Soko Maier: Does one size fit all?

24. November 2022, 08:48
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Inside-IT-Kolumnistin und Karakun-CEO Elisabeth Maier

Ein agiles Vorgehen wird in Softwareprojekten oft als Wunderwaffe für das Erreichen komplexer Projektziele angepriesen. Agil wird's schon richten. Aber ist das wirklich so?

Nach über 25 Jahren Erfahrung mit agilen Methoden ist mein Fazit: So leicht ist es nicht mit Agilität als Wunderwaffe. Lassen Sie uns gemeinsam einen Blick auf die Erfolgsfaktoren von agilen Projekten werfen.

Aus Sicht der internen IT: Agilität bedeutet ein Umdenken

Die Einführung von Agilität in einer IT-Organisation ist in den wenigsten Fällen ein "Durchmarsch".
In einem agilen Setup verabschiedet sich das Management vom Monitoring der Ergebnisse gegenüber lange im Voraus ausspezifizierten Zielresultaten. Damit meine ich, dass die Entwicklungsresultate nicht zwingend der initialen Spezifikation entsprechen, sondern Prioritäten abbilden, die sich im Projektverlauf möglicherweise ändern. Das Management unterstützt die agile Vorgehensweise und stellt sicher, dass den Entwicklungsteams alle nötigen Hilfsmittel und Ressourcen zur Verfügung stehen. Zudem herrscht jederzeit volle Transparenz gegenüber allen Projektteilnehmern bezüglich Implementierungsumfang und auftretenden Hindernissen.
Mitarbeiter übernehmen in agilen Umgebungen Verantwortung für die Bereitstellung funktionierender Software. Diese wird in Zusammenarbeit aller internen und externen Stakeholder im agilen Prozess definiert. Die Mitarbeiter nutzen die Erfahrung aus den Projekten, um ihre Skills und den Entwicklungsprozess beispielsweise durch Reviews und Retrospektiven ständig zu verbessern.

Aus Kundensicht: Agilität bedeutet mehr als Flexibilität

Neben der Bereitstellung des Projektinhalts und des -budgets kommen auf den Auftraggeber in agilen Projekten viele Aufgaben und Verpflichtungen zu. Am wichtigsten ist die Definition eines Product Owners zur Sammlung und Priorisierung von Anforderungen. Zur Erfassung der Requirements und der Durchführung von Benutzertests muss der Zugang des Projektteams zu Endbenutzern der Software sichergestellt sein. Nicht zu vergessen ist die Verpflichtung zur Teilnahme an den verschiedenen im Rahmen des agilen Prozesses stattfindenden regelmässigen Meetings.

Typische Fallstricke agiler Projekte

Es gibt einige Situationen und Rahmenbedingungen, in denen Sie mit einer agilen Vorgehensweise auf gravierende Probleme stossen können. Ich beschränke mich dabei auf die in meinen Augen fünf wichtigsten Aspekte:
  • Mangelnde Maturität der Organisation: Agilität verlangt eine kontinuierliche Einbindung der Business-Abteilungen und der Anwender. Werden die notwendigen personellen Ressourcen nicht bereitgestellt oder wird gar verhindert, dass beispielhafte Endbenutzer in den Entwicklungsprozess eingebunden werden, ist die Prioritätensetzung für das agile Entwicklungsteam stark erschwert. Die Qualität des Zielprodukts kann dadurch kompromittiert werden.
  • Keine oder falsche Besetzung wichtiger Rollen: Der Product Owner nimmt wie bereits erwähnt eine Schlüsselrolle im gesamten agilen Entwicklungsprozess ein. Er interagiert mit allen Stakeholdern des Entwicklungsprozesses, sammelt und priorisiert die Anforderungen an das Produkt. Idealerweise wird diese Rolle kundenintern besetzt, da somit Abstimmungen bezüglich der Anforderungen effizienter ablaufen sowie interne Beziehungen und firmenspezifisches Know-how genutzt werden kann.
  • Keine Re­fle­xi­on und "Weiter so": Agile Projekt- und insbesondere IT-Teams sind lernende Organisationen, die um kontinuierliche Verbesserung und Weiterentwicklung bemüht sind. Zu diesem Zweck werden sowohl zur Projektlaufzeit als auch nach Projektende Retrospektiven durchgeführt. In diesen werden positive und negative Erfahrungen während des Projekts offen besprochen, Verbesserungen erarbeitet und in der nächsten Iteration erprobt/angewendet.
  • Inselcharakter des agilen Teams: Wenn ein agiles Team innerhalb einer nicht agilen Organisation operiert, erzeugt das oft Abstimmungsprobleme und Konflikte. Dieser Aspekt muss deshalb frühzeitig vor dem Start eines Entwicklungsprojekts thematisiert werden. Es ist wichtig, dass die Schlüsselrollen für den agilen Prozess benannt werden, und dass Ansprechpartner aus anderen Fachbereichen verfügbar sind.
  • Keine Zeit für Verbesserung: Es ist wichtig, dass für alle Projektteilnehmer ausreichendes Zeitbudget für die Teilnahme an Abstimmungsmeetings (kurze tägliche Projektmeetings, Meetings für Priorisierung und Reviews, sowie Retrospektiven) zur Verfügung steht. Denn nur so kann gewährleistet werden, dass sich das Produkt den Anforderungen annähert und das Team seine Prozesse optimiert.

Lohnen sich agile Projekte dann überhaupt?

Auf jeden Fall! Wenn agile Projekte richtig auf- und umgesetzt werden, erhalten Sie für das eingesetzte Geld ein für Ihr Unternehmen und Ihren Anwendungsfall optimiertes Software-Produkt. Dieses mag anders aussehen, als Sie das zu Beginn geplant hatten, da sich ihre Anforderungen im Laufe des Projekts verändern können. Dafür erhalten Ihre Anwender ein System, welches eine Vielzahl ihrer Bedürfnisse befriedigt und ihre tägliche Arbeit effizienter macht.

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