Datenschutzkonformes googeln kostet 2 Rappen

14. September 2022, 07:55
image

Die Suchmaschine Trooia bietet datenschutzkonformes googeln. Userinnen und User zahlen mit Franken, statt mit Daten. Wie das funktioniert, erklärt Gründer Christoph Cronimund im Interview.

Seit Juni 2021 bietet Christoph Cronimund eine datenschutzkonforme Alternative zu Google. Es ist bislang ein zeitintensives Hobby für ihn – hauptberuflich arbeitet Cronimund weiterhin als Spezialist für Suchmaschinenmarketing, mit Fokus auf, natürlich!, Google. Ein Widerspruch, der sich auch im Gespräch nicht ganz auflöst. Darüber hinaus erklärt der studierte Elektroingenieur, wie er Google austrickst und welches Geschäftsmodell er für seine Suchmaschine Trooia anwendet.
Sie bieten mit Trooia einen Dienst, der Google-Suchergebnisse liefert, aber ohne die Privatsphäre von Nutzerinnen und Nutzern zu verletzen. Wer googelt, liefert seinen persönlichen Kontext mit. Wer er ist, was sie mag, welchen Browser er nutzt, wo sie wohnt … Will man das nicht, kann man Trooia nutzen. Bei mir kann man wirklich anonym googeln.
Zu welchem Preis? Für 5 Franken kann man bei Trooia 250 Suchanfragen kaufen, eine Suche kostet also 2 Rappen. Das ist aktuell noch sehr teuer, der Preis würde aber bei höherem Volumen rasch sinken.
Wie viele zahlende Nutzerinnen und Nutzer haben Sie aktuell? Das weiss ich nicht, da ich nichts tracke. Die einzige Zahl, die ich kenne, ist der monatliche Umsatz. Dieser bewegt sich aktuell im höheren dreistelligen Bereich. Die restlichen Kennzahlen interessieren mich aber auch nicht.
Müssen Sie drauflegen? Nein, meine Kosten sind gedeckt. Ich kann mir einfach keinen Lohn auszahlen.
Soll sich das ändern? Ja. Ziel ist es, meine Arbeit, die ich seit Sommer 2020 quasi in Vorleistung für Trooia erbracht habe, zu bezahlen und schlussendlich davon leben zu können. Ob ich irgendwann nur noch für Trooia arbeiten möchte, weiss ich noch nicht.
Was schätzen Sie, wie gross ist die Zielgruppe in der Schweiz, die ihre Privatsphäre schützen will und bereit ist, diesen Fünfliber zu zahlen? Rund 0,5 bis 1% der Bevölkerung. Das sind rund 50'000 Nutzerinnen und Nutzer. Den ganzen deutschsprachigen Raum mit Deutschland und Österreich gerechnet, sind es deutlich mehr.
Aktuell ist es also noch ein Hobby. Hauptberuflich arbeiten Sie als Suchmaschinen-Marketer. Irgendwie kommen mir Dr. Jekyll und Mr. Hyde in den Sinn. Oder Superman: Tagsüber im Büro, nachts unterwegs, um den Datendieben das Handwerk zu legen. Ja, es ist schizophren und ich war lange mit mir im Clinch deshalb. Aber ich weiss dank meines Jobs, wie Google funktioniert und ich halte mich auf dem Laufenden. So kann ich auch bei Trooia auf Entwicklungen reagieren.
Aber was treibt Sie denn an, was ist die Motivation hinter dem Projekt, wenn Sie doch als Google-Suchmaschinenoptimierer gutes Geld verdienen? Ich begleite Google, seit es Adwords gibt. Irgendwann kam der Punkt, als ich begriff, wie viele Daten Google eigentlich sammelt und ich wollte herausfinden, ob es eine Möglichkeit gibt, dieselben guten Suchergebnisse zu liefern, aber ohne dafür Daten hergeben zu müssen. Und mich regt auf, dass es keine Alternative zu Google gibt.
Moment, es gibt doch Duckduckgo oder Startpage? Zunächst gehts um Google selbst. Es gibt zur Nutzung der Suchmaschine keine Alternative, als nur mit seinen Daten zu zahlen. Duckduckgo und Startpage finanzieren sich durch Werbung, womit die Nutzerinnen und Nutzer ebenfalls getrackt werden. Sie unterscheiden sich dadurch, dass Erstere auf einen eigenen Suchalgorithmus setzen und Startpage Google-Ergebnisse liefert.
Wenn ich Trooia höre, denke ich an Trojaner oder trojanische Pferde. Warum dieser negativ konnotierte Name? Der erste Arbeitstitel war "Noogle", für "Not Google", aber aus markenrechtlichen Gründen habe ich darauf verzichtet. Die beiden 'O' sollten jedoch vorkommen. Für mich steht der Name für die Schlauheit, sich reinschleichen zu können und ist für mich nicht negativ konnotiert.
Die Firma Google hat die eine oder andere Milliarde Dollar in die Entwicklung des Suchalgorithmus gesteckt, damit die Suchergebnisse eben so gut sind wie sie sind. Haben Sie kein schlechtes Gewissen, sich diese für ihren Dienst zunutze zu machen? Sie sind ein Trittbrettfahrer. Der Gedanke ist legitim, aber Google macht dasselbe: Das ganze Internet erstellt Inhalte und Google nutzt diese für seinen Suchdienst. Zudem sind die Suchergebnisse von Google urheberrechtlich nicht geschützt, sondern öffentlich verfügbare Inhalte, die sich scrapen lassen. Übrigens machen das auch andere, die aus technischer Sicht genau dasselbe tun wie ich: SEO-Optimierungs-Tools und Suchmaschinen-Marketer.
Wie sieht die technische Lösung aus, dass Sie echte Google-Ergebnisse anonymisieren können? Suchen bei Trooia werden via unsere Server über Umwege an Google geschickt. Sie erhalten die Ergebnisse zurück, filtern die Werbung raus und zeigen sie der Userin und dem User an.
Sie müssen Google vorgaukeln, dass es sich um echte und keine maschinellen Suchanfragen handelt. Das ist richtig, sonst blockiert uns Google. Und wir müssen das schnell tun, damit die Antwortzeit tief bleibt.
Und wie tun sie das? Wir verteilen die Anfragen über verschiedene IP-Adressen, wofür wir Proxy-Netzwerke mieten. Zudem gehts um Browser-Fingerprinting, das wir möglichst natürlich gestalten. Faktoren wie Browserversion, Timing von Anfragen, Bildschirmauflösung oder das genutzte Betriebssystem muss möglichst natürlich wirken, damit es von Google als natürliche Suche wahrgenommen wird.
Wenn Google wirklich wollte, könnte es Sie doch identifizieren. Vermutlich schon. Aber je restriktiver sie werden, umso eher fangen sie an, echte Nutzerinnen und Nutzer auszuschliessen. Und das will Google um jeden Preis verhindern. Verglichen mit den Volumina, die andere Sparten verursachen, bin ich nur ein Sandkorn am Strande Google.

Loading

Mehr zum Thema

image

Zürcher Datenschützerin zum Cloudeinsatz: "Der Regierungsratsbeschluss ändert gar nichts"

Bei Dominika Blonski häufen sich seit dem Frühling Anfragen von Behörden zur Cloudnutzung. Im Gespräch sagt die Datenschützerin: "Ich weiss nicht, was die Absicht der Zürcher Regierung war."

publiziert am 30.9.2022 7
image

IT-Woche: Datenschutz vs. Anwälte – wer gewinnt?

Es läuft die Schlussviertelstunde des Spiels. Aktuell steht es Unentschieden. Die Anwälte sind im Angriff, aber die Datenschützer haben eine starke Verteidigung im Aufgebot.

publiziert am 30.9.2022
image

Datenschützer äussern harsche Kritik an Cloud-Entscheiden von Behörden

Die Konferenz der schweizerischen Datenschutzbeauftragten (Privatim) fordert: Kein Freipass für Microsoft 365.

publiziert am 30.9.2022
image

EPD-Infoplattform von eHealth Suisse gehackt

Unbekannte haben von der Website Patientendossier.ch Nutzerdaten abgegriffen. Das BAG erstattet Anzeige, gibt aber Entwarnung.

publiziert am 30.9.2022 2