Telekom-Chefs fordern mehr Unterstützung der Politik

22. Juni 2022, 06:40
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Comcom-Präsidentin Adrienne Corboud und die Chefs der drei grössten Schweizer Telcos am Asut-Summit.

Angesichts der Flut an Einsprachen gegen neue 5G-Mobilfunkantennen wünschen sich die Chefs der grossen Schweizer Telcos mehr Unterstützung durch die Politik. Punkto Glasfaserausbau zeigen sie indes wenig Kompromissbereitschaft.

Es ist eine "schizophrene Situation", sagte der neue Swisscom-CEO Christoph Aeschlimann am Swiss Telecommunication Summit des Branchenverbands Asut in Bern: "Wir haben zehntausende Kunden, die sich über Mobilfunklöcher beschweren, aber gleichzeitig 3000 Einsprachen gegen Baugesuche von 5G-Antennen."
Antennen sind nicht schön, darin waren sich die Chefs der drei grossen Schweizer Telcos Salt, Sunrise und Swisscom einig, aber es brauche sie halt. "Wir könnten weniger Antennen bauen. Dann müssten wir aber die Grenzwerte erhöhen", sagte Swisscom-Chef Aeschlimann stellvertretend. Die Schweiz habe zehnmal strengere Grenzwerte als Deutschland oder Frankreich. "Wir haben trotzdem einen total fundamentalistischen Diskurs über jede Antenne in der Schweiz."

3000 Einsprachen gegen 5G-Antennen

Angesichts der Flut an Einsprachen gegen neue 5G-Mobilfunkantennen wünschen sich die Chefs der hiesigen Telekomkonzerne mehr Unterstützung aus der Politik. Andernfalls drohe der Schweiz ein Stau im Mobilfunk. Der Bund müsse eine Kommunikationskampagne fahren, die zeige, dass 5G nicht schädlich, sondern wirtschaftlich vonnöten sei. Ein weiteres Problem sei der Föderalismus, sagte Pascal Grieder, Chef von Salt. "Im einem Jahr werden wir wieder hier stehen und bloss homöopathische Fortschritte gemacht haben. Das bestätigt André Krause, CEO von Sunrise. Auch im vergangenen Jahr habe es nur kosmetische Verbesserungen gegeben. Diese seien bei weitem nicht ausreichend, um das Tempo beim Mobilfunkausbau zu halten. Die Schweiz drohe den Anschluss zu verlieren und werde im europäischen Vergleich weiter zurückfallen.

Swisscom will Einigung erzielen

Am Gipfeltreffen der drei Telco-Chefs in Bern thematisierte Moderator Reto Brennwald auch den schwelenden Glasfaserstreit, den die Telco-Branche umtreibt. Brennwald wollte die Podiumsteilnehmenden provozieren und sagte, der Streit sei eigentlich eine idiotische Situation. Grieder von Salt stimmte unumwunden zu. Ohnehin herrschte unter den drei grossen Telcos grosse Einigkeit.
Swisscom-Chef Aeschlimann betonte weiterhin den Standpunkt seines Unternehmens, der Bau nach dem Point-2-Multipoint-Verfahren (P2MP) sei ökologisch wie ökonomisch der richtige Weg. Würde man zum Point-2-Point-Bau (P2P) gezwungen, seien Subventionen nötig oder es würde Baustopps geben, sagte Aeschlimann. Sunrise-Chef Krause stimmte Aeschlimann zu und forderte einen Technologie-Mix und weniger Regulierung. Mit ersterem meint er, statt Glasfaser-Anschlüsse in entlegenen Gebieten hohe Bandbreiten mit 5G-Technologie anzubieten.

Bundesgericht soll bald entscheiden

Man sei in regelmässigem Austausch mit der Weko, würde sich "in hohem Taktrhythmus" treffen und sei bestrebt, einen schnellen Abschluss zu erzielen, sagte Aeschlimann. Swisscom verhandelt mit der Weko aktuell in einem Hauptverfahren, bei dem es im Kern darum geht, ob Swisscom P2P oder P2MP bauen muss. Fraglich bleibt indes, wie die Einigung erreicht werden soll, wenn sich Swisscom nicht auf die Wettbewerbskommission zubewegt. Diese äusserte ihren (gegenteiligen) Standpunkt Anfang März gegenüber inside-it.ch, am Summit war sie leider nicht auf dem Podium anwesend. Parallel dazu brütet das Bundesgericht den Entscheid zu den vorsorglichen Massnahmen gegen Swisscom aus, die das Unternehmen aktuell daran hindern, bereits gebaute Anschlüsse zu vermarkten. Wie gestern am Asut-Treffen zu hören war, soll es aber nicht mehr allzu lange dauern, bis es soweit ist.

Wer soll das bezahlen?

Debattiert wurde nicht zuletzt dank einer Frage aus dem Publikum, wer die Finanzierung des Breitbandausbaus in der Schweiz tragen soll. Dass die Netze von den Telcos finanziell gestemmt und vom Endkunden bezahlt werden, sei kein Konzept das funktioniere, sagt Sunrise-Chef Krause. Auf die Frage von Moderator Brennwald, ob sich Apple, Netflix und Co. finanziell beteiligen sollen, applaudierte Krause.
Aeschlimann stimmte zu: "Über 50% des Traffics wird von 3 Firmen generiert." Brennwald und die Mitstreiter des Swisscom-CEOs liessen die Aussage unwidersprochen, obwohl die Contentprovider die Inhalte lediglich anbieten. Verursacht wird der Traffic am Ende immer noch von den Nutzerinnen und Nutzern, die den Konsum beziehungsweise eben die Nutzung der Bandbreite mit ihren Monatsgebühren abgelten.
Am Vormittag des Asut-Summits sagte Bundesrätin Simonetta Sommaruga, dass ihr Departement nächstens Bestimmungen zur Netzstabilität vorschlagen will.

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