Die Schweizer Wirtschaft und ihr Verhältnis zur IT

7. April 2011, 13:25
image

Welche Rolle die Unternehmens-IT spielt und wie die Firmenkunden die Anbieter von Hardware, Software und IT-Services beurteilen, zeigt eine Studie von IDC. Und: Cloud Computing war gestern.

Welche Rolle die Unternehmens-IT spielt und wie die Firmenkunden die Anbieter von Hardware, Software und IT-Services beurteilen, zeigt eine Studie von IDC. Und: Cloud Computing war gestern.
Das "pièce de résistance" der Swiss IT Conference, die das Marktforschungsunternehmen IDC zusammen mit 'Computerworld' heute über die Bühne gehen liess, beglückte die Teilnehmer gleich zu Beginn der Veranstaltung: Die Präsentation der Studie "Der IT-Markt in der Schweiz - Fakten, Prognosen, Trends" bezeichnete auch CW-Chefredaktor und Konferenzmoderator Hansjörg Honegger als "persönlichen Höhepunkt".
Dabei ist der Titel eigentlich falsch: Es handelt sich nicht um eine Marktstudie im eigentlichen Sinn, sondern um ein Befindlichkeitsbarometer der Schweizer Wirtschaft zum Thema IT - aus dem sich natürlich auch gewisse Schlüsse für den Markt ziehen lassen. Befragt wurden von November 2010 bis Januar 2011 einerseits die IT-Führungskräfte von 603 in der Schweiz ansässigen Unternehmen, zweitens aber auch - in Zusammenarbeit mit der 'Bilanz' - 357 Führungsverantwortliche von der Business-Seite. Das Interessante an der Untersuchung: Die Antworten differieren zwischen Business und IT teils auf unerwartete Weise.
IT ist kein "notwendiges Übel"
Die Wahrnehmung unterscheidet sich nämlich schon hinsichtlich der Rolle der IT im Unternehmen: Die IT-Abteilung sieht sich selbst fast naturgemäss etwas mehr als wichtigen Faktor zur effizienten Leistungserbringung der Fachabteilungen, aber die Geschäftsleitung sieht die IT mit 27 Prozent deutlich eher als essentiellen Bestandteil der Unternehmensstrategie als die IT-Leiter mit 21 Prozent. Als blosser Kostenfaktor wird die IT fast nirgends betrachtet, und auch nur 13 Prozent der Antwortenden finden, die IT sein ein notwendiges Übel - pardon, es heisst natürlich "notwendiger Bestandteil der Infrastruktur des Unternehmens".
Die höchste Bedeutung wird der IT von beiden Seiten mit 3,9 Punkten auf einer Skala von 1 bis 5 bei der Unterstützung der Fachbereiche zur Optimierung von Geschäftsprozessen beigemessen. Pikant: Genau hier hapert es insbesondere laut Meinung der Business-Seite - während die IT bei Zuverlässigkeit, technischem Know-how, Leistungsfähigkeit und Reaktionsgeschwindigkeit mit 4,1 bis 3,7 Punkten gut abschneidet, erreicht sie punkto Kenntnis und Optimierung von Geschäftsprozessen nur 3,4 bis 3,5 Punkte. Ähnlich kritisch beurteilt das Management die Kosten der IT. Immerhin: Alle Werte haben sich seit der letzten Befragung von 2010 verbessert, bei 56 Prozent der befragten Manager ist die Zufriedenheit mit der IT in den letzten 3 bis 4 Jahren gestiegen; nur 13 Prozent sind heute weniger zufrieden mit ihrer Informatik.
Auf den Plätzen 2 bis 5 folgen in der IT-Bedeutungsskala die Aspekte "Bedienbarkeit/Usability verbessern", "Ausrichtung an Geschäftsprozessen", "IT-Lösungen für die Unternehmenssteuerung" (sprich: Business Intelligence) und "Bereitstellung von innovativen IT-Lösungen", wozu laut IDC-Analyst Matthias Kraus unter anderem Cloud Computing gehört. Alle vier Punkte sind für das Business allerdings bedeutender als für die IT selbst - der IT-Leiter sieht sich offenbar nach wie vor mehr als Garant eines reibungslosen Service denn als innovatives Mitglied des Managements und gibt sich so konservativer als die Geschäftsführung, die laut Kraus "nicht mehr akzeptiert, dass das IT-Budget zum Grossteil für den operativen Betrieb und die Verwaltung verbraucht wird."
Gefragt sei eine aktivere Rolle der IT als Wettbewerbsfaktor: IDC sieht darin grosse Chancen sowohl für die IT selbst als auch für das Unternehmen als Ganzes. Ganz generell wird die Zukunft der IT rosig gesehen: Für 55 Prozent der IT-Verantwortlichen und 51 Prozent der Business-Manager wird die Bedeutung der internen IT deutlich zunehmen. Für weitere 29 beziehungsweise 21 Prozent wird die Beratung und Unterstützung des Business durch die IT innerhalb des Unternehmens wichtiger, während man den reinen IT-Betrieb verstärkt auslagert.
Verbessern könnte sich die Kommunikation zwischen IT und Business: 51 Prozent der Business-Manager und 41 Prozent der IT-Leiter meinen, es werde nur von Fall zu Fall bei Bedarf der Fachabteilungen kommuniziert. Und während 38 Prozent der IT-Verantwortlichen festhalten, es gebe regelmässige Meetings auf Abteilungsebene, stellen dies nur 27 Prozent der Antwortenden aus dem Management fest. Punkto Kommunikation scheint also in der IT ein ziemlicher Unterschied zwischen Selbst- und Fremdbild vorzuliegen.
Zufriedenheit mit den IT-Anbietern
Für den im Studientitel zitierten "IT-Markt Schweiz" sind natürlich die Fragen zur Zufriedenheit mit den Anbietern am interessantesten. Die Zufriedenheit mit den Hardware-Anbietern ist generell gut, die Benutzerfreundlichkeit der Hardware hat sich aus Sicht der Befragten zwischen 2010 und 2011 allerdings von 3,5 auf 3,1 Punkte verschlechtert. Mit den Service-Anbietern war man im vergangenen Jahr zwischenzeitlich weniger zufrieden, 2011 liegen die Werte aber wieder auf dem höheren Niveau von 2009.
Auch mit den Software-Anbietern sind die Schweizer Unternehmen grundsätzlich zufrieden, ausser beim Preis, wie Matthias Kraus bemerkt: "Die bisherigen Lizenzmodelle sind in manchen Fällen überholt." Kraus sieht einen Bedarf nach nutzungsabhängigen Preisen und unterstreicht dies mit dem Beispiel eines Mitarbeiters, der eine Software nur einmal pro Monat einsetzt - warum soll man dafür eine Dauerlizenz lösen müssen? Die Anbieter, so Kraus, erkennen diesen Bedarf zunehmend: "Man kann oft verhandeln und bekommt dann das gewünschte Lizenzmodell."
Trendthemen
Als relevanteste Hardware-Themen werden Virtualisierung (fürs Management wichtiger als für die IT), Standardisierung (hier liegen die Verhältnisse umgekehrt) und Ausbau der Storage-Infrastruktur gesehen. Softwareseitig liegt mit 37 Prozent die Migration auf ein neues ERP-System an der Spitze, hier hat es laut IDC im vergangenen Jahr einen Investitionsstau gegeben. Dahinter folgt mit 32 Prozent das Thema ECMS/Dokumentenmanagement - in der Schweiz offenbar wichtiger als in anderen Ländern. Ebenfalls wichtig: die Einführung von Collaboration-Lösungen, wohl vor allem zur Reduktion von Reisekosten, Desktop-Virtualisierung und branchenspezifische Anwendungen auf Standardbasis. Nur gerade 5 Prozent der Teilnehmer sehen dagegen Business Process Management als wichtiges Softwarethema.
Bei den Service-Themen steht die Relevanz der Inanspruchnahme von Beratungsdienstleistungen (50%) und der stärkeren Ausrichtung der IT an den Geschäftsprozessen (30%) an der Spitze; sie ist allerdings seit 2010 gesunken. Dafür sieht man Cloud Computing heute mit 14 Prozent als relevanter an; im letzten Jahr lag der Wert bei 9 Prozent. IDC geht davon aus, dass Cloud Computing als Thema in den nächsten Jahren zunehmend dominiert. Matthias Kraus: "Wir stehen zwar noch am Anfang - aber wer sich heute nicht damit befasst, ist vielleicht schon zu spät dran, wenn der Zug dann wirklich losfährt." Auf die Frage eines Konferenzteilnehmers, der Cloud Services zu teuer findet, kontert Kraus mit dem Argument, bei der Kostenrechnung gingen für den eigenen IT-Betrieb oft die Administrationskosten vergessen.
Cloud Computing war denn auch das Thema diverser weiterer Präsentationen an der Swiss IT Conference 2011. Während Manfred Eierle, Schweiz- und Deutschland-Chef von CA Technologies, das Thema in ziemlich rosigen Farben schilderte und bereits von Grid Computing als nächstem grossen Schritt sprach, meinte Holger Herbst von Swisscom IT Services: "Cloud ist mehr als eine Infrastruktur hinzustellen und den Einschaltknopf zu drücken." Und der Begriff werde möglicherweise bald verschwinden: "Cloud Computing" sei negativ behaftet, viele Kunden hätten Sicherheitsbedenken. Er spricht lieber von der Industrialisierung der IT oder, wie Ko-Referent Pierre Aeschlimann von BMC Software, von "Dynamic automated standardized Computing". (Urs Binder)

Loading

Mehr zum Thema

image

Atos lehnt Übernahmeangebot des Konkurrenten Onepoint ab

Der kriselnde Konzern sollte für seine Cybersecurity-Sparte 4,2 Milliarden Euro erhalten. "Nicht im Interesse der Stakeholder", sagt der Verwaltungsrat.

publiziert am 30.9.2022
image

Urs Truttmann wird Digitalchef der Stadt Luzern

Nachdem Truttman seit April schon interimistisch als CDO im Einsatz stand, übernimmt er die Leitung der Dienstabteilung Digital jetzt definitiv.

publiziert am 29.9.2022
image

Ransomware-Banden kaufen Erstzugänge extern ein

Für nur gerade 10 Dollar können sich Cyberkriminelle auf Darkweb-Flohmärkten Zugänge zu Systemen kaufen. Damit können sie dann Schlimmes anrichten.

publiziert am 29.9.2022
image

Regierung will Millionen für Digitale Transformation von Basel-Land ausgeben

Für die digitale Verwaltung und den Aufbau eines Governance-Modells sollen 21 Millionen aufgewendet werden. Es gebe dazu keine Alternative, so der Regierungsrat.

publiziert am 29.9.2022