Soko Maier: Was ist Open Source Software wert?

22. September 2022, 08:50
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Als bekennende OSS-Befürworterin gibt unsere Kolumnistin Einblicke in die Open-Source-Welt und erklärt, warum sich das Engagement in der Community lohnt.

Open Source Software (OSS) polarisiert, es existieren jede Menge unterschiedliche Meinungen. Viele dieser Ansichten basieren jedoch nur auf Teilaspekten, wodurch Probleme und Nutzen von quelloffener Software sehr verkürzt dargestellt werden. Nehmen wir zum Beispiel die Aussage "Open Source ist kostenlos". Entspricht das wirklich den Tatsachen und einer realistischen Betrachtung aller nötigen Ausgaben im Kontext eines Einsatzes quelloffener Software?
Als bekennende Befürworterin von OSS möchte ich Ihnen heute aufzeigen, welchen Wert Open Source Software bei richtigem Einsatz für Sie und Ihr Unternehmen generiert. Die Verwendung von Open Source Software unterscheidet sich in vielen Punkten von kommerziellen Produkten. Gemeinsam werfen wir einen Blick auf die wichtigsten Merkmale und die Vorteile, die Sie dadurch erhalten.
Herstellerunabhängigkeit – Verfügbarkeit von Alternativen
Beim Einsatz von Produkten kommerzieller Hersteller entstehen automatisch Abhängigkeiten im Hinblick auf benötigte Releases und Funktionalitäten. Anwenderspezifische Features und auch Wartung müssen nicht selten teuer eingekauft werden, die Lieferzeiten werden von den Ressourcen der Softwareanbieter bestimmt. Alternativen gibt es oft nur sehr bedingt. Diese Abhängigkeit stellt in puncto Lieferketten und Time-to-Market ein nicht unwesentliches Risiko für Unternehmen dar.
Bei Open Source Software hingegen haben Sie nicht nur Zugriff auf den Source Code, sondern vor allem auch auf die dazugehörige Community. Dadurch können dringend benötigte Funktionalitäten entwickelt und kritische Abhängigkeiten reduziert werden. Das wiederum stellt neben dem geringeren Risiko einen monetären Wert dar.
Transparenz – das ganze Produkt im Blick
Open Source Produkte sind in vielerlei Hinsicht transparent:
  • Die Roadmap einer Anwendung ist jederzeit einsehbar, die Lieferzeit von Features kann eingegrenzt werden.
  • Die beteiligten Entwickler sind bekannt und leicht ansprechbar.
  • Funktionsweise und Qualität der Codebasis sind einsehbar und beurteilbar, einer Software muss nicht blind vertraut werden.
Die Entscheidung für oder gegen ein Open-Source-Produkt kann also auf eine sehr breite Basis abgestützt werden. Das minimiert das Risiko für Sie als Nutzer zusätzlich.
Investitionssicherheit – Nutzen für alle
Open-Source-Entwicklung folgt im weitesten Sinne dem Prinzip einer Sharing Economy: Investitionen Einzelner kommen jeweils einer ganzen Community zugute. Diese Gemeinschaft wiederum garantiert den Bestand, die Pflege, die Qualität und die Zukunft eines Produkts. Beiträge zu Produkten zahlen sich für alle aus und stellen so indirekt gemachte Investitionen sicher.
Sicherheit und Souveränität – das "Viele-Augen"-Prinzip
Ein weit verbreiteter Mythos besagt, dass die Offenheit von Software Tür und Tor für die Ausnutzung von Schwachstellen öffnet. In der Realität zeigt sich jedoch, dass die Entwickler-Community in der Lage ist, Sicherheitslücken früh zu identifizieren und schnell zu schliessen. Es gibt viele Beispiele, in denen Open-Source-Produkte von der Community auf Herz und Nieren geprüft und proaktiv verbessert wurden. Ein Beleg aus der jüngeren Vergangenheit sind die verschiedenen nationalen Covid-Apps, die bereits früh der Community zugänglich gemacht wurden.
Gestaltungsmöglichkeiten – Open Source macht Spass
Wie in meiner letzten Kolumne erwähnt, sind interessante Arbeitsinhalte ein Schlüsselfaktor im Wettbewerb um gute Entwickler. Die Möglichkeit, Open-Source-Produkte mitzugestalten und so Beiträge zu innovativen Themen zu leisten, ist für viele Software-Experten ein wichtiger Bestandteil einer interessanten Arbeitsumgebung.
Um auf den Anfang dieses Artikels zurückzukommen: Open Source Software ist oberflächlich betrachtet vielleicht kostenlos. Zu oft wird jedoch bei der Betrachtung vergessen, dass deren Nutzung auch eine Verpflichtung beinhaltet: die aktive Unterstützung der Open Source Community, in dem Unternehmen zumindest einen Teil der generierten Werte zurückgeben. Ansätze hierfür gibt es ausreichend: von der aktiven Mitarbeit an Projekten durch eigene (oder beauftragte) Entwickler über Sponsoring von Projekten oder dem Abschluss von Wartungsverträgen mit Dienstleistern im Umfeld der eingesetzten Produkte bis hin zur Mithilfe bei der Weiterentwicklung durch begleitende studentische Arbeiten oder Uni-Projekte. Geschieht dies nicht, können Produkte nur dank des Idealismus einiger weniger Personen weiterentwickelt und gewartet werden. Die Folge sind sinkende Qualität und Liefertreue und schlussendlich auch eine sinkende Zufriedenheit der Anwender.
Open hin, closed her: Ich gehe natürlich auch weiterhin für Sie mit offenen Augen und Ohren auf die Suche nach aktuellen Software-Themen.
Soko Maier ist die Software-Kolumne von inside-it.ch. Hier schreibt Karakun-CEO Elisabeth Maier regelmässig über Themen rund um Software und Programmiersprachen.

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