Wie sich Steuerämter die Digitalisierung zu Nutze machen

25. Juli 2022, 13:30
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Foto: Sarah Pflug / Unsplash

Data Analytics, KI, Satellitenaufnahmen – Steuerbehörden rüsten technologisch weltweit auf, um Daten zu sammeln, zeigt eine PwC-Studie. Die Schweiz sei noch zurückhaltend.

Für die Studie "Tax Disruption Report 2021/2022" hat PwC 27 Steuerbehörden weltweit inklusive Schweiz untersucht, mit Blick auf ihren Stand der Digitalisierung und die von ihnen verwendeten Technologien. "Die digitale Transformation der Steuerbehörden bedeutet, dass sie das von ihnen gesammelte Datenvolumen erheblich erweitern werden, sowie die Tiefe, Breite und Geschwindigkeit ihrer Analysefähigkeiten", lautet ein Fazit der Autoren. "Sie werden zunehmend Daten austauschen und Informationen aus Datenquellen von Dritten ableiten."
Im Schnitt würden global 10% des Budgets der jeweiligen Behörde in digitale Technologien investiert. An der Spitze liegen Singapur und Dänemark (je 26%) gefolgt von den USA (25%). Die Schweiz befindet sich bei den Ausgaben mit rund 16% im oberen Mittelfeld.
Am meisten setzen Steuerbehörden weltweit auf Applikationen und Interfaces, gefolgt von Data Science und Analytics Tools. Die grössten Zuwachsraten zwischen 2018 und 2019 verzeichneten Cloud Computing (+27%), KI (+38%) und Distributed Ledger Technology (+44%). Wobei letztere nur von wenigen Ämtern verwendet wird. So nutzt die brasilianische Steuerverwaltung die Blockchain-Technologie, um Informationen über Steuerzahler zu registrieren und zwischen kommunalen, bundesstaatlichen und föderalen Regierungsstellen auszutauschen.

Grossbritannien wertet unzählige Datenbanken aus

Die Studie (PDF) beleuchtet verschiedenen Einsatzgebiete der technologischen Mittel in einzelnen Ländern. In den Niederlanden würde zum Beispiel eine Agile Law Execution Factory (ALEF) eingesetzt, so die Autoren. Diese Verwaltungsumgebung setze die Gesetzgebung in kodierte Regeln für die automatisierte Entscheidungsfindung um. Multidisziplinäre Teams aus Juristen, Steuerexperten und Informatikspezialisten würden die Gesetze zunächst in kleine Teile zerlegen und dann ihre rechtliche Bedeutung bestimmen. Anschliessend werde jeder Teil in einen Code übersetzt, der sowohl für Menschen als auch für Computer verständlich sei.
Besonders "innovationsfreudig" scheint Grossbritannien zu sein. Die dortige Steuerbehörde war 2010 eine der ersten, die ein Programm namens Connect zur Datenerhebung und -analyse einführte. Damit werden gemäss PwC grosse Datenmengen aus einer Vielzahl von Datenbanken analysiert und gespeichert. Dazu gehören Bank- und Kreditkartenkonten, Online-Zahlanbieter wie Paypal, Marktplätze wie Ebay oder Amazon, Social Media, Immobilien-Websites und Informationen zu Flugpassagieren. Her Majesty's Revenue and Customs wertet auch Satellitenaufnahmen und Google Street View aus. Dadurch werden etwa bauliche Veränderungen durch Hausbesitzer überprüft.

Die Schweiz hinkt hinterher

Zur Schweiz heisst es in der Studie: "Die Schweizer Steuerverwaltung achtet entweder darauf, nicht zu viele Informationen über die Nutzung digitaler Technologien preiszugeben, oder hinkt einfach ihren internationalen Pendants hinterher." Erwähnt zum hiesigen Fortschritt wird etwa der Kanton Zug, der Steuerzahlungen in Form von Bitcoins akzeptiert. Die meisten kantonalen Steuerämter scheinen aber noch mit der Verbesserung von Online-Steuerklärungen oder der Vereinheitlichung ihrer Steuersoftware beschäftigt zu sein, wie jüngst das Beispiel Thurgau zeigte.
Christian Ulbrich, einer der Mitautoren der PeC-Studie, erklärte gegenüber den Tamedia-Zeitungen (Paywall), für die digitale Zurückhaltung von Ländern wie der Schweiz gebe es verschiedene Gründe. Diese Staaten müssten keine Schwarzmärkte bekämpfen, auch sei die Einhaltung der Steuervorschriften allgemein viel höher. Dazu kämen föderalistische Strukturen und hohe rechtsstaatliche Hürden, die sich hemmend auswirkten. Der Digitalisierungsschub werde aber auch in der Schweiz kommen, so Ulbrich.

Föderalistische Struktur erschwert Digitalisierung

Die Eidgenössischen Steuerverwaltung erklärte gegenüber Tamedia, dass man sich nicht im Rückstand sehe in Bezug auf die Digitalisierung. Als Beispiel wird die digitale Abrechnung der Mehrwertsteuer und der Verrechnungssteuer erwähnt. Allerdings, so die Behörde, würde bei den Einkommens- und Gewinnsteuer-Prozessen die föderalistische Struktur die Digitalisierung "etwas" erschweren.
Was die zukünftigen Entwicklungen bei den Steuerbehörden betrifft, schreiben die Studienautoren von PwC: "Wenn die digitale Wirtschaft eines gelehrt hat, dann, dass der Hunger nach Daten unendlich ist, wenn man erst einmal einen Appetit entwickelt hat." Die Chancen seien hoch, dass dies auch auf den öffentlichen Sektor zutreffen werde.

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