"Wir befinden uns an einem Wendepunkt"

1. November 2022, 15:51
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Venkat Venkatraman. Foto: Boston University

Steht uns bald die nächste industrielle Revolution bevor? Wir haben mit dem renommierten Wissenschaftler Venkat Venkatraman darüber gesprochen.

Venkat Venkatraman ist Professor an der Boston University und unter­sucht, wie Unternehmen digitale Technologien erkennen und auf sie reagieren. Auf Google Scholar ist er als der meistzitierte Wissen­schaftler aus diesem Bereich gelistet. Im Rahmen des CNO-Panels in Bern hat der Forscher darüber gesprochen, wie menschliche Fähigkeiten durch den Einsatz von Computern oder Künstlicher Intelligenz verbessert oder verstärkt werden sollen.
Geht es nach Venkatraman, wird sich die Digitalisierung in Zukunft noch einmal beschleunigen. Der Wissenschaftler geht davon aus, dass wir in den nächsten Jahren eine dauerhafte Umgestaltung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse erleben werden, wie seit der industriellen Revolution nicht mehr. Daher sei es wichtig, dass die Menschheit lernt, mit den neuen Technologien umzugehen, sagte der Professor im Rahmen seiner Keynote.
Auch für Unternehmen sei es immer wichtiger, sich mit Themen wie künst­licher Intelligenz auseinander zu setzen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Die Welt verändere sich ständig und je länger je mehr müsse man sich fragen, ob der Grundsatz noch stimmt, dass es nur noch Arbeiten speziell für Computer und solche speziell für Menschen gibt. Venkatraman geht davon aus, dass diese Grenzen in Zukunft immer mehr verschwinden werden.
Inside-it.ch hat den Wissenschaftler zum Interview getroffen und mit ihm über seine Forschung gesprochen.
Der Titel Ihrer Keynote lautet "Verstärkung menschlicher Fähigkeiten durch intelligente Maschinen". Welche Fähigkeiten genau sollen verstärkt werden? Ich denke, in den nächsten Jahren wird künstliche Intelligenz verschiedene menschliche Talente bewusst vorantreiben können. Zu Beginn meiner Forschung habe ich gedacht, dass Computer vor allem für die Lösung von strukturierten Problemen eingesetzt werden können. Heute müssen wir sagen, dass Computer auch unstrukturierte Zusammenhänge und somit auch kreative Aufgabenstellungen lösen können. Wir befinden uns derzeit an einem Wendepunkt, an dem wir überhaupt erst herausfinden müssen, was Maschinen alles tun können.
Nehmen wir als Beispiel Impfungen: Früher hätte niemand geglaubt, dass ein Computer fähig sein wird einen Impfstoff zu entwickeln. Heute ist es möglich, dass eine Maschine alle möglichen komplexen Kombinationen für ein Heilmittel identifizieren kann. Dies ist für mich ein perfektes Beispiel dafür, weshalb die Menschheit nicht gegen, sondern mit künstlichen Intelligenzen und Computern zusammenarbeiten muss.
Daraus ergeben sich Vor- und Nachteile… Einer der Vorteile ist, dass wir versuchen können, grössere Probleme zu lösen: zum Beispiel den Klimawandel. Das Problem kann nicht gelöst werden, wenn wir immer nur die gleichen Methoden brauchen. Eine künstliche Intelligenz könnte uns dabei unterstützen, Hebel zu finden, um das Problem mit der Erderwärmung nachhaltig in den Griff zu bekommen.
Wie ich vorhin bereits angedeutet habe, gilt Gleiches auch für die persönliche Medizin. Wir können uns von Maschinen bei der Entwicklung von Heilmitteln helfen lassen. Bereits heute können gewisse gesundheitliche Beschwerden anhand der DNA schon frühzeitig erkannt werden. In der Zukunft wird dieser Bereich noch ausgeprägter sein. Die Maschinen helfen uns also bei der Lösung unserer Probleme.
Und wo sehen Sie die Nachteile? Einer der Nachteile wird sicher sein, dass Jobs verloren gehen. Es wird Bereiche im Arbeitsmarkt geben, die durch diese Entwicklungen gar gänzlich eingehen. Hier kommen zum Beispiel Bildergeneratoren ins Spiel, die Kunstwerk aufgrund einer Texteingabe erstellen können. Wichtig ist dabei aber immer, dass die Chancen und Risiken miteinander abgewogen werden.
Was denken Sie, könnte gegen einen solchen Jobverlust getan werden? Über die Jahre gab es in der Schweiz verschiedenste Diskussionen über ein mögliches universales Grundeinkommen. Es gilt, sich dabei die Frage zu stellen, wie wollen wir leben, wenn die strukturelle Arbeitslosigkeit aufgrund der digitalen Transformation stetig zunimmt. Davor müssen wir uns aber unbedingt auch fragen, ob wir Menschen nicht dazu befähigen können, mit solchen Maschinen zusammenzuarbeiten.
Dazu müssen aber Menschen aus- und weitergebildet werden und es muss trotzdem über ein bedingungsloses Grundeinkommen nachgedacht werden. Zu strukturellen Veränderungen wird es sowieso kommen, aber das ist nichts anderes, als die Welt bereits während der industriellen Revolution erlebt hat.
KI wird immer besser. Mit Dall-E und anderen Programmen können Bilder erzeugt werden. Dazu gibt es KIs für Musikproduktion, Übersetzungen oder Buchhaltung. Sind wir Journalisten die nächsten, die dran glauben müssen? Der Journalismus ist bereits davon betroffen. Das 'Forbes Magazin' zum Beispiel veröffentlich bereits Blog-Beiträge, die von einer KI erzeugt wurden. Die nächsten Entwicklungen in diesem Bereich werden aber ganz klar die Videos betreffen. Künftige Programme werden auch in der Lage sein, Videos aus einzelnen Bildern zu animieren. Letztes Jahr hat der Autohersteller Lexus einen Werbespot veröffentlicht, dessen Skript komplett von einer KI entwickelt wurde.
Das Skript für den Werbespot von Lexus wurde von eier KI geschrieben.
Glauben Sie, dass KIs in Zukunft sogar kreativer sein können als Menschen? Das ist unter anderem auch davon abhängig, was wir unter Kreativität verstehen. Ob je eine KI als der nächste Picasso bezeichnet wird, wird sich erst mit der Zeit zeigen.
Klar ist hingegen, zeigen sie einer künstlichen Intelligenz genügen Bilder von Picasso, wird sie irgendwann in der Lage sein, Merkmale seines Stils zu reproduzieren.
Aber dann entsteht ein von Picasso inspiriertes Bild und nicht etwas eigenes Kreatives. Exakt. Aber die Frage ist dann: Kann die Maschine eine neue Form lernen? Manchen Menschen glauben, in Zukunft wird dies möglich sein. Dazu müssen wir aber abwarten. Aus diesem Grund werde ich dazu auch keine Vorhersage machen.
Viel wichtiger für mich ist, dass wir Maschinen nicht als Konkurrenten sehen, sondern lernen, wie wir uns ihre Fähigkeiten zu Nutze machen können, um die Menschheit weiterzubringen.

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