Kulturwandel durch Informatik

30. September 2010, 15:08
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40 Jahre Institut für Informatik der Universität Zürich.

40 Jahre Institut für Informatik der Universität Zürich.
Am Symposium zum 40-jährigen Geburtstag des Instituts für Informatik der Universität Zürich hielt Prof. Dr. Jeannette M. Wing von der amerikanischen Carnegie Mellon University ein bemerkenswertes Referat zur Zukunft der Informatik. Sie beleuchtete ein Phänomen, das sie mit dem kaum direkt übersetzbaren Begriff "Computational Thinking" (CT) bezeichnet. Es geht dabei um den Kulturwandel, den die Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT) ausgelöst hat.
In der kurzen Zeit ihres Bestehens hat die ICT praktisch alle Bereiche unseres Lebens in der einen oder anderen Form durchdrungen. Der Umgang mit ICT, so die These von Prof. Wing, ist zu einer Kulturtechnik geworden wie Lesen, Schreiben oder Rechnen und beeinflusst deshalb - ähnlich wie diese klassischen kulturellen Fertigkeiten - die Art und Weise, wie wir denken. Und CT hat zur Technik der Simulation geführt, die neben Theorie und Experiment zu einer dritten Säule der Wissenschaft geworden ist.
Automation der Abstraktion
Als Schlüsselvorgang, der diese jüngste und grundsätzliche Erweiterung unserer Kultur möglich macht, identifizierte Prof. Wing die Automation der Abstraktion, und zwar im mathematischen Sinn verstanden, wie sie der Computer als Maschine ermöglicht. Abstraktionen, so Prof. Wing, seien unsere mentalen Werkzeuge. Deren Einsatz nennt sie "Computational Thinking".
Unterschiedlichste Beispiele dafür, vom banalen Alltag bis hin zu anspruchsvollster wissenschaftlichen Tätigkeit, schüttelte sie nur so aus dem Ärmel. Das ging vom Warten in einer Warteschlange über das Kochen nach Rezepten, das Lesenlernen, die Anwendung von Rechenregeln der Grundrechnungsarten in der Elementarschule, bis hin zur Umformung eines schwierigen theoretischen oder praktischen Problems in einfach lösbare Teilprobleme. Wichtig ist dabei immer die Wahl der optimalen Abstraktion, die gleichzeitige Verarbeitung unterschiedlicher Abstraktionsebenen und die Erkenntnis der Beziehungen zwischen diesen Ebenen, wie das für den Einsatz von Software und Hardware im Computer der Fall ist.
Bildung und Ausbildung zum Computational Thinking
Bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts sieht Jeannette Wing CT zu einer voll in unser Leben integrierten Kulturtechnik heranwachsen, gleichwertig neben Lesen, Schreiben und Rechnen. Dazu müssen spätestens jetzt gezielte Ausbildungsmöglichkeiten geschaffen werden, und zwar für alle Lebensabschnitte: vom Kindergarten über Grund- und Mittelschule sowie in allen Hochschul-Disziplinen, zur Fortbildung im Arbeitsleben und auch für Senioren.
In ihrem Referat ging sie detailliert auf dem breiten Fächer der dazu erforderlichen bildungspolitischen Massnahmen ein, die vor allem - aber nicht nur - junge Menschen betreffen. Darüber hinaus nannte sie auch eine Reihe von Problemen, denen sich die gegenwärtige und zukünftige Informatik widmen muss. Es geht dabei um Antworten auf scheinbar einfache Fragen, wie: Was ist Intelligenz? Was ist Information? Was ist unter "Computable" zu verstehen?
Und schliesslich muss die Ingenieurwissenschaft der Informatik Mittel und Wege finden, um auf einfache Weise komplexe System zu bauen. So fehlt beispielsweise eine Komplexitätstheorie für Systeme, wie sie bereits für Algorithmen existiert. Und es müssen Mittel und Wege gefunden werden, um Systeme zu bauen, die sowohl einfach und verständlich sind als auch mit wenig Aufwand unterhalten und modifiziert werden können, die jedoch die hohe Komplexität der Funktionen vermitteln, wie wir sie schon heute - aber mit sehr hohem Einsatz und Risiko - erzielen können.
Jeannette Wing schloss ihr Referat mit zwei Aufrufen an Menschen ausserhalb der Universität, die vor ihrer Berufswahl oder einem Berufswechsel stehen: Erstens, in der Informatik gibt es sowohl sehr herausfordernde als auch attraktive Probleme, die dringend tieferes Verständnis und eine Lösung erfordern. Und zweitens, mit einem Hauptfachabschluss in Informatik steht einem die ganze Welt der Natur- und Geisteswissenschaften offen - Informatik ist Bestandteil unserer Kultur geworden. (Gregor Henger)

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