Leider Nein (heute politisch)

1. Juni 2012 um 16:17
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Und hier noch unser Freitagabend-Kommentar.

Der Ort (das Restaurant Clouds im Zürcher Prime Tower) war super, die Referenten, allen voran der Zürcher Stadtrat Martin Vollenwyder, witzig und intelligent, der Moderator, TV-Journalist Reto Lipp, kompetent, das Catering hervorragend, die anderen Gäste nett und interessant und die Aussicht auf die Stadt bei Eindunkeln schlicht der Hammer. Es gibt nichts zu meckern: Adnovums Podiumsveranstaltung unter dem Motto "Welcome zu Silicon City" war gut.
Warum nur hatte ich trotzdem nach der Diskussion über die Zukunft des Software-Engineerings in Zürich ein ungutes Gefühl? Dabei hat doch Rudolf Minsch, Chefökonom des Wirtschaftsverbands Economiesuisse, in seinem Referat eine der wichtigsten Aussagen gemacht, die ich in den letzten Jahren an ähnlichen Veranstaltungen gehört habe: Es gibt eine nachweisbare und deutliche Korrelation zwischen den staatlichen Ausgaben für Vorschulerziehung und dem Anteil von Frauen in der Hightech-Industrie. Wir können also künftig bei der Diskussion um die Frage, warum Frauen in der Schweiz nicht Ingenieurinnen und damit auch nicht Informatikerinnen werden wollen, auf jegliche Biologismen und ideologischen Aussagen verzichten: It's the economy, stupid! Wenn es keine Infrastruktur für Vorschulerziehung gibt, macht es keinen Sinn, einen Beruf zu ergreifen, bei dem man wegen der zu langen Babypause früher oder später den Anschluss verliert.
Und Martin Vollenwyder - die Inkarnation der intelligenten "Zürischnurre" - zeigte unbescheiden (aber richtig) auf, wie die Stadt Zürich mit "eZürich" einen Prozess angestossen hat, der über die Stadt- und Kantonsgrenzen ausgeht: "Wir haben zusammen mit dem Kanton einen Termin bei Frau Leuthard und Herrn Schneider-Ammann beantragt. Nach dem Meeting wird alles gut", sagte der populäre oberste Finanzer der Stadt Zürich mit wohltuender Selbstironie.
Und trotzdem: Die Podiumsdiskussion liess mich betrübt zurück, denn die IT-Industrie selbst ist offenbar unbelehrbar. Man fand sich gegenseitig vor allem gut, Google-Schweiz-Chef Patrick Warnking machte unverholen Reklame ("Kauft mehr AdWords") und von Selbstkritik in Sachen Fachkräfte-Mangel war keine Spur. Kein Wort davon, dass die grossen IT-Unternehmen viel zu wenig Lehrlinge ausbilden, kein Wort davon, dass die IT-Branche nicht zu unrecht den Ruf hat, stressige und unsichere Jobs zu bieten. Niemand erwähnte Avaloq, niemand sagte etwas zum kommenden Stellenabbau bei Hewlett-Packard (ex Swissair, ex Atraxis, ex EDS) und niemand äusserte sich darüber, dass ein Informatiker-Job bei den Grossbanken in Zeiten der "Industrialisierung" für viele kein Zuckerschlecken ist. Und auch die Tatsache, dass man es jahrzehntelang versäumt hat, die einst angelockten Quereinsteiger weiterzubilden und diese, weil nicht mit modernen Technologien und Methoden vertraut, gerne mit jungen Leuten ersetzt, kam nicht vor. Auch der Fakt, dass die Informatik in vielen Firmen noch die ungute Kultur der engen Termine und des Projektstresses pflegt, wurde ignoriert.
Nein, von den guten Gründen, warum IT nicht überall einen guten Ruf hat, war keine Rede und deshalb auch nicht davon, was man dagegen tun könnte (und an vielen Orten auch tut). Dafür war man sich zum Schluss dann einig, dass "die Medien" schuld am schlechten Image der IT-Berufe seien. Oder sind es doch die gewalttätigen Computergames? (Christoph Hugenschmidt)

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