"Alle gegen Alle" im Geschäft mit Abrechnungen im Gesundheitswesen

27. März 2006 um 13:08
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H-Net geht gegen Medidata vor die Weko

H-Net geht gegen Medidata vor die Weko
Im Markt für den elektronischen Versand von Rechnungen zwischen Ärzten, Apotheken, Spitälern und den Versicherungen ist seit Monaten ein wildes Hickhack im Gange. So hat die Zürcher H-Net AG, die im Auftrag von Spitälern und Ärzten ein System für elektronische Rechnungsversand und Zahlenverkehr betreibt, unlängst eine Anzeige gegen Medidata bei der Wettbewerbskommission eingereicht. Wie die SonntagsZeitung gestern berichtete, hat die Weko nun eine Voruntersuchung eingeleitet. Medidata gehört fünf grossen Krankenkassen (CSS, Helsana, Concordia, Sanitas, Wincare) und der Suva und betreibt mit "Mediport" ebenfalls ein System für den elektronischen Transport von Rechnungen.
H-Net beklagt verschiedene Umstände. So subventionierten die Medidata-Aktionäre den Transport von Rechnungen, während sie Rechnungen von Ärzten und Apotheken, die über H-Net eingeliefert werden nicht entgegennehmen. Krankenkassen, welche keine Pauschalbeträge an Medidata bezahlen, müssen gemäss der Anzeige zwischen 30 und 90 Rappen pro eingelieferter Rechnung bezahlen. Daniel Bätschmann von Medidata relativiert allerdings: Man sei grundsätzlich bereit, sich mit H-Net auch über die Anlieferung von elektronischen Rechnungen von Ärtzten und Apotheken zu einigen.
Bezahlen wir doppelt?
Die SonntagsZeitung hat nun gestern einen weiteren Aspekt des Streits aufgegriffen. Patienten bezahlen die Rechnungsabwicklung bereits mit gewissen Taxpunkten auf der Arztrechnung, gleichzeitig aber finanzieren die Eigner-Krankenkassen Medidata / Mediport über jährliche Pauschalbeiträge, die zum Schluss wiederum über Prämien finanziert werden dürften. Bezahlen wir den elektronischen Datenausstausch im Gesundheitswesen also doppelt?
Ärzteverbände gegen Krankenkassen
Ein weiterer ziemlich heftiger Rechtsstreit zwischen den verschiedenenen Playern im Gesundheitswesen endete letzten Sommer im Patt. Die Zürcher Ärztegesellschaft klagte gegen Helsana wegen unlauteren Wettbewerbs - das Bezirksgericht Zürich erklärte sich aber für nicht zuständig. Seitdem hat Medidata gemäss Sprecher Heinz Brunner von der Ärztegesellschaft nichts mehr gehört.
Es ging darum, dass Helsana die Ärzte aufforderte, Rechnungen statt an Patienten direkt an die Kasse zu senden - die Krankenkasse lockte mit tieferen Administrationskosten und vor allem der Übernahme des Debitorenrisikos. Die Ärztegesellschaft klagte wegen unlauterem Wettbewerb, da Helsana die Ärzte bewusst falsch informiert habe.
Ebenfalls vergangenen Sommer kündete die ehemalige Medidata-Chefin Claudia Käch eine Klage vor der Weko gegen die Trust-Center der Ärztegesellschaften an, die ihrerseits von den Kassen Geld für die elektronische Übermittlung von Rechnungen verlangt hatten. Diese Anzeige bei der Weko unterblieb aber und Käch hat Medidata unterdessen verlassen.
Hintergrund: Wem gehören die Daten?
Im Hintergrund des seltsamen Hickhacks zwischen Ärzten, Spitälern und Kassen sowie ihren jeweiligen IT- und EBPP-Partnern (Electronic Bill Presentment and Payment) steht der Kampf um die knapper werdenden Mittel im Gesundheitswesen.
Krankenkassen wie CSS und Helsana möchten mit Medidata/Mediport einerseits ihre Transaktionskosten mindern. Andererseits kommen sie so zu umfassenden Zahlenmaterial über die Kosten, die einzelne Ärzte und Spitäler verursachen. Damit können die "Leistungserbringer" im Gesundheitswesen sehr genau verglichen werden - Grundlage für Preisverhandlungen einerseits und die Aussortierung von schwarzen Schafen andererseits.
Umgekehrt möchten Ärzteverbände die Rechnungen am liebsten über ihre eigenen "Trust-Center" laufen lassen, um selbst die Besitzer des kompletten Datenmaterials zu sein und zudem von den Kassen auch noch Geld für die elektronische Abwicklung der Rechnungen verlangen zu können. In einem Bericht der SonntagsZeitung vom vergangenen Juli ist von 1.50 Franken pro Rechnung die Rede - ein Millionengeschäft also. (Christoph Hugenschmidt)

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