Telco-Branche gibt sich für die Replay-TV-Verrechnung mehr Zeit

20. Mai 2022, 13:56
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Vorspulen wird bald teurer. Bild: Erik Mclean / Unsplash

In einer gemeinsamen Branchenvereinbarung geben sich die Telcos mehr Zeit, damit Replay-TV für die Provider nicht schon bald viel teurer wird. Doch die Umsetzung ist komplex.

Nach Init7 und Salt hat nun auch Sunrise angekündigt, seiner Kundschaft einen Zusatzbatzen zu verrechnen, wenn diese beim zeitversetzten Fernsehen Werbung überspringen möchte, allerdings noch ohne einen Preis dafür zu nennen. Auch Swisscom hält sich diesbezüglich noch bedeckt.
Fernsehsender hatten Einnahmeverluste beklagt, weil immer mehr Kundinnen und Kunden nicht mehr linear fernsehen und bei der Werbung einfach auf Vorspulen drücken.

Branche gönnt sich 3 Monate mehr

Um den Umsatzrückgang zu stoppen, haben sich TV-Sender, Telekomfirmen und Verwertungsgesellschaften geeinigt, die Gebühren des "Gemeinsamen Tarifs 12" (GT12) per 1. Januar 2022 von 1,50 Franken auf 7 Franken pro Kunde und Monat zu erhöhen. Nur wenn Provider bei ihren TV-Angeboten das Vorspulen verhindern, zahlen sie weiterhin den alten Tarif. Tun sie das nicht, müssen sie neu die höheren Gebühren abliefern – mit einer Ausnahme: Sie blenden automatisch zusätzliche Werbung ein (beispielsweise 2-3 Spots à 30 Sekunden), wenn die Kunden vorspulen. Darauf hat sich die Branche mit sich selbst in einer Branchenvereinbarung geeinigt.
Aber genau die technische Umsetzung dieser Ausnahmeregelung, damit weiterhin nur 1,50 statt 7 Franken abgeliefert werden müssen, bereitet der Branche Bauchschmerzen. Deshalb hat sie sich selbst, grosszügigerweise, drei Monate mehr Zeit gegeben, die Vereinbarung umzusetzen und zahlt seitdem und bis auf Weiteres weiterhin den günstigeren Tarif – weil sie so tut, als wäre die beim Vorspulen eingeblendete Zwangswerbung schon umgesetzt.
Doch auch diese Zusatzzeit ist bald abgelaufen, weshalb nun erste Anbieter die Gebühr, die sie an Suisseimage abliefern müssen, an die Kundschaft weiterverrechnen, sofern diese Replay-TV wünscht. Salt verlangt von seinen Kunden dafür 3,95 Franken pro Monat (statt 1,50 Franken, die sie derzeit abliefern müssen). Setzt Salt im Verlaufe der Zeit die Branchenvereinbarung nicht um, legt der Konzern entweder drauf oder muss die Preise nochmal erhöhen.

Podcast: Kostenpflichtiges Replay-TV ist wie lineares Fernsehen

In der aktuellen Ausgabe von "Die IT-Woche" sagen wir, warum kostenpflichtiges Replay-TV falsch ist. Zudem erklären wir den gemeinsamen Tarif G12 und was dahintersteckt. Jetzt reinhören! Hier oder überall wo es Podcasts gibt nach "Die IT-Woche" suchen.

Init7 dagegen verrechnet seinen Kunden 11 Franken für Replay-TV, weil sie als Nicht-Unterzeichner der Branchenvereinbarung seit Januar 7 Franken pro Kunde abliefern müssen. Der Winterthurer Provider begründet den höheren Preis mit "der relativ kleinen Masse an Nutzern im Vergleich zum Aufwand, welcher für das Replay notwendig ist". Man sei sogar kurz davor gestanden, das Replay-TV-Angebot wegen der Komplexität komplett zu streichen, heisst es seitens Init7.

Komplexe Umsetzung

Der G12, der wörtlich die "Vergütung für die Gebrauchsüberlassung von Set-Top-Boxen mit Speicher" regelt, sei von Juristen so kompliziert ausformuliert worden, dass er von Entwicklern und Ingenieuren kaum umsetzbar sei, so Init7 weiter.
Die Umsetzung habe aber ohnehin technisch hohe Hürden, weil Werbeblöcke als solche erkannt werden müssen. Diese Information sei in den Streams noch nicht integriert und müsste individuell gesetzt werden. Das gehe auch grösseren Providern so. Wirklich gelungen sei es noch keinem Anbieter, Zwangswerbung einzublenden, wenn Kunden vorspulen. Bleibt es dabei, müssen Provoder bei Replay-TV also bald 7 Franken pro Kunde und Monat zahlen, wie das Init7 schon heute tut.
Problematisch sei weiterhin, findet man bei Init7, dass die einzelnen Provider bei der Umsetzung nicht unterstützt würden oder dass es keine Branchenlösung gebe. Jeder müsse vor sich hinwerkeln und das gleiche Problem auf seine Art lösen.

Sondersituation in der Schweiz

Was viele nicht wissen: Die Schweiz ist eines der wenigen Länder, das Replay-TV so unkompliziert ermöglicht. Grund dafür ist ein mehrere Jahre alter Bundesgerichtsentscheid, der aufgenommene Sendungen (oder vom Anbieter zur Verfügung gestellte Aufnahmen) als Privatkopie einstuft. Im europäischen Ausland benötigt es dafür individuelle Verträge zwischen jedem Sender und Weiterverbreiter, wobei der Sender für die Einholung der nonlinearen Rechte bei den Inhaltsanbietern zuständig ist. All das ist in der Schweiz nicht nötig.

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