Due Diligence: Perivision

5. Januar 2023, 14:39
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In dieser Kolumne schreibt Ramon Forster regelmässig über Schweizer Tech-Startups. Heute unter der Lupe: Perivision aus Epalinges (VD).

Bei den meisten Augenkrankheiten ist eine frühzeitige Diagnose der Schlüssel für eine erfolgreiche medizinische Behandlung. So auch beim Glaukom, von dem jedes Jahr weltweit etwa 80 Millionen Menschen betroffen sind und das schleichend zu einem irreparablen Verlust des Sehvermögens führt. Regelmässige Untersuchungen sind nötig, aber ressourcenintensiv: Die Tests benötigen viel Zeit, erfordern teure und sperrige analoge Geräte und liefern oft unzuverlässige Ergebnisse.

Einfacher und schneller mit VR-Headsets

Perivision, ein Schweizer Startup, will das ändern: Mit seiner Software können Ärztinnen und Ärzte einfach vorgefertigte Tests konfigurieren, die Patientinnen und Patienten dann selbstständig durchführen. Dafür setzen sie ein VR-Headset auf und befolgen die Testanweisungen eines virtuellen Assistenten. Nach Abschluss der Tests können Ärzte die Ergebnisse ihrer Patienten einfach und schnell auswerten – dank dem Einsatz Künstlicher Intelligenz. Studien zufolge wird der Screening-Prozess dadurch um bis zu 70% beschleunigt, die Ergebnisse sind konsistenter und der Patientenkomfort erhöht.
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Demo bei einem privaten US-Augenarzt, welche die stationäre Flexibilität des Systems aufzeigt.
Das erste Produkt von Perivision wurde von der FDA, der US-amerikanischen Aufsichtsbehörde, von strengen klinischen Prüfungen ausgenommen. Das ist eine gute Nachricht, denn eine FDA-Zulassung öffnet auch den Zugang zu anderen Märkten, wie etwa der Schweiz. Weitere Studien werden derzeit durchgeführt und sind für dieses Jahr geplant. Sollten sie die bisherigen Ergebnisse bestätigen, hat die Technologie ein gutes Potenzial für den Durchbruch: Der US-Markt ist hungrig nach produktivitätssteigernden Technologien, und wenn es Perivision gelingt, eine Partnerschaft mit grossen Optiker-Ketten wie Costco oder Walmart einzugehen, dann könnte dies schlagartig das Wachstum befeuern.

Wettbewerbsvorteil durch KI

Abgesehen von einem attraktiven Markt und moderaten regulatorischen Anforderungen gefällt mir insbesondere, dass Perivision Tests sowohl mit hoher Genauigkeit als auch einem soliden Zeit- und Kostenvorteil durchführt – Produktivitätsgewinne, die auch Krankenkassen zu schätzen wissen. Ausserdem ist die künstliche Intelligenz ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zu Dinosauriern der Branche wie etwa "Zeiss", die übrigens auch ein potenzielles Exit-Target für Perivision darstellen könnten. Das Know-how des Perivision-Teams, KI erfolgreich auf Daten anzuwenden, ist zudem eine entscheidende Grundlage für geplante Produkterweiterungen wie etwa Ferntests oder die individuelle Prognose von Augenerkrankungen.
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Das Perivision-Team feiert seinen EIT Health Wild Card Accelerator Award im Jahr 2021.
Aber die Konkurrenz schläft nicht: Andere Unternehmen wie "Heru" oder "Virtual Field" haben bereits Produkte auf dem Markt etabliert, welche eine breitere Testabdeckung bieten, wie etwa Sehschärfe, Farbenblindheit, Kontrastempfindlichkeit oder Dunkeladaption. Perivision hat zwar ehrgeizige Ziele und will auch das UX der Software verbessern, aber das Startup muss sich vorerst voll und ganz auf die Markteinführung für Glaukompatienten im Jahr 2024 konzentrieren. Zu ihrem Vorteil setzen sich Neuerungen im Gesundheitssektor nicht so rasch durch und es dürfte noch etwas Zeit bleiben, den Marktführer für Augentests mit VR und KI zu küren.

Anstehende Finanzierungsrunde

Perivision hatte 2021 den EIT Health Wild Card Accelerator Award gewonnen und ein Innosuisse Forschungsdarlehen erhalten. Das Unternehmen plant für den Sommer 2023 eine weitere grössere Seed-Finanzierungsrunde – notabene zu einer recht ambitionierten Valuation. Mit den Geldern sollen Aktivitäten in allen Bereichen finanziert werden, wobei der gegenwärtige Schwerpunkt auf R&D zur Fertigstellung des finalen Produkts liegt. Zur Überbrückung bis in den Sommer sucht Perivision weitere Investoren, die sich bis Februar 2023 mit einem Wandeldarlehen (CLA) von total rund CHF 500k beteiligen, wovon aktuell bereits etwas mehr als die Hälfte gesichert ist.

Über den Autor

Ramon Forster ist seit mehr als zwanzig Jahren in der ICT-Branche tätig und kennt den Prozess der Due Diligence durch den Verkauf seines eigenen SaaS-Unternehmens "Picturepark" und seine Tätigkeit als Sictic-Investor. Heute hilft Ramon, aufstrebende oder bereits etablierte Technologie-Unternehmen als Berater oder Interim-Manager durch unbekannte Gewässer zu navigieren. Ausserdem berät er Organisationen auf ihrem Weg der digitalen Transformation. Dieser Beitrag gibt Ramons persönliche Meinung wieder, welche sich nicht mit jener der Redaktion von inside-it.ch decken muss. Die Kolumne soll nicht als Anlageberatung verstanden werden.

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