Predictive Policing: Uneinigkeit zwischen Polizeicorps

4. November 2021, 14:36
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Während die Kantonspolizei Aargau und die Stadtpolizei Zürich Precobs einsetzen, findet die Kapo Basel-Land, dass die Software aktuellen Anforderungen nicht mehr genügt. Eine Übersicht.

Nachdem das bayrische Landeskriminalamt mitgeteilt hat, Precobs (Pre Crime Observation System) nicht mehr einzusetzen, steht die Software-gestützte vorausschauend Polizeiarbeit auf dem Prüfstand. Wir haben bei Befürwortern und Kritikern in der Schweiz nachgefragt.
Kritik an der Software ist nicht neu. So hiess es etwa vor einem Jahr, Precobs sei eine erste Applikation und basiere auf minimalistischer KI, nutze primär Mustererkennung, was nicht wirklich einer künstlichen Intelligenz bedürfe. Richtige KI sei bei der Schweizer Polizei noch nirgendwo angekommen. Doch der Reihe nach.
Die ursprünglich vom deutschen Institut für musterbasierte Prognosetechnik (IfmPt) entwickelte Software Precobs ist im letzten Jahr von Logobject in Opfikon übernommen worden. In der Schweiz setzen sie die Kantonspolizei (Kapo) Aargau und die Stadtpolizei (Stapo) Zürich ein. Tests sind kurz bei der Kapo Zürich gelaufen und die Polizei Basel-Landschaft hatte sie im Einsatz. Wir haben uns mit den Polizeicorps, dem Hersteller und einem Experten der ETH Zürich unterhalten.
Der "starke Rückgang der Fallzahlen bei den Wohnungseinbrüchen in Bayern und die damit verbundene quantitative Minderung der zur Berechnung notwendigen Datengrundlage" habe zu einer Verringerung der Prognosen geführt, erklärte das Bayrische Landeskriminalamt. Dies würde die "effiziente Nutzung von Precobs" beschränken, so die Begründung für das Ende des Einsatzes des Analysetools.
Dieses Argument will man beim Hersteller Logobject nicht nachvollziehen. Der Precobs-Einsatz bewähre sich schon bei einem Einbruch, betont denn auch Logobject-Verkaufs- und Marketingchef Albert Schöppl.
Eine Aussage, die man auch bei der Stapo Zürich teilt: "Für eine Alarmauslösung genügt in einem erkannten Risikogebiet ein einziger qualifizierter Wohnungseinbruch (mit einer hohen Wahrscheinlichkeit für Folgedelikte). In den übrigen Gebieten können Deliktskonzentrationen ebenfalls frühzeitig erkannt und Massnahmen eingeleitet werden", wie Pressesprecher Marc Surber ausführt. Nur für die Modellierung der Risikogebiete brauche es eine statistisch sinnvolle Grösse von zirka 10 bis 20 qualifizierten Near-Repeat-Delikten pro Gebiet und Jahr, fügt er an.
Ganz ähnlich erklärt Schöppl den Precobs-Einsatz. Für ihn sei die Schlussfolgerung der Bayern, die "vom System ausgelösten Alarme nahmen unverhältnismässig ab, so dass eine gezielte Einsatzsteuerung nicht mehr möglich war", falsch. Sei ein Risikogebiet definiert, sei selbst eine einzelne Meldung hilfreich. Denn so könne über eine Precobs-Auswertung der Parameter eines solchen Deliktfalls klare Rückschlüsse beispielsweise auf die Täterschaft möglich machen und etwa die Frage beantworten, ob Profis oder ein Einzeltäter am Werk waren.

Fallzahlen allein nicht ausschlaggebend

Differenzieren will auch Matthias Leese, der sich am Center for Security Studies der ETH Zürich unter anderem mit Predictive Policing beschäftigt. Zwar würden sich datengestützte Analyseverfahren primär für Massenphänomene eignen, im Kriminalbereich also für Delikttypen mit grossen Fallzahlen. Der Nutzen hänge jedoch "massgeblich vom Kontext und den strategischen Ausrichtungen einzelner Polizeidepartmente ab" und nicht ausschliesslich von der Zuverlässigkeit von Prognosen, stellt er klar. Software-Tools könnten auch zur strategischen Datenanalyse genutzt werden und es gebe im "speziellen Fall von Precobs eine Entwicklungstendenz, auch andere Deliktbereiche aufzunehmen und die Software zu einer Analyse-Plattform auszubauen", so Leese.
Interessant ist, dass die positive Einschätzung und das Festhalten an Precobs bei der Stapo Zürich genauso wie die Kritik und das Abstellen der Prognose-Software in Bayern mit rückläufigen Einbruchsdiebstahlszahlen begründet werden.
So wie die Bayern einen starken Rückgang der Fallzahlen bei den Wohnungseinbrüchen registrieren, sind auch in der Stadt Zürich 2020 die Einbruchszahlen um rund 20% gegenüber 2019 zurückgegangen. Die Wohnungseinbrüche seien sogar um rund 40% zurückgegangen, führt auch Stapo-Zürich-Sprecher Surber aus.
Das Fazit der Stadt Zürcher Polizei fällt genau gegenteilig wie das der Bayern aus: Precobs hat sich bewährt und bleibt weiter im Einsatz. Aktuell werde zu Testzwecken die weiterentwickelte Version Precobs Enterprise genutzt, die ein kontinuierliches Lagemonitoring im Einbruchgeschehen bringe und entsprechend schnelle Reaktionsbereitschaft. Da Precobs laufend weiterentwickelt und kundenspezifisch adaptiert werde, sei das System "mit der relativ modularen, erweiterbaren Enterprise-Plattform absolut zeitgemäss beziehungsweise zukunftsträchtig". Neue Tools fürs Predictive Policing, die speziell Precobs ablösen, habe man nicht im Einsatz, so Surber weiter: "In der raumbezogenen Prognose von Delikten gibt es nicht viel auf dem Markt – und keine Evidenz, dass es im Bereich des Wohnungseinbruchs leistungsfähigere Systeme gäbe."
Ganz ähnlich zuversichtlich gibt man sich übrigens auch bei der Kapo Aargau. Dort wird ebenfalls die Weiterentwicklung von Precobs betont, wobei auf Grund der rückläufigen Fallzahlen das ursprüngliche Berechnungsmodell mit alternativen Auswertungsmöglichkeiten ergänzt worden sei. Bei der Frage nach den Mindestfallzahlen wird ebenfalls abgewiegelt: "Auch wenn Precobs keinen Alarm ausgibt, werden unsere Einsatzkräfte über den Einsatzleiter 'Operative Massnahmen' gezielt gesteuert", teilt Pressesprecherin Corina Winkler mit. Weil sich die Software bewährt habe, stehe sie immer noch im Einsatz, fügt sie an.

Den neue Anforderungen nicht gewachsen

Anders sehen die Einschätzungen bei der Polizei Basel-Landschaft aus. Dort erklärt Pressesprecher Adrian Gaugler zunächst, dass Precobs schon seit rund anderthalb Jahren nicht mehr im operativen im Einsatz sei. Insofern könne man den Entscheid des Landeskriminalamtes Bayern nachvollziehen, den Betrieb der Software nach einer Kosten-Nutzen-Abwägung einzustellen, so Gaugler. Auch habe man in der Zeit während der Corona-Pandemie weniger Fälle registriert. Doch einen "konkreten Grenzwert, ab dem der Einsatz von Precobs zuverlässige Prognosen liefern könnte, liegt uns nicht vor", ergänzt Gaugler. Bei tiefen Fallzahlen zeige sich jedoch die mangelnde Zuverlässigkeit der Prognosen besonders stark. Dies habe sich auch schon vor der Pandemie, in den generell Einbruchs-schwachen Sommermonaten, abgezeichnet.
Zwar sei die Software "anfänglich für die Polizei Basel-Landschaft von grossem Nutzen" gewesen. Doch inzwischen seien die Anforderungen der Kriminalanalyse stark gestiegen. "Precobs kann diesen Anforderungen aus unserer Sicht aktuell nicht mehr gerecht werden, deshalb arbeiten wir seit rund 1,5 Jahren nicht mehr mit der Software", so Gaugler

Mensch ist Software überlegen

Ob die Technologie hinter Precobs veraltet sei, könne "nicht abschliessend beurteilt werden" schiebt er nach. Fest stehe, dass die Software "in unserem Kriminalanalyse-Dispositiv, das primär auf ein leistungsstarkes Team an Kriminalanalysten setzt, der Kosten-Nutzen-Analyse nicht standhalten kann".
Vielmehr habe man "in den letzten Jahren im Bereich der Kriminalanalyse viel Know-how aufgebaut", so der Sprecher. Das Team erreiche ein Prognose-Niveau, an das Precobs derzeit nicht herankomme.
Spannend ist zudem, dass der Kapo-Sprecher herausstreicht: "Wir sind offen für neue Technologien und Tools, aber aktuell dürften gut ausgebildete Analysten-Teams, den in der Schweiz einsetzbaren Predictive-Policing-Tools überlegen sein."
Auch im internationalen Kontext sei feststellbar, dass Predictive-Policing-Tools einen schweren Stand haben, führt Gaugler weiter aus. "Aber selbstverständlich werden wir die Forschung und den Markt in diesem Bereich weiterhin mit grossem Interesse beobachten."
Die Kapo Zürich teilt übrigens nur kurz mit, nicht mit Precobs zu arbeiten. Man habe im Jahr 2018 lediglich eine Weiterentwicklung des ursprünglichen Produkts Precobs getestet, die aber nicht zum Einsatz gekommen sei.

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