Wer sich heute irgendwo im Netz registriert, muss regelmässig Ampeln anklicken. Oder Fussgängerstreifen. Oder Velos. Ein Ritual, das inzwischen etwas Absurdes hat. Die Bilderrätsel wurden erfunden, um Maschinen auszusperren und werden mittlerweile von Maschinen zuverlässiger gelöst als von Menschen. Wir stehen also am Eingang zum digitalen Raum und beweisen unser Menschsein mit einem Verfahren, bei dem die Bots besser abschneiden als wir.
Teurer scheitern
Das ist kein Detailproblem der Benutzerfreundlichkeit. Es ist der sichtbarste Ausdruck einer Lücke, die immer teurer wird. Der Cyberspace füllt sich in rasantem Tempo mit Agenten, Bots und automatisierten Konten. Ein wachsender Teil davon ist so gebaut, dass er wie ein Mensch wirkt. Die Frage, ob am anderen Ende überhaupt eine Person steht, ist damit von einer Randfrage zur Systemfrage geworden. Fachleute nennen die Antwort darauf "Proof of Personhood" und es gibt kaum ein Problem, an dem die Digitalwirtschaft derzeit teurer scheitert.
Denn bisher löst das jede Plattform für sich. Betrugserkennung, Bot-Filter, Verifizierungsabteilungen, gekaufte Häkchen, all das ist privatwirtschaftliche Infrastruktur, die dieselbe Grundfrage tausendfach parallel und jedes Mal unzureichend beantwortet. Die Kosten tragen am Ende die Nutzerinnen und Nutzer in Form von Datenpreisgabe, Werbeprofilen und Ampelbildern. Und weil kein Anbieter die Wahrheit kennt, sondern nur Wahrscheinlichkeiten schätzt, bleibt das Ergebnis dauerhaft mittelmässig.
Gewahrte Anonymität
Genau hier liegt die Chance, die in der Schweizer E-ID steckt. Wir haben eine Architektur gewählt, die weltweit zu den besten gehört: datensparsam, dezentral, ohne zentrale Datensammlung, mit selektiver Bekanntgabe. Man kann damit ein einzelnes Kriterium nachweisen, ohne alles Übrige preiszugeben: Über 18, ohne Geburtsdatum. Wohnsitz in der Schweiz, ohne Adresse. Und, in einer Zeit maschineller Gesprächspartner das entscheidende Merkmal: Die Bestätigung, dass hinter einem Konto ein realer Mensch steht, ohne dessen Namen zu offenbaren.
Das ist der eigentliche Durchbruch. Eine Aussage, die die Privatwirtschaft mit Milliardenaufwand nur annähernd hinbekommt, wird in der Schweiz zu einer staatlich getragenen Grundleistung. Nicht als Überwachungsinstrument, sondern im Gegenteil: als anonymer, minimaler, überprüfbarer Nachweis. Ein Service public für das digitale Zeitalter, vergleichbar mit dem, was Strassen, Eisenbahn, Post und Grundbuch für die analoge Welt waren. Öffentliche Infrastruktur ist immer dort entstanden, wo etwas für alle notwendig, aber für den Einzelnen zu teuer war. Für den digitalen Beweis der eigenen Existenz gilt das nun ebenso.
Deshalb ist die E-ID kein Verwaltungsprojekt unter vielen. Sie ist die Antwort auf die Frage, wer im digitalen Raum überhaupt zählt. Deshalb hat eine zügige Einführung der E-ID jetzt höchste Priorität.
Über die Kolumne
Jeden Monat äussern sich Politikerinnen und Politiker sowie digital-politisch Engagierte aus allen Lagern zum Geschehen in Bern und in den Kantonen in der
"Parldigi direkt"-Kolumne. Heute schreibt Nationalrat Gerhard Andrey (Grüne/FR).