Soko Maier: Nachhaltigkeit in der Software-Entwicklung

26. April 2024 um 07:00
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Kolumnistin Elisabeth Maier beschäftigt sich mit der Frage, welche Kriterien für nachhaltige Software und ihre Entwicklung gelten sollten.

Was verstehen Sie eigentlich unter Nachhaltigkeit? Gemeinhin wird der Ausdruck schon lange nicht mehr nur im Zusammenhang mit ökologischen Themen verwendet. Haben Sie sich zum Beispiel auch schon damit beschäftigt, wie ihr Unternehmen mit seinen Teams bis hin zum einzelnen Mitarbeitenden einen Beitrag zu Nachhaltigkeit leisten könnte? Ich habe genau das aus der Sicht der Software gemacht. Und es ist keine Überraschung, dass nachhaltige Software-Entwicklung zwar oft postuliert wird, die vorausgesetzten Nachhaltigkeitskriterien aber alles andere als klar sind.

Die Innensicht auf nachhaltige Software-Entwicklung

Intuitiv fällt Ihnen wahrscheinlich sofort die ökologische Dimension der Software-Entwicklung ein: der Stromverbrauch beim Einsatz von Software. Wie können Sie als Unternehmen oder Endanwender Software mit niedrigem Energieverbrauch erkennen?
Bereits seit 2020 gibt es das Label Blauer Engel für Software-Produkte. Verliehen wird dieses Zertifikat vom deutschen Umweltbundesamt. Es handelt sich hierbei um ein Verbraucher-Label, das die Bürger beim Kauf von nachhaltiger Software unterstützen soll. Es beinhaltet in der aktuellen, auf Desktop-Software beschränkten Fassung rund 70 Bemessungskriterien wie CPU-Zeit, RAM-Belegung, Datenübertragung, Festplattenbelegung und je nach Anwendungsfall auch die Grafikkartennutzung. Diese Parameter liefern direkte Hinweise auf die Energie- und Ressourceneffizienz. Darüber hinaus müssen Softwarehersteller für die Zertifizierung verschiedene Nachweise erbringen, darunter die Unterstützung eines Energiemanagements, die potenzielle Hardwarenutzungsdauer, Abwärtskompatibilität, Modularität, Offlinefähigkeit und Werbefreiheit.
Leider hat sich dieses Label noch nicht ausreichend durchgesetzt. Bislang ist lediglich ein Software-Produkt mit diesem Label zertifiziert.
Die vom Blauen Engel verwendeten Kriterien beschäftigen sich also überwiegend mit Faktoren im Zusammenhang mit der Benutzung von Software. Der Ressourcenverbrauch einer Software muss aber eigentlich in einem breiteren Kontext betrachtet werden. Hierzu eignet sich am ehesten das sogenannte GREENSOFT Model, ein Referenzmodell, das bereits 2010 entwickelt wurde. Dieses betrachtet Nachhaltigkeit über den gesamten Lebenszyklus einer Software. Dazu gehören neben der Entwicklung und dem Betrieb auch die Wartung und Ablösung einer Software.

Die Aussensicht auf nachhaltige Software-Entwicklung

Spätestens bei der phasenbasierten Betrachtung wird klar, dass der nachhaltige Ressourceneinsatz bei der Software-Entwicklung sich nicht nur auf Energie beziehen kann. Mit Nachhaltigkeit ist ebenso die Arbeit von Software-Experten sowie der Einsatz von Geld gemeint. Beides hängt massgeblich zusammen mit der Qualität von Software. Nur "gute" Software lässt sich leicht pflegen, ändern und teilweise oder vollständig ersetzen, mit Budgets, die keine Überraschungen bringen. Die gute Nachricht ist, dass es bereits viele Metriken und Tests gibt, mit denen Code-Qualität gemessen werden kann. Es gibt sogar Normen wie z.Bsp. den ISO Standard 25010 für die Qualität von Software-Produkten.

Resiliente Dienstleister - die Beschaffungsoptik

Neben den Bemühungen von Firmen, sich nachhaltig für die Zukunft zu positionieren, stellen immer mehr Kunden, insbesondere Auftraggeber der öffentlichen Hand, Anforderungen an ihre Auftragnehmer betreffend Nachhaltigkeit. Das Bundesamt für Bauten und Logistik (BBL) beispielsweise definiert in seinem Dokument "Beschaffungsstrategie BBL 2022-2030" Stossrichtungen für eine nachhaltige Beschaffung von Gütern und Dienstleistungen von Anbietern. Dazu gehören neben der Forderung nach Lohngleichheit für Frauen und Männer auch die Qualität von Arbeitsbedingungen, die Erfüllung von ökologischen Aspekten sowie die Lebenszykluskosten inkl. Betriebskosten von Leistungen ("Total Cost of Ownership", TCO).
Ökologische und ökonomische Anforderungen werden in Ausschreibungen beispielsweise in den Eignungs- und Zuschlagskriterien und den technischen Spezifikationen spezifiziert. Leider gibt es meines Wissens seitens der beschaffenden Stellen noch keine einheitlichen Vorgaben, welche Faktoren in Betracht gezogen werden. Bei jeder Ausschreibung können die Anforderungen stark bis komplett voneinander abweichen oder ganz vage gehalten sein. Die Einhaltung dieser Vorgaben wird im jährlichen Nachhaltigkeitsbericht geprüft. Allerdings bietet dieser Bericht keine Detailinformationen. Es wird lediglich erfasst, wie viele der Ausschreibungen Nachhaltigkeit bei der Angebotsbeurteilung berücksichtigen.

Resiliente Dienstleister – die Anbieteroptik

Auf Seite der Anbieter wird so eine konsequente Vorbereitung auf diese Aspekte erschwert. Die Beurteilung ist oft nicht klar. Und was ist das Resultat? Anbieter treffen bei Ausschreibungen eine Vielzahl von Annahmen und formulieren umfangreiche Antworten auf diese, um die Vorstellung der ausschreibenden Stelle möglichst punktgenau zu treffen. Ein wahrlich nicht nachhaltiger Prozess!
Was leider viel zu selten bei Beschaffungen berücksichtigt wird, ist die Tatsache, dass das Erbringen nachhaltiger Dienstleistungen von einem resilienten Unternehmen auch Anforderungen an die Käufer stellt.
Nachhaltige Unternehmen
  • engagieren sich in Ausbildungseinrichtungen, betreuen studentische Arbeiten und ermöglichen Praktika. Das gibt nachhaltigen Unternehmen viel zurück, ist aber nicht umsonst.
  • bestehen nicht ausschliesslich aus Seniors, denn sie bilden auch die nächste Generation von Experten "on the Job" aus. Dazu bieten solche Unternehmen ihren Kunden eingespielte und hochmotivierte Teams bestehend aus Mitarbeiter:innen unterschiedlicher Erfahrungsstufen an.
  • haben einen hohen Qualitätsanspruch an sich und ihre Resultate. Sie haben begriffen, dass nachhaltige Software verständlich, getestet und gut dokumentiert sein muss. Das hat seinen Preis. Solche Unternehmen gehören nicht immer zu den billigsten Anbietern. Dafür aber kann die Software einfacher an sich ändernde Umstände angepasst werden und ist insgesamt langlebiger. Das bedeutet bei mittel- und langfristiger Betrachtung eine massive kostenreduzierende Auswirkung auf die Gesamtkosten einer Software-Lösung.

Und was ist mit den "Ressourcenfressern" KI und ChatGPT?

Der Ressourcenverbrauch von KI-Systemen wie ChatGPT wird im Moment intensiv diskutiert. Der Energieverbrauch einfacher Anfragen und aufwändiger Trainings von grossen Datenmengen steht dem Effizienzgewinn bei einer Vielzahl von Aufgaben gegenüber. Dieses Thema verdient es, bei Gelegenheit getrennt betrachtet zu werden.

Meine Empfehlung für mehr Nachhaltigkeit in Bezug auf Software

Nachhaltigkeit in der Softwareentwicklung betrifft ein sehr breites Spannungsfeld. Es gibt kaum und vor allem keine etablierten Ansätze, um dieses Thema systematisch zu adressieren. Wie sollen wir also aus Unternehmersicht mit dem Thema Nachhaltigkeit umgehen? Ich rate Ihnen, sich als Unternehmen Nachhaltigkeitsziele zu setzen und abzuarbeiten, die sich an ökonomischen, ökologischen und sozial-gesellschaftlichen Aspekten orientieren. Diesen Katalog sollten sie ständig an wiederkehrende Anforderungen von Kunden und entstehende Frameworks anpassen. Dann klappt’s auch mit der Nachhaltigkeit!
Soko Maier ist die Software-Kolumne von inside-it.ch. Hier schreibt Karakun-CEO Elisabeth Maier regelmässig über Themen rund um Software und Programmiersprachen.

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