Roundtables mit den aus Sicht des Netzwerks wichtigsten Akteuren organisiert.
Im ersten Roundtable im März 2021 – noch vor der offiziellen Lancierung des Netzwerks – ging es um Mobilität. Das Ziel des Roundtables war es, basierend auf den bestehenden Aktivitäten der Bundesverwaltung die Eckwerte eines Datenraumes für die Zukunft der Mobilität in der Schweiz zu skizzieren. Dazu präsentierten Vertreter des Bundesamts für Raumentwicklung (ARE), des Bundesamts für Verkehr (BAV) und des Bundesamts für Strassen (Astra) ihre Visionen der Datennutzung im Mobilitätsbereich. Der Roundtable untermauerte die Bedeutung des Themas und lieferte eine gute Basis für weitere Gespräche, weshalb die SATW gemeinsam mit der Schweizerischen Mobilitätsplattform (its-ch) die Diskussion im Rahmen einer gemeinsamen Arbeitsgruppe weiterführt. Die Vorbereitungen für einen "Swiss Mobility Data Space" sind auf gutem Weg.

Gesundheitsdaten als besondere Herausforderung

Im zweiten Roundtable ging es um Gesundheitsdaten. Es liegt in der Natur der Sache, dass Daten über die Gesundheit besonders schützenswert sind und sich deshalb beim Umgang damit besondere Herausforderungen stellen. Doch die Nutzung dieser Daten verspricht auch ein grosses Potenzial. Diagnose und Therapie von Krankheiten können verbessert und die Lebensqualität gesteigert werden. Wie der Umgang mit Covid-19 gezeigt hat, wären Daten – wenn sie denn verfügbar sind – für das Management von Pandemien sehr hilfreich. Auch in diesem Bereich soll eine Arbeitsgruppe die Erkenntnisse des Roundtables vertiefen.
Am dritten Roundtable, der im Juli stattfinden wird, steht die Nutzung personenbezogener Bildungsdaten im Fokus. Die Teilnehmenden werden darüber diskutieren, wie von Personen generierte Bildungsdaten dazu beitragen können, die persönliche Bildung und berufliche Entwicklung sowie das Bildungssystem allgemein zu verbessern. Dafür werden erfolgreiche Ansätze und bestehende Hindernisse zusammengetragen, um neue Lösungsansätze auszuarbeiten.

Empfehlungen für eine Datenstrategie in Ausarbeitung

Ziel dieser Roundtables ist es einerseits, die drei sektorspezifischen Datenräume auf den Weg zu bringen. Bei der Mobilität sieht das schon ganz gut aus. Anderseits sollen die Erkenntnisse zusammengefasst und für eine Publikation mit Empfehlungen für eine Datenstrategie in der Schweiz zur besseren Nutzung von Personendaten genutzt werden. So können weitere Initiativen für Datenräume profitieren. Dazu passt auch, dass die SATW im Rahmen des Netzwerks im Herbst einen Workshop zur Erarbeitung eines freiwilligen Verhaltenskodex für Datenraumbetreiber mitorganisiert.

Über den Autor

Manuel Kugler studierte Materialwissenschaften an der ETH Zürich. Nach seinem Masterabschluss blieb er bei der Hochschule und der Micro– and Nanosystems Group angestellt und arbeitete während 7 Jahren für den Spin-off greenTEG an der Produkt- und Prozessentwicklung für die Herstellung thermoelektrischer Sensoren. Seit 2016 ist er bei der SATW für die beiden Schwerpunkte Advanced Manufacturing und Künstliche Intelligenz zuständig. In diesem Rahmen ist er bei der SATW hauptverantwortlich für das Projekt "Digitale Selbstbestimmung" und die Mitarbeit im gleichnamigen nationalen Netzwerk.

Zu dieser Kolumne:

SATW insights: Unter diesem Titel berichten Mitglieder der Schweizerischen Akademie der Technischen Wissenschaften SATW regelmässig für unsere Leserinnen und Leser über relevante, aktuelle Schweizer Technologie-Fragen. Die Meinung der Autoren muss sich nicht mit derjenigen von inside-it.ch decken.

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