Und hier noch unser Freitagabend-Kommentar
Im Gegensatz zur landläufigen Meinung lebt die Schweizer Gesellschaft nicht von der Produktion von Käse und dem Waschen von Geld. Oder wenigstens nicht ausschliesslich.
Dass dieses Land verhältnismässig (sehr) reich ist, hat viel, aber nicht nur mit Zufällen und Glück zu tun. Tatsächlich dürfte es nicht das persönliche Verdienst Einzelner sein, dass die Schweiz nach dem zweiten Weltkrieg als einziges Land neben Schweden in Europa mit einer intakten Industrie dastand.
Doch das Glück wurde auch gepackt. Es gibt in der Schweiz eine Hightech-Industrie, die seit Jahrzehnten äusserst erfolgreich weltweit Marktnischen entdeckt, mit fortgeschrittensten Produkten für sich erobert und verteidigt. Der Beispiele sind viele: Wenn Sie in Istanbul eine raffiniert gefaltete und bedruckte Kartonschachtel aufmachen, ist die Chance sehr gross, dass sie mit einer Maschine von Bobst gemacht wurde. Wenn sie in Sidney eine Beilage aus einer Zeitung nehmen, kann es gut sein, dass eine Anlage von Ferag diese in die Zeitung hineinbrachte und wenn sie in San Francisco ein Zahnimplantat oder ein Höhrgerät brauchen, kommt es mit einiger Wahrscheinlichkeit aus der Schweiz. Und wussen Sie, dass die Handelsbilanz der Schweiz mit China positiv ist? Dass "wir" mehr Waren aus dem Hochlohnland Schweiz ins Tieflohnland China verkaufen als umgekehrt?
Erfolgreich, aber völlig unbekannt, wenn nicht verkannt, ist
die Schweizer Softwareindustrie. Nicht mal der Verband der Maschinenindustrie weiss, wie hoch der Anteil der Software an der Wertschöpfung all der Maschinen und Anlagen ist. Und wussten Sie, dass die Fähigkeit der Schweizer Grossbanken, gute Software herzustellen (oder herstellen zu lassen), eine ihrer wichtigsten Wettbewerbsvorteile ist? Dass weltweit Flugzeuge mit Software aus Zürich herumdirigiert werden?
No brain, no industry
Die Ignoranz gegenüber der Schweizer Hightech-Industrie und besonders der Software-Industrie hat zu einer äusserst gefährlichen Entwicklung geführt, die wir an dieser Stelle schon
mehrfach beleuchtet haben: Die Attraktivität von Informatik als Beruf hat massiv abgenommen, immer weniger junge Leute beginnen eine Ausbildung im Informatik-Umfeld - der Industrie fehlen bereits heute Tausende von Fachleuten, die beraten, Software bauen und integrieren.
Das ist gefährlich, denn der Informatiker-Mangel bedroht eine spannende Industrie, deren einzige Rohstoffe Wissen, Phantasie und Können sind. Keine Leute, keine Industrie - so einfach ist das.
Endlich ein Anlauf
Die Nachwuchs-Problematik wurde bisher
eher in Insider-Kreisen diskutiert. Man bejammerte das Fehlen einer politischen Vetretung und die Absenz der IT-Industrie in der Bildungsplanung, gründete eifrig da und dort ein Verbändlein oder ein von durchsichtigen Verkaufsinteressen gesteuertes Interessengrüpplein. Doch gesellschaftliche Relevanz hat man damit nicht erreicht.
Und wo ist Microsoft?
Erstaunlich dabei scheint uns, welche Firmen bei informatica08 mitmachen und welche nicht. Ausgerechnet Microsoft, die sich seit Jahren als "Schweizer KMU" positioniert, die sich, wo es immer geht, mit Schweizer
Politprominenz schmückt. Google ist der einzige US-Konzern, der informatica08 unterstützt.
Wenn es darum geht, mehr "E-Health", mehr "E-Government", mehr "E-Police", mehr "Gesundheitskarte", mehr "Schulen ans Netz", mehr "Produktivität" oder mehr Highspeed-Verbindungen zu verlangen, sind viele der oben genannten stramm dabei. Klar - es gibt potentiell etwas zu verkaufen. Wenn es darum geht, eine für den hiesigen IT-Werkplatz gefährliche Tendenz zu beleuchten und konkret dagegen vorzugehen, wie es mit informatica08 versucht wird, stehen sie vornehm abseits. Microsoft Schweiz ist eben doch keine "Schweizer KMU", sondern die Verkaufsniederlassung eines US-Software-Konzern, der in Bezug auf die vielgelobten Vorteile des Entwicklungsstandorts Schweiz auf dem Trittbrett mitfährt. (Christoph Hugenschmidt)